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Kunst in Prishtina: Auf einer Wellenlänge

17.06.2016 | 10:35 |  Ruth Weismann  (Die Presse - Schaufenster)

Erstmals ist bei der Liste Basel auch ein Kunstraum aus dem Kosovo vertreten – betrieben wird er von zwei Wienerinnen.

Isabella Ritter und Katharina Schendl (r.), Galeristinnen in Prishtina. / Bild: Christine Pichler 

Dabei zu sein, das bedeutet Aufmerksamkeit und neue, bestenfalls hochkarätige internationale Kontakte. Das gilt für die Art Basel, eine der  wichtigsten Kunstmessen der Welt, aber auch die kurz zuvor startende Liste Basel, auf der sich jene aufstrebenden Künstler und Galerien versammeln, die auf der Art Basel noch keinen Platz finden oder sich an eine andere Klientel wenden möchten.

Wie die Art Basel ist auch die Liste Basel dicht gedrängt; Neuzugänge sind selten und fallen auf. Zumal, wenn sie aus einem Land kommen, das außerhalb der Kunst-Trampelpfade liegt. Erstmals ist heuer ein kommerzieller Kunstraum aus dem Kosovo auf der Liste Basel vertreten, den – die nächste Überraschung – zwei Wienerinnen betreiben: Isabella Ritter und Katharina Schendl haben im Jänner 2015 auf 30 Quadratmetern in Prishtina ihren Artspace Lambda Lambda Lambda eröffnet. Die erste kommerzielle Galerie für zeitgenössische Kunst im Kosovo, wie beide betonen. „Man denkt natürlich zuerst an Krieg und Konflikte, wenn man Kosovo hört“, bestätigt Schendl. Viele Europäer wissen wohl wenig über das Leben in dem kleinen Land, in dem 1999 noch Krieg geherrscht und das 2008 seine Unabhängigkeit erklärt hat.

Reiner Zufall. Schendl, eigentlich ausgebildete Architektin, arbeitete zuvor als Kuratorin am Wiener Museum für moderne Kunst. Sie hat in Ljubljana gelebt und bereist seit Langem intensiv Osteuropa. Im Kosovo war sie zum ersten Mal im Dezember vor vier Jahren, bei Eiseskälte und dichtem Nebel. Trotz des Wetters traf Amors urbaner Pfeil punktgenau. „Es gibt Länder, da fühlt man sich sofort wohl und spürt eine Verbindung“, beschreibt sie ihren ersten Eindruck. Mit Isabella Ritter hatte sie schon zuvor die Idee, ein gemeinsames Projekt umzusetzen. Nach Prishtina lud sie Ritter aber eigentlich ein, um ihr die spezielle Energie der Stadt zu zeigen.
Und einen tollen Buchladen. „Wir sind zum Geschäft gekommen, und es war leer. Mit einem Schild drauf: ,Zu vermieten‘.“ Zwei Tage später unterschrieben die beiden den Mietvertrag für ihren neuen Galerieraum.
Schnelle Entscheidungen sind eine Stärke des Duos. Der Name ergab sich genauso zufällig bei einem Abendessen mit dem Künstler Seth Price. Er schlug Lambda Lambda Lambda vor, eine Anspielung auf eine Studentenverbindung in dem Film „Revenge of the Nerds“. „Er hat auch gleich das Logo auf eine Serviette gezeichnet“, erzählt Ritter lachend. Passenderweise steht Lambda in der Physik für Wellenlänge. Auf derselben sind Schendl und Ritter auf jeden Fall.

Schendl hat ihren Lebensmittelpunkt inzwischen in Prishtina und fühlt sich da zu Hause. Sie reist durch Osteuropa und knüpft Kontakte in der Region. Ritter pendelt zwischen Paris und Wien und kümmert sich mehr um den Westen. Diese inoffizielle Aufteilung funktioniert in einer kleinen Struktur mit dem erklärten Ziel, Künstler so aufzubauen, dass diese von ihrer Kunst leben können. Und das ist im Kosovo neu. „Klar gibt es andere Verkaufsgalerien, aber die sind auf einem anderen Niveau“, so Schendl. Dass es eine international ausgerichtete, professionell agierende und zeitgenössische Galerie noch nicht gegeben hat, hat handfeste Gründe. Die Bewohner des Kosovo können nur schwer ins Ausland reisen; ein Visum zu bekommen ist vielerorts kompliziert. Bis Ende des Jahres soll sich das allerdings ändern.

Jung und energiegeladen. Dass mehr als die Hälfte der Kosovaren jünger als 25 Jahre sind, merke man, so Schendl und Ritter, an der vibrierenden Kreativszene. Mit dem PriFest gibt es ein hochgelobtes internationales Filmfestival; der kosovarische Kurzfilm „Shok“ war heuer für den Oscar nominiert. Auch der Musikszene streuen die beiden Lorbeeren, und in der Mode gebe es ebenfalls tolle Produktionen. Die Energie ist also da. Darum wurde auch die Eröffnung der Galerie euphorisch aufgenommen. „Zu den Vernissagen kommen viele Leute. Und die jungen Kunstschaffenden wollen natürlich alle bei uns ausstellen“, sagt Ritter.

Das Konzept lautet: Kosovarische Künstler mit inter-
nationalen zusammenzubringen und so das Programm zu gestalten. Die Eröffnungsausstellung im Jänner vergangenen Jahres zeigte Arbeiten der Irin Nadja
Athanassowa und der Kosovarin Flaka Haliti, die im selben Jahr auch bei der Kunstbiennale in Venedig den kosovarischen Pavillon gestaltete. Haliti ist eine der wenigen bekannten zeitgenössischen Künstlerinnen des Kosovo. Wie viele andere hat sie im Ausland studiert: Haliti lebt in München, studiert hat sie in Frankfurt. Astrit Ismaili, der auch von Lambda Lambda Lambda vertreten wird, macht einen Master in Amsterdam, und Videokünstler Dardan Zhegrova ist „dank Internet“ Autodidakt.
Zeitgenössische Ansätze, Performance, die Beschäftigung mit Genderthemen, unterschiedlichsten Materialien, Austausch – das alles wollen Schendl und Ritter fördern. Denn in der Vergangenheit gab es vor allem politische Kunst, die sich mit der post-kommunistischen Realität, dem Krieg und ähnlichen Themen aus-einandersetzte. Die neue Generation will aber zeigen, dass es auch im Kosovo ein neues Bewusstsein gibt. Dass zeitgenössische kosovarische Kunst inzwischen auch anders kann. Dass die Aufbruchstimmung in dem jungen Land, das ja auch seine Identität noch verhandelt, vielfältiger ist. Selbst politische Ansätze würden junge Künstlerinnen und Künstler nun anders kommunizieren als ältere Semester, sagt Ritter. Sie arbeiten viel mit individuellen Auseinandersetzungen. Gleichzeitig denken Kunstschaffende dort nicht an den Kunstmarkt. Das sei erfrischend und mache sich in der Art der Kunst durchaus bemerkbar. Internationale Vermarktung sei dennoch notwendig, sind die beiden überzeugt. Denn von irgendetwas müssen auch junge Künstlerinnen und Künstler leben.

Tipp:

Wien – Prishtina – Basel. Die Galerie Lambda Lambda Lambda ist im Herzen von Prishtina angesiedelt, Programm siehe www.lambdalambdalambda.org

Die Art Basel findet heuer von 16. bis 19.  Juni statt, www.artbasel.com Die Liste Basel startet am 14.  Juni, www.liste.ch

 

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