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Parfums gegen Trump

16.04.2018 | 12:43 |  Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

Unabhängige Parfumexpertinnen in Berlin und Wien: Ihre Haltung zu Präsident Trump eint Pauline Rochas und Stefanie Hanssen.

Klingender name. Pauline Rochas ist die Enkelin des Couturiers Marcel und seiner Muse Hélène Rochas. / Bild: (c) Michel Arnaud 

Dass es sie nach Wien verschlagen hat, ist ein Zufall. Dass sie nach 20 Jahren im Herbst 2016 aus New York wegmusste, war Pauline Rochas aber klar. „Ich habe eine Doppelstaatsbürgerschaft und hatte mich lang nicht um die Erneuerung meines französischen Reisepasses bemüht. Am Tag nach der Wahl von Trump war ich aber auf dem französischen Konsulat in New York, denn ich wusste: Ich muss nach Europa zurückgehen“, erinnert sich Rochas in einem Beletage-Appartement unweit des Schwarzenbergplatzes und – zufälligerweise – auch in direkter Nachbarschaft zur französischen Botschaft. Zu Paris, der Stadt, in der sie aufgewachsen ist und aus der es sie früh wegzog, hat Pauline Rochas ein etwas gespaltenes Verhältnis. Und das, obwohl ihr Familienname in der französischen Mode- und auch der Parfumgeschichte für besonderen Wohlklang bürgt.

Ein klingender Name. Paulines Großvater Marcel Rochas gründete 1925 das nach ihm benannte Modehaus. Nach seinem Tod im Jahr 1955 führte seine Ehefrau und Muse, Hélène, die Geschäfte weiter. „Sie war damals die jüngste Präsidentin eines Modehauses in Frankreich und in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung“, sagt Pauline bewundernd über ihre Großmutter. Im Lauf der Zeit verblasste die Bedeutung des Modehauses etwas, wenngleich die Parfums sich ungebrochener Beliebtheit erfreuten und zum Rang echter Klassiker aufstiegen. „Femme Rochas“, 1945 von Edmond Roudnitska für Marcel Rochas als Verbeugung vor seiner Frau komponiert, gehört zu den stilbildendsten Düften des 20. Jahrhunderts.

(c) Beigestellt Pauline Rochas Parfums führt etwa ­Nägele & Strubell.Pauline Rochas Parfums führt etwa ­Nägele & Strubell. / Bild: (c) Beigestellt 

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„Früher war ich mir dieses Erbes nicht so bewusst“, sagt Pauline Rochas, die in New York am Fashion Institute of Technology studiert hat und später als Still-Life-Fotografin arbeitete. „Nach dem Tod meiner Großmutter haben sich aber viele Themen in meinem Leben neu präsentiert, sind neue Fragen aufgetaucht.“ Um diese zu beantworten, suchte Pauline Rochas die Hilfe eines Schamanen, der sie zugleich auf die Bedeutung der sieben Chakren aufmerksam machte. „Wir haben auch mit ätherischen Ölen gearbeitet, um die Chakren zu stimulieren“, erinnert sich Rochas, die nach dieser Erfahrung die Idee zu einer eigenen Parfumkollektion entwickelte: „Dann ist alles sehr schnell gegangen, wenige Monate später habe ich die ersten Düfte meiner ,Coolife‘-Kollektion lanciert.“ Sieben Parfums sind so nach und nach entstanden – eines zur Aktivierung jedes Chakras, wobei sich Pauline Rochas sicher ist: „Jeder greift instinktiv zu dem, das für ihn passt.“

So habe sie von zahlreichen sexuellen Abenteuern erfahren, in denen „Le deuxième parfum“, das diese Energie aktiviert, verwickelt gewesen sein soll. Das vierte sei „hyperorientalisch und sehr erdverbunden“, das siebente soll für die Anbindung an höhere Sphären sorgen. In Ermangelung weiterer Chakren hat sich Pauline Rochas nun einem anderen Thema zugewandt: Ihr aktuelles Interesse gilt maßgeschneiderten Düften, für die sie etwa mit Hotels und Concept Stores kooperiert.

