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Israel: Auf ein Isra Ale im Beer Bazaar

05.07.2017 | 13:37 |  von Anja Martin (DiePresse.com)

Bier hatte bisher am Jordan keine Tradition. Die neue Craft-Beer-Szene ist gut unterwegs, dies zu ändern.

Themenbild / Bild: Israel Tourismus (Dana Friedlander) 

Eng nebeneinander stehen die Bierflaschen im Regal. Eng nebeneinander sitzen auch die jungen Israelis an der Theke. Sie tragen Jeans, Röckchen, Mottoshirt, Krawatte und sitzen auf Barhockern, schaumgekrönte Gläser in der Hand. Über ihren Köpfen leuchtet grün das Logo „Beer Bazaar“, in dessen Mitte: ein stilisiertes Bierglas. Was hier ganz weit weg ist: Stammtische, Bierbäuche, Maßkrüge. Denn Bier hat in Israel keine Tradition. Nur elf bis 15 Liter werden im Jahr pro Person konsumiert. In Österreich bringt man es auf 103,2 Liter. Aber das muss ja nicht so bleiben.
Früher Nachmittag auf dem Carmel Markt in Tel Aviv. Rundherum wird eingekauft. Auf ausladenden Straßenständen stapeln sich heimisches Obst und Gemüse, das man dem größtenteils trockenen Land mit Fleiß, Technik und Know-how abtrotzt. In Shops wartet frisches Gebäck in überbordender Vielfalt, an koscheren Falafel-Ständen bilden sich Schlangen.

In dieses klassische Sortiment haben sich die beiden Freunde Juval Reznikovich und Lior Weiss mit ihrem Bierstand gewagt. Der ist eine Art hippe Trinkhalle. Oder ein Schaufenster der Craft-Beer-Szene des Landes. Zu den fast hundert verschiedenen Flaschenbieren kommen zwei bis drei, die frisch gezapft werden. „Es ist neu für Israelis, tagsüber Bier zu trinken“, sagt Juval Reznikovich, blonde Locken, Dreitagebart, wasserblaue Augen und etwas Verschmitzt-Freundliches im Gesicht. Zwischendurch „ein Bierchen zu zischen“, wie anderswo in der Welt, war in Israel bisher nicht gesellschaftsfähig. Aber genau darauf beruht die Geschäftsidee, denn der Beer Bazaar schließt, bevor der Abend beginnt.

Gutes Craft Beer ist sehr willkommen, egal, wo es herkommt.
Juval Reznikovich

30 kleine Brauereien

Bis vor zehn Jahren die erste Craft-Beer-Brauerei aufmachte, hieß israelisches Bier immer nur Goldstar oder Maccabee. Heute gibt es fast dreißig kleine, lizensierte Brauereien. Ein Blick auf die Rückwand des Bierkiosks und die Etiketten macht schwindelig. Die Brauereien konkurrieren mit verrückten Namen und starken Designs um die Aufmerksamkeit der Konsumenten. So heißt die Pionier-Brauerei Dancing Camel (dancingcamel.com). Malka (malkabeer.co.il) macht transparente Etiketten, Alexander (alexander-beer.co.il) zeigt als Logo eine geflügelte Schildkröte, ein Bier nennt sich wortwitzig Isra Ale. Konsequent sind die Etiketten auf Hebräisch, der Landessprache unkundige Touristen können bei manchen Bieren nicht einmal den Namen lesen. Auch ein palästinensisches ist unter den lokalen Bieren: Taybeh, aus einem Dorf im Westjordanland (taybehbeer.com). „Gutes Craft Beer ist sehr willkommen, egal, wo es herkommt“, sagt Juval. „Politik und Bier sollte man nicht vermischen.“

Ein paar Kilometer östlich von Tel Aviv, in einem Industriegebiet von Petach Tikwa. Hierher kommt nur, wer muss, sollte man denken. Vor einer der Produktionshallen parken viele Autos. Die Fassade zieren Banner mit der Beschreibung von Biersorten: Pils, Amber Ale, Dark Lager, Stout, Wheat Beer. In wenigen Begriffen kategorisiert. Farbe, Geschmack, Alkoholgehalt. Drinnen befinden sich nicht nur eine Brauerei, sondern ein Bier-Take-away und eine Brauereigaststätte. Dunkle Holzmöbel, ein massiver Ausschank, Sofas und Bücherregale. Nur durch eine kniehohe Mauer von den Tischen getrennt, ragen Braukessel bis unter die Decke. Die Musik hallt loungig, die Gäste haben Mittagspause. Fast alle Tische sind besetzt. Tagsüber Bier trinken? Scheint auch in Israel zu funktionieren. Jedenfalls wenn es ans Essen geknüpft ist. Israelis mögen zwar nicht trinkfreudig sein, dafür aber sind viele bekennende Gourmets oder Foodies, je nach Alter. Der Besitzer von Jem's Beer Factory (jems.co.il) balanciert zwei randvolle Glaskrüge heran, lässt sie gewichtig auf den Tisch herab. Jeremy Welfeld ist gläubiger Jude und trägt seine Kippa so weit hinten, dass man sie nicht sieht. Bei ihm ist alles koscher: das Essen, das Bier. Sabbat ist geschlossen. Die Braustube öffnet samstags wieder, eine Stunde nach Sonnenuntergang. Jem hat einen Cateringjob im Weißen Haus gekündigt, um mit Frau und Kindern ins Heilige Land auszuwandern. Geld hatte er kaum dabei, dafür ein abgeschlossenes Studium der Brauereiwissenschaft und Stationen bei wichtigen Brauereien in den USA. Heute produziert er 20.000 Liter im Monat, die Hälfte geht freilich gleich vor Ort über den Tresen.

Der Großteil des Craft Beer kommt zwar im trendbegabten Tel Aviv ins Glas, doch die Brauereien liegen im ganzen Land verteilt. Schließlich gibt es keine lokalen Traditionen, und die Zutaten werden – abgesehen vom Wasser – ohnehin importiert. Historisch betrachtet war auf dem Boden des heutigen Staates Israel vor allem Wein verwurzelt. Aber irgendwann muss man es auch mit der Braukunst versucht haben. Archäologen fanden Bierkrüge aus der Eisenzeit. Und im Talmud unterhalten sich die Gelehrten, ob und wie Bier genossen werden darf. Die erste echte Brauerei entstand in den 1930er-Jahren für durstige Briten, die in Palästina lebten. Den aktuellen Craft-Beer-Trend brachten allerdings amerikanische Juden und Israelis mit USA-Erfahrung ins Land. Nicht wenige kamen mit einem Homebrewset zurück und hantierten damit in Mutters Keller. Trotzdem gilt Bayern als Vorbild. Einen deutschen Brauer im Unternehmen zu haben ist ein Trumpf.

beerbazaar.co.il

("Die Presse", Print-Ausgabe, 1.7.2017)

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