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Parfum: Herzlicher Impressionismus

09.11.2016 | 15:02 |  von Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

Das Parfümeursduo Michel Almairac und Mylène Alran versuchte sich in einer besonderen Fingerübung und erkundet das duftende Herz der Rose.

Herzhaft. Mit Verbena entfaltet sich eine zitronige Rose in „Fleur de Parfum“ von Chloé (50 ml um 82 €). / Bild: (c) Beigestellt 

Ungreifbar und schwer zu fassen sind die Ergebnisse ihrer Mühen, dabei in höchstem Maße sinnlich. So verwundert es kaum, dass Parfümeure ihre Arbeit mitunter als Spielart der abstrakten Kunst sehen. Denn es geht ihnen zumeist nicht darum, und es wäre ja auch schlichtweg unmöglich, einen dominanten Inhaltsstoff eins zu eins (also „realistisch“) aus der Natur in den Flakon zu überführen, sondern vielmehr um die Wiedergabe eines durchaus subjektiven olfaktorischen Eindrucks.

Was nun die seit zehn Jahren anhaltend erfolgreichen Düfte aus der Chloé-Parfumfamilie betrifft, so stellen sie immer neue Variationen eines floral-orientalischen Themas dar, nämlich der warmen Rose mit Amber-Charakter. In Marketingunterlagen stellt man dabei stets ungeahnte, fantastische Facetten in den Mittelpunkt: die Rose zu Mittag und am Morgen etwa oder auch die blühende Rose am Nachmittag und eine zart mit Morgentau bedeckte Rose bei Sonnenaufgang. Da scheint es kaum mehr offene Spielarten zu geben, und doch will nun die zuletzt lancierte „Fleur de Parfum“-Variation in das Innerste der als so begehrenswert dargestellten Blume vorstoßen und widmet sich – erraten? – dem Herzen der Rose.

(c) Beigestellt Michel Almairac. Der gebürtige Grassois gehört zu den anerkanntesten Parfümeuren der Branche.Michel Almairac. Der gebürtige Grassois gehört zu den anerkanntesten Parfümeuren der Branche. / Bild: (c) Beigestellt 

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Zitroniges Zentrum. Verantwortlich für diese kardio-florale Komposition, wenn man so will, war ein Zweigespann von Parfümeuren: Der bekannte, seit vielen Jahren in der Branche tätige und aus Grasse gebürtige Michel Almairac machte gemeinsame Sache mit der jungen Mylène Alran, die sich, aus dem Südwesten Frankreichs stammend, aus etwas weiterer Ferne auf das Metier zutastete. Und während im Pressetext, wie erwähnt, vollmundig vom Herzen der Rose die Rede ist, beruht für die Parfümeure die Originalität dieser Neuschöpfung auf der markanten Kombination mit einem in der Haute Parfumerie letzthin wenig gebräuchlichen Inhaltsstoff: „Mylène hatte die zündende Idee, mit einem Verbena-Extrakt zu arbeiten, um so den natürlichen Zitruscharakter der Rose stärker zu betonen. Was wir Parfümeure tun, ist ja nichts anderes als impressionistische Kunst: Wir vermitteln unsere subjektive Vorstellung einer Rose, indem wir uns anderer Elemente bedienen“, sagt Michel Almairac im Gespräch mit dem „Schaufenster“.

Während hierzulande Verbena, eine Verwandte des Eisenkrauts, kein sehr verbreitetes Aroma ist, gehört es als Verveine zum Standardrepertoire französischer Kräutertees. Kaum verwunderlich also, dass früher Parfümeure gern mit dieser Pflanze arbeiteten. „In den vergangenen Jahren ist das Eisenkraut aber fast aus unserem Repertoire verschwunden“, sagt Almairac: „Das hatte mit EU-weiten Anti-Allergen-Auflagen zu tun, sodass Verveine aus vielen gängigen Formeln entfernt werden musste.“ Erst vor Kurzem sei es Robertet, einem der wichtigsten auf die Herstellung von Riechstoffen spezialisierten Konzerne und Arbeitgeber von Almairac und Alran, gelungen, eine besonders reine und wieder bedenkenlos verwendbare Version zu erzeugen.