Bloß ein paar Schritte von der Touristenattraktion Checkpoint Charlie an der Berliner Friedrichstraße entfernt, erwähnt die Betreiberin einer weiteren Nischenparfumerie-Marke ebenfalls ihre Großmutter als wichtigen Bezugspunkt: Stefanie Hanssen hat ihr luxuriöses Duftlabel „Frau Tonis Parfum“ sogar nach dieser benannt, und zwar, „weil sie mich die Liebe zu den schönen Dingen und durchaus auch die Idee von schönen Düften lehrte“. Dass es aber überhaupt so weit gekommen ist und Hanssen sich als kleiner Anbieter auf das umkämpfte Terrain der Haute Parfumerie vorwagte, ist einem olfaktorischen Schlüsselerlebnis geschuldet.

(c) Beigestellt Berliner Luft. Stefanie Hanssen konzipierte ihr Duftlabel „Frau Tonis Parfum“ als Hommage an ihre Großmutter. Berliner Luft. Stefanie Hanssen konzipierte ihr Duftlabel „Frau Tonis Parfum“ als Hommage an ihre Großmutter. / Bild: (c) Beigestellt 

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Der verlorene Duft. 2009 saß Stefanie Hanssen bei einem Besuch der Berliner Philharmonie neben einer Dame, deren Parfum sie als besonders angenehm empfand und das ihr anschließend nicht aus dem Kopf ging. „Zum Glück habe ich nicht nachgefragt, welchen Duft sie trug – sonst gäbe es Frau Tonis Parfum heute wahrscheinlich nicht“, hält sie fest. Denn so musste sich Hanssen in Eigenregie auf die Suche nach dem entwischten Wohlgeruch machen und bei Besuchen unzähliger Parfumerien mit Sprache ringen, Worte finden, sich unverstanden fühlen: „Oft fühlte ich mich, als würde ich in den Parfumerien einen Monolog halten. Es war so, als könnten sich die Verkäuferinnen aus dem üblichen Marketingsprech gar nicht mehr herausdenken. Manches, was ich angeboten bekam, war wirklich unglaublich daneben.“

Der Gedanke „Das müsste man doch selbst machen können“ stellte sich alsbald ein, und nachdem die Finanzierung gefunden war („in Berlin hat aber keine Bank an mich geglaubt“) und ein Geschäftslokal, wurde ihr Parfumlabel mit zunächst 26 Düften lanciert. Es folgten zehn weitere, der Großteil sind Eaux de Parfum, es gibt ein paar wenige Colognes. Bekanntheit erlangte Hanssen auch dank einer Auftragsarbeit des KaDeWe, das von ihr Stadtparfums zu Hamburg, Berlin und München haben wollte. Volkswagen hingegen bat sie um einen experimentellen, doch keineswegs unschönen Benzinduft namens „Mémoire de pétrole“.

(c) Beigestellt Zu beziehen über www.frau-tonis-parfum.comZu beziehen über www.frau-tonis-parfum.com / Bild: (c) Beigestellt 

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Hanssens bislang letzter Streich ist ein Duft, der von der wilden Energie Berlins inspiriert ist und auch so klingt: „Vild“ ist ganz anders als die Berlin-Komposition für das KaDeWe und eben ein olfaktorisches Porträt der Stadt, die Hanssen liebt wie keine andere in Deutschland. „Dieses Parfum spiegelt auch wider, wie ich hier in Berlin lebe, wie sehr das Politische in das Private hineingeht. Ein Schreckmoment im vergangenen Jahr war die Angelobung von Trump als Präsident, und das war tatsächlich ein Beweggrund, so einen Duft zu machen.

Der Grundgedanke ist, ein Parfum aufzutragen, das mich wachhält und mich daran erinnert, dass ich den Mund aufmache. Also ja, durchaus ein starkes Parfum zu machen, das aus einer politischen Haltung entstanden ist.“ Die etwas rohere Qualität dieses Dufts entspricht zugleich einem sich wandelnden Geschmack Hanssens: „Vor ein paar Jahren wäre ich im Leben nicht darauf gekommen, die Idee eines Berliner Rebellen als Parfum zu interpretieren.“ Und es ist vielleicht auch in keiner anderen Stadt denkbar, nicht einmal in der Parfumhochburg Paris, einen Duft als politisches Manifest anzulegen: Berliner Schnauze, einmal anders.

 

Links: Die Website von Pauline Rochas' Parfumlinie By Coolife und die Website von Stefanie Hanssens "Frau Tonis Parfum".

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