Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

Testessen: Tian am Weißensee

19.01.2018 | 08:50 |  Anna Burghardt (Die Presse - Schaufenster)

Wie man eine Marke verwässert. Das Kärntner Tian ist, weil unverändert, ein seelenloser Raum mit Billigmöbelhaus-Flair und vergessenen Weihnachtsglitzerengeln.

Bild: (c) Rainer Schoditsch 

Als das Tian 2011 in Wien eröffnete, waren Zweifel berechtigt, ob das Konzept aufgehen würde: vegetarische Küche mit hohem Anspruch, ein beachtenswerter Weinkeller, saftige Preise. Hat Wien darauf gewartet? Heute hält das Restaurant, von Christian Halper dank Superfund-Geld aufgebaut, bei einem Michelin-Stern und drei Hauben. Küchenchef Paul Ivic ist einer, den man ernst nimmt. Dank Raritätenlieferanten kann er das vegetarische Zutatenspek­trum voll ausschöpfen – ob Schlehen, Nackt­hafer oder der Igel-Stachelbart, ein seltener Pilz. Seit Herbst 2014 gibt es auch in München ein Tian-Restaurant, außerdem zählen ein Bistro am Spittelberg, eines im Kunsthaus Wien sowie ein im Frühjahr zu eröffnendes in der Wiener Herrengasse zu Christian Halpers Tian-Gruppe. Schon etwas verschämter wurde im Oktober des Vorjahres kommuniziert, dass nun auch der Kärntner Weißensee ein Tian habe. Im Weissenseerhof, ebenfalls im Besitz Halpers, wird seither nämlich unter dem Label Tian ebenfalls vegetarisch gekocht.

(c) Rainer Schoditsch / Bild: (c) Rainer Schoditsch 

+ Bild vergrößern

Und hier wird es absurd: Warum verwässert Halper seine eigene, als anspruchsvoll etablierte Marke derartig? Es beginnt beim Interieur: Die Tian-Restaurants in Wien und München sind zwar Geschmackssache, aber in Stilfragen doch eindeutig motiviert. Das Tian am Weißensee ist, weil unverändert, ein seelenloser Raum mit Billigmöbelhaus-Flair und vergessenen Weihnachtsglitzerengeln. Tages-Aperitif: der Cocktail „Sex on the Beach“. Das sechsgängige Menü bietet drei Hauptspeisen zur Wahl, jede ist glutenfrei, lactose-, fructose- und sonst wie frei.

Der frisch angereisten Familie am Nachbartisch dürfte dies nicht so wichtig sein. Sie hat, wie schon im Vorjahr, Halbpension gebucht und wird nun damit konfrontiert, dass das ganze Haus neuerdings nach Christian Halpers Willen fleischlos zu speisen habe. „No meat? No fish? À la carte also no meat?“, fragt der Vater tapfer noch einmal, man sieht hinter seiner Stirn die Möglichkeiten rattern. Abreisen? Sich fügen? Fremdgehen beim Abendessen?

Das Küchenteam, dem das fleischlose Tian-Dasein aufgezwungen wurde, bemüht sich nach Kräften. Viel größere Ideen als Frischkäseparfait auf Rote-Rüben-Püree, Ofenkartoffel mit Ratatouille und Pesto, Paradeiser-Chili-Risotto mit gebratenem Lauch oder Bulgur-Pilz-Pfanne schauen dennoch nicht heraus. Zum Dessert kommt ein Sojafruchtjoghurt, das dank (nicht restlos aufgelöster) Gelatine den Namen Panna cotta tragen darf. Ab jetzt darf man derlei also Tian-Küche nennen.

Info

Tian im Weissenseerhof, Neusach 18, 9762 Weißensee, Tel: 04713 22 19.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Meistgelesen
    Als Gast kommentieren

    ...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

    *... Pflichtfelder

    Sicherheitscode

    >>>
    Schwer lesbar? Neuen Code generieren

    Verbleibende Zeichen

    Lesen Sie mehr