Hightech-Metier. Während unweigerlich die Originalität einer Komposition das für die Auftraggeber entscheidende kommerzielle Erfolgspotenzial mitbedingt, spielt für die Parfümeure der Zugriff auf neue, zuvor möglichst noch nie verwendete Inhaltsstoffe eine entscheidende Rolle. „Unser Metier ist einerseits sehr traditionell, viele über lange Jahre bewährte Techniken kommen zum Einsatz. Andererseits gibt es einen sehr ausgeprägten Hightech-Aspekt“, sagt Mylène Alran. „Dazu gehören etwa neue Extraktionsmethoden, die Entwicklung von Inhaltsstoffen, die der Branche neue Möglichkeiten eröffnen. Und so sind auch häufig bestimmte neue Inhaltsstoffe mit der Erfolgsgeschichte eines neuen Parfums verbunden, in dem diese erstmals zum Einsatz kamen.“ Das hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben, sei es bei synthetischer Vanille in frühen Guerlain-Parfums, bei den überdosierten Aldehyden in N° 5 von Chanel oder dem jasminähnlichen Hedion in „Eau Sauvage“ von Dior.

(c) Beigestellt Mylène Alran. Die junge Französin erkannte schon früh ihre besondere Sensibilität für Gerüche.Mylène Alran. Die junge Französin erkannte schon früh ihre besondere Sensibilität für Gerüche. / Bild: (c) Beigestellt 

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Was nun „Chloé Fleur de Parfum“ betrifft, so hofft das Duo Almairac und Alran, dass sich die neue Robertet-Verbena als Schlüssel zur Aufnahme in den parfümistischen Kanon herausstellen könnte. „Für mich ist das immer einer der größten Wünsche“, sagt nämlich Michel Almairac, „also einen Duft zu schaffen, der möglichst lang erhalten bleibt und vielleicht sogar zum Klassiker wird.“ Unter den unzähligen Neulancierungen, die es ständig gibt, ist dieses Los freilich nur wenigen beschieden.

Worte finden. Womit man letztlich den Geschmack der Konsumenten trifft, können nicht einmal zwei Profis wie Mylène Alran und Michel Almairac sicher vorhersagen. „Gewiss ist aber, dass in unserem Zusammenspiel immer wieder der eine dem anderen weiterhilft, wenn er an eine Blockade zu stoßen droht oder nicht mehr weiterweiß“, sagt Almairac. „Auch wir müssen aber erst eine gemeinsame Sprache entwickeln“, ergänzt Alran. Parfümeure würden zwar häufig sehr präzise sprechen, oft Rohstoffe als Chiffren gebrauchen, es gebe aber immer eine sehr subjektive, kaum vermittelbare Komponente. „Ich zum Beispiel“, meint Alran, „führe sogar Tabellen, in denen ich meine persönlichen Assoziationen und Erinnerungen zu einzelnen Inhaltsstoffen notiere, das ist dann natürlich etwas sehr Persönliches.“

Almairac sieht die eigentliche Herausforderung anderswo: „Wie wir Parfümeure über unsere Kreation sprechen, das entspricht nicht zwingend den Worten, die die Marketingabteilung eines Kosmetikkonzerns findet, um den Duft zu bewerben und zu beschreiben. Das kann zu heiklen Situationen führen, wenn etwa ein Parfümeur sich missverstanden fühlt. Darum gehört es auch zu den größten Herausforderungen in unserer Arbeit, sich mit allen Beteiligten auf einen Diskurs zu einigen, und auf ein ganz bestimmtes Narrativ, das dann nach außen geht.“ Dass es bei „Fleur de Parfum“ eine Erzählung vom Herzen der Rose geworden ist, zählt freilich zu den schöneren Kapiteln der jungen Parfumgeschichte.

Eine Reise nach Paris erfolgte auf Einladung von Coty Inc..

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