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Parfums der Siebziger: Die üppigen Jahre

16.03.2017 | 15:39 |  von Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

Leichtigkeit ist etwas anderes: Eine parfümistische Spurensuche in den Siebzigern anhand ausgewählter Duftkostbarkeiten.

Von links: „Anaïs Anaïs“ von Cacharel. „Opium“ von Yves Saint Laurent. „Aromatics Elixir“ von Clinique. „Chamade“ von Guerlain. „Cristalle“ von Chanel. „Diorella“ von Dior. „Azurée“ von Estée Lauder. Im gehobenen Fachhandel erhältlich. / Bild: (c) Christine Pichler 

Was Patrick Süskind legendärerweise auf den ersten Seiten seines Romans „Das Parfum“ gelang – die Rekonstruktion des Geruchs einer fernen Zeit nämlich –, kann ein journalistischer Text naturgemäß nicht replizieren. Ohnehin geht es hier ja weder um eine übel riechende noch eine sehr ferne Vergangenheit, sondern um die Frage, wie wohl der Smell of the Seventies gewesen sein mochte. Eines steht fest: Jene Parfums, die dieses Jahrzehnt olfaktorisch prägten und heute noch existieren, gehören jedenfalls zu den Helden ihres Fachs. Sich vier Jahrzehnte – oder länger – zu halten, das ist schon eine Leistung (eine durchschnittliche Komposition der vergangenen Jahre überlebt bisweilen nur ein, zwei Saisonen, ehe sie von einem engstens verwandten Nachzügler abgelöst wird).

Legendäre Parfümeure. Realistischerweise kann angenommen werden, dass auch die beiden 1969 lancierten Düfte „Azurée“ von Estée Lauder und „Chamade“ von Guerlain in das Jahrzehnt hineinstrahlten beziehungsweise -dufteten. Bei „Chamade“ ist es übrigens unklar, ob Jean-Paul Guerlain sich wirklich von Françoise Sagans Liebesgeschichte in „La Chamade“ (1965) inspirieren ließ – der sinnliche und damit zutiefst französische Charakter dieser wuchtigen Komposition ließe jedenfalls darauf schließen. „Azurée“ ist ebenfalls kein leichter, vielmehr ein üppig-würziger Duft, den Estée Lauder weiterhin als Teil der „House of Estée Lauder“-Kollektion im Programm hat. Die Verwandtschaft zu Lauders Klassiker „Youth Dew“ (1953) ist nicht abzustreiten, und auch der legendär gewordene Duft der Lauder-Tochter Clinique, „Aromatics Elixir“ (1971) kann auf einen ähnlichen Stammbaum blicken: Wie „Azurée“ wurde „Elixir“ von Bernard Chant geschaffen, und dieser wunderbar gelungene Chypre-Duft gibt wahrscheinlich sehr repräsentativen Einblick in eine typische Siebzigerjahre-Duftwolke.

Lilienknospen. Kaum weniger gehaltvoll ist „Diorella“, 1972 komponiert von dem legendären Dior-Parfümeur Edmond Roudnitska, der hier eine feminine, immer noch moosige Entsprechung zu seinem Männermeisterwerk „Eau Sauvage“ (1966) schuf. Für frische Abwechslung nach Jahren der Chypre-Wucht sorgte das wunderschön grüne, gleich Lilienknospen sich entfaltende Eau de Toilette „Cristalle“ von Henri Robert für Chanel (1974): ein Echo von „Chamade“ vielleicht, das ja ebenfalls mit einer Lilienouvertüre aufwartet, ehe der unverkennbare Guerlinade-Akkord für Wärme und Beruhigung sorgt. Diese vorübergehende Ergrünung (man möchte nicht die Geruchskulisse einer Opernloge imaginieren, in der eine „Azurée“- neben einer „Chamade“-Trägerin zu sitzen kommt – so großartig diese Parfums auch sein mögen!) verblühte in legendärster Weise, als 1977, akkurat im Jahr des „Schaufenster“-Entstehens, „Opium“ von Yves Saint Laurent herauskam: Der ganze Orient in einem von japanischen Inrō-Medizinboxen inspirierten Flakon, eine fernöstliche Explosion der Würzigkeit, die auch die ganzen Achtzigerjahre prägen sollte.
Die letzte große bemerkenswerte Lancierung der Siebzigerjahre kam 1978 dann als ein weiß-florales Bukett: Cacharel brachte „Anaïs Anaïs“ als einen betont jugendlichen Duft heraus. Die mit Fettlinsenästhetik fotografierte Kampagne von Sarah Moon sorgte für verkaufssteigernde Skandälchen. Bis sich die schwere Tuberose in Diors „Poison“ (1985) als nächster epochaler Blumenknüller entfalten würde, mussten noch ein paar Jahre ins Land ziehen. Die wurden allerdings mit einer Sillage, die alle erwähnten Düfte in ihrer Gesamtheit entfalteten, auf das reichhaltigste ausgefüllt.

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