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„Wer will mit uns unverschwenden?“

27.03.2017 | 16:42 |  von Anna Burghardt (Die Presse - Schaufenster)

Überschüsse im Glas: Von zu schönen Paradeisern, koketten Karotten und nötigem Paradigmenwechsel.

Netzwerk. Cornelia und Andreas Diesen­reiter haben Unverschwendet gegründet. / Bild: (c) Christine Pichler 

„Ich habe mich geweigert, Papier zu kaufen.“ Also werden die Gläser, etwa mit selbstgekochtem Kürbis-Quitten-Chutney oder Petersilien-Cremesalz, in Papier gewickelt, das von Rollen aus einer Zeitungsdruckerei stammt. Papier, das sonst entsorgt worden wäre. „Der Abfall des einen ist die Ressource des anderen“ – dieser Kernsatz der Zero-Waste-Bewegung beschreibt auch das Konzept des Labels Unverschwendet: ob überschüssiges Papier, Kürbisse, die für Supermärkte angeblich zu klein sind, oder Paradeiser, die für eben diese zu perfekt reif (sic) sind. Diesenreiter zeigt ein Foto von besagten Paradeisern, die gewaschen und in Kisten verpackt in die Unverschwendet-Küche kamen: eine flache, gefurchte Sorte in geradezu wolllüstigem, tiefleuchtendem Rot. Die Abnahme wurde dem Produzenten kurzfristig verweigert, das zu rote Rot der Paradeiser wurde beanstandet. „Diese Sorte gehört genau so. Aber das sind die Konsumenten nicht mehr gewohnt. Viele glauben, die werden am nächsten Tag schon schlecht, und kaufen diese dann nicht“, sagt Cornelia Diesenreiter.

Vom Denken ins Tun

Überschüsse aus der Landwirtschaft – und zwar keine Abfälle, sondern frischeres Material als im Supermarkt, weil noch eine Stufe vor diesem – sind das Kapital von Unverschwendet. Die Geschwister Cornelia und Andreas Diesenreiter haben das Unternehmen vor einem Jahr gegründet, das Crowdfunding via Startnext verlief sehr erfolgreich. Im September kauften die beiden für Unverschwendet einen Marktstand am Schwendermarkt im 15. Wiener Bezirk, der nun Büro, Lager, Küche und Verkaufsraum beherbergt. (Die Parallele zwischen Markt- und Unternehmensnamen ist Zufall.) Cornelia Diesenreiter ist gelernte Köchin und hat dank eines Boku-Leistungsstipendiums in England einen Master in nachhaltigem Produktdesign gemacht. Ihr Bruder Andreas arbeitet seit Längerem im Bereich Kommunikation, Grafik und Marketing.

Die Eigenproduktion von Chutneys oder Fruchtaufstrichen aus perfekten Kürbissen mit Größenmanko, aus zweibeinigen Karotten oder zu roten Paradeisern war nur der erste Schritt, „damit wir vom Denken ins Tun kommen“. Demnächst wird die Küche vergrößert, um deutlich mehr Überschüsse verwerten zu können als bisher – zwischen 30.000 und 50.000 Gläser sollen es heuer werden. Langfristig will Unverschwendet Teile der Produktion auslagern und auch eine Drehscheibe für überschüssiges, gleichzeitig aber besonders frisches Gemüse und Obst sein, etwa um Äpfel an Brennereien oder Cidre-Produzenten zu vermitteln. Man wird aber wohl auch weiterhin als Thinktank fungieren; schon jetzt wird Cornelia Diesenreiter dank ihres internationalen Know-hows im Bereich Zero Waste für Vorträge engagiert. „In England muss man Zero Waste niemandem mehr erklären. Hier ist es noch etwas Neues.“

(c) Christine Pichler / Bild: (c) Christine Pichler 

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Einen Zentimeter zu groß

Es sind bei Weitem nicht nur die sogenannten Misfits, also abseits der Norm gewachsene Gemü­se, die von Unverschwendet verarbeitet werden, etwa zu Grüne-Paprika-Salsa oder Karotten-Ingwer-Fruchtaufstrich. Auch Kirschen oder Kriecherln aus privaten Gärten können, ab etwa fünf Kilo Menge, zum Marktstand gebracht werden. „Achtzig Prozent unserer Rohstoffe sind jedoch solche, die in unseren Augen perfekt sind, aber vom Großgrünmarkt oder von Supermarktketten abgelehnt werden. Wir hatten Bio-Zucchini, die einzeln verkauft werden hätten sollen, aber dafür einen Zentimeter zu groß waren.“ Supermärkte dürfen, so Cornelia Diesenreiter, den Produzenten 24 Stunden vor der Lieferung absagen. Das führt zu der perversen Situation, dass Hunderte Kilo groß gezogene, geerntete, gewaschene, verpackte Karotten – frischeste Ware – über Nacht fürs Erste nutzlos geworden sind. „Die Bauern haben dann auch nicht die Ressourcen, umzudisponieren oder das Gemüse zu verarbeiten.“ Diese Tatsache werde in den Medien kaum beleuchtet. „Es ist immer nur die Rede von den Mengen, die im Supermarkt übrigbleiben.“ Nicht aber von den Überschüssen, die eine Stufe vor dem Supermarkt verursacht werden. „Darüber reden die Bauern nicht gern. Und wenn sie sich beschweren, werden sie entlistet.“

Effizienz. „Diese Aufgabe ist extrem vielschichtig“, sagt Andreas Diesenreiter, „wir sind gerade am Rechnen, wie das Vermitteln und Verwerten von Überschüssen am effizientesten funktionieren kann.“ Es wäre schließlich auch wieder umweltbelastend, wenn jede interessierte Köchin, jeder Caterer selbst zum Bauernhof fahren würde, um sich Gemüse zu holen. Was Unverschwendet vorhat, braucht für den Erfolg emanzipierte Konsumenten, denen die absurden Hintergründe der landwirtschaftlichen Überschüsse nicht egal sind. „Wir wollen keine kleinen lokalen Feinkostproduzenten sein. Wir wollen in großem Stil Überschüsse verwerten“, sagt Cornelia Diesenreiter. Und fragt: „Wer will mit uns unverschwenden?“

Tipp

Köstliche Überschüsse. Die Produkte von Unverschwendet gibt es u. a. am Schwendermarkt in Wien. Wer ab Mai etwa Kirschen in größeren Mengen abzugeben hat, kann sich bei Cornelia Diesenreiter melden: 0660/3934280. www.unverschwendet.at

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