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Geza Schön: „Für die Arbeit mancher Kollegen schäme ich mich“

12.10.2017 | 10:14 |  von Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

Ansichten eines Außenseiters: Ein Gespräch mit dem unabhängigen Parfumeur Geza Schön, der seiner Branche den Rücken gekehrt hat.

Bild: (c) Sandra Ludewig 

Wenn es einen Parfumeur gibt, der eine echte Fangemeinde um sich versammeln kann, dann ist das wohl Geza Schön. Er hat es Anfang der Nullerjahre gewagt, aus den erprobten Schienen der Duftbranche auszuscheren, verzichtete auf seinen Job in einem der größten Fine-Fragrance-Konzerne der Welt und machte sich in einem Umfeld selbstständig, wo eigentlich kein Platz für unabhängige Positionen vorgesehen ist. Seine so einfache wie geniale Idee, den synthetischen Duft-Booster Iso E Super unverdünnt in Flakons abzufüllen und als „Molecule 01“ auf den Markt zu bringen, machte ihn für Parfumerieverhältnisse berühmt. Auf diesen ersten Auraverstärker folgte eine ganze Kollektion an Düften der von Schön gegründeten Marke „Escentric Molecules“ – und zugleich die Freiheit für Geza Schön, seinem aus Leidenschaft gewählten Beruf unter selbst gewählten Bedingungen nachzugehen. Das „Schaufenster“ traf Geza Schön in Berlin zum Gespräch über olfaktorische Sozialisierung, vorhersehbare Neulancierungen und Trüffel unter Parmesan.

Über die Haute Parfumerie heißt es oft, es sei für Außenseiter schwierig, sich da Platz zu schaffen. Wie wurden Sie zum Parfumeur, fern von Grasse und den dort ansässigen Clans?
Ich habe mich früh für das Thema interessiert, als Teenager schon Proben verschiedener Parfums gesammelt und auch vom Schüleraustausch in Amerika neue Düfte mitgebracht. Dann habe ich durch Zufall die Tochter von einem der Chefs der Firma Haarmann und Reimer in Holzminden (nach einer Fusion heute Teil des Symrise-Konzerns, Anm. d. Red.) kennengelernt. Später habe ich mich an der Idee festgebissen und die Verantwortlichen dort nicht mehr in Ruhe gelassen, bis man mich für einen halben Tag zum Schnuppern reingelassen hat, um an der Seite von einem Parfumeur zu schauen, ob ich überhaupt Talent hatte. Nach Abitur und Zivildienst begann ich mit der firmeneigenen Ausbildung.

(c) Beigestellt Zum Star unter allen  Nischenparfumeuren wurde Schön mit seiner Escentric-Molecules-Kollektion: Der erste Duft, „Molecules 01“, besteht zu hundert Prozent aus dem synthetischen Riechstoff Iso E Super, dem auraverstärkende Wirkung nachgesagt wird. Zum Star unter allen Nischenparfumeuren wurde Schön mit seiner Escentric-Molecules-Kollektion: Der erste Duft, „Molecules 01“, besteht zu hundert Prozent aus dem synthetischen Riechstoff Iso E Super, dem auraverstärkende Wirkung nachgesagt wird. / Bild: (c) Beigestellt 

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Was macht den Unterschied – ist es eine Frage des Talents, ob man Parfumeur werden kann?
Des Talents und der Ausdauer. Während der Ausbildung lernt man viele technische Aspekte über Rohstoffe kennen; man erfährt, wie diese sich zueinander verhalten. Wenn man nicht jahrelang Zeit hat, mit Rohstoffen herumzuspielen und zugleich ein Gefühl dafür entwickelt, wird so eine Karriere nicht möglich sein. Der wirkliche Unterschied ist, ob man bloß ein oberflächliches Wissen ansammelt, oder ob man in die Tiefe der Materie zu gehen versucht.

Nach zwölf Jahren im Konzernkontext beschlossen Sie, sich selbstständig zu machen. Es gibt kaum Mavericks in der Fine-Fragrance-Branche: Sind Ihre Pläne gleich aufgegangen?
Eines meiner ersten Projekte war ein Projekt für Bombay Sapphire: Ein Gin-and-Tonic-Duft, der wirklich ziemlich gut geworden ist. Dann kam ein Duft für einen brasilianischen Luxusstore, andere für ein paar kleinere Designer in London, für eine Pflegemarke. Und dann habe ich mit Molecules angefangen, wobei relativ schnell klar wurde: Das wird laufen. 2005 bin ich nach Berlin umgezogen, im Jahr darauf haben wir Molecule 01 bei Harvey Nichols in London lanciert. Später hat mir der Erfolg von Escentric Molecules einen Teppich ausgerollt, der zahlreiche weitere Projekte ermöglicht hat.

Warum gibt es so wenige unabhängige Parfumeure?
Parfumeure, die bei einem der großen Konzerne angestellt sind, haben kein schlechtes Leben. Man kassiert ein gutes Gehalt, bekommt jede Woche neue Briefings vorgelegt und arbeitet in diesem genau abgesteckten Rahmen. Ich habe das auch eine Weile gemacht, aber es war mir irgendwann zu langweilig.

(c) Beigestellt Im Auftrag des Kunstbuchverlages Steidl interpretierte Geza Schön den Geruch von Papier parfumistisch.Im Auftrag des Kunstbuchverlages Steidl interpretierte Geza Schön den Geruch von Papier parfumistisch. / Bild: (c) Beigestellt 

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Können Sie bei den Ausschreibungen großer Modemarken mitpitchen, Ihre eigenen Konzepte vorlegen?
Nein. Da gibt es die eingeschworenen Duftteams bei diesen großen Konzernen, die auf die Ausschreibungen der Marken angesetzt werden, und die Marketingteams dahinter. Das ist alles eingefahren und oft substanzlos, darauf muss ich verzichten können. Ich hatte immer selbst Ideen, die besser waren und die ich umsetzen wollte.

Seit einigen Jahren kreieren Sie Duftnoten für die Pflegeprodukte von La Biosthétique, etwa Shampoos einer Langhaarserie. Ist das nicht unter Ihrer Würde?
Gar nicht, weil ich von Anfang an darauf bestanden habe, mit einem Fine-Fragrance-Anspruch zu arbeiten. Früher gab es nur wenige Shampoos im deutschsprachigen Raum, bestimmte Duftnoten wie das Sieben-Kräuter-Shampoo oder Badedas. Diese Klassiker haben einen olfaktorischen Fingerprint hinterlassen, der sich nicht ohne weiteres auf andere Länder übertragen lässt. So gibt es für jeden Kulturkreis eine geruchliche Sozialisierung.

Interessiert es Sie noch, was am Markt passiert, ob im Masstige-Bereich, in der echten oder falschen Nischenparfumerie?
Darüber habe ich neulich nachgedacht. Ich hatte Werbung für ein paar neue Düfte gesehen – Neulancierungen großer Marken, mit neuem Namen, neuem Flakon. Früher wäre jedes dieser Parfums zum Knüller geworden, aber diese großen Erfolge haben vor zehn, fünfzehn Jahren aufgehört. Seit Ende der Neunzigerjahre gibt es für mich kaum mehr anspruchsvolle, konzeptuell durchdachte Düfte. Für die Arbeit mancher Kollegen schäme ich mich richtiggehend. Darum rieche ich immer seltener Parfums, die auf den Markt kommen, weil ich genau weiß, was mich erwartet.

(c) Beigestellt Für La Biosthétique  parfumiert Geza Schön Pflegeprodukte: Etwa Shampoos und Sonnenpflege. Auch ein erstes Parfum wurde lanciert. Für La Biosthétique parfumiert Geza Schön Pflegeprodukte: Etwa Shampoos und Sonnenpflege. Auch ein erstes Parfum wurde lanciert. / Bild: (c) Beigestellt 

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Dann gibt es keine spannenden Trends, die Sie am Markt sehen?
Der letzte starke Trend, den ich sehen würde, sind die Oudh-Düfte. Sie sind für den europäischen Markt eigentlich widersinnig: Oudh ist ein sehr spezieller Geruch, den man mögen muss; in Europa wächst der Adlerholzbaum nicht. Oudh wird also meist mit sehr viel Süße kombiniert, weil man es sonst nicht ertragen würde. Das ist so, als ob man den Geschmack von Trüffel mit ganz viel Parmesan überdeckt, weil man ihn nicht aushält.

Kann ein Parfum heute überhaupt noch zum Klassiker werden?
Nur schwer. Es ist kaum mehr Kreativität da, nur mehr Kommerz. Wenn ein Duft im ersten Jahr nicht das Ergebnis erbringt, das erwartet wird, ist es für dieses Parfum gelaufen. Es gibt überhaupt keine Grundvergütung für die Vorschläge, die bei einem Pitch unterbreitet werden. Bei den Größen, die da verlangt werden, ist das heute kein lukratives Geschäft mehr.

Würden Sie sagen, dass jeder Parfumeur seinen eigenen Stil hat? Erkennen Sie die Arbeit Ihrer Kollegen blind?
Ich würde behaupten, ja. Wenn ich weiß, dass unter zehn Düften einer von Michel Almairac ist oder von Mark Buxton, dann finde ich diesen wahrscheinlich heraus. Manche Kollegen hatten in der Vergangenheit so starke Ideen mit so viel Charakter, dass man daraus auf ihre Denkweise rückschließen kann.

(c) Beigestellt Zu den unabhängigen Designerdüften, die Schön kreierte, zählen die Parfums von Saskia Diez.Zu den unabhängigen Designerdüften, die Schön kreierte, zählen die Parfums von Saskia Diez. / Bild: (c) Beigestellt 

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Was charakterisiert dann den Geza-Schön-Stil: Eine ordentliche Dosis Iso E Super?
Wahrscheinlich beinhalten tatsächlich 99 Prozent meiner Düfte Iso E Super. Generell mag ich es holzig: Hölzer sind extrem wichtig, weil sie sophistiziert sind und dabei nicht laut. Außerdem mag ich es frisch. Und animalisch, ein gutes Parfum muss immer ein bisschen was Dreckiges in sich tragen, finde ich.

Gibt es irgendeinen Job in der Branche, der Sie noch reizen würde: In-House-Nase bei einer der wenigen Marken, die sich so etwas leisten zum Beispiel?
Nein, ganz ehrlich. Finanziell ist das nicht machbar, für keine der beiden Seiten. Ich müsste viel Zeit dafür aufwenden, womöglich nach New York, Paris oder Mailand umziehen. Ich habe eine kleine Tochter, mit der ich Zeit verbringen möchte, ich finde mein Leben in Berlin toll, und ich gehe nirgendwo sonst mehr hin.

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