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Elisabetta Foradori: „Der Bauch ist extrem wichtig“

21.11.2017 | 10:09 |  von Anna Burghardt (Die Presse - Schaufenster)

Elisabetta Foradori, Winzerikone aus dem Trentino, zieht sich allmählich zurück. Ihr Sohn Emilio folgt ihr nach. Über Weinerziehung, Ziegelton und Käseträume.

Hand anlegen. Foradori übernahm sehr jung das ­elterliche Weingut. / Bild: (c) Theo Zierock 

„Er ist fifty-fifty Bauch und Kopf“, sagt Elisabetta Foradori über ihren Sohn Emilio. „Aber interessanterweise muss er immer öfter einsehen, dass der Kopf ihn zu mehr Fehlern zwingt als der Bauch. Es ist komisch, aber allgemein, so auch meine Erfahrung, stimmt das einfach. Ich war sehr bauchmäßig engagiert, als Mutter wie als Winzerin.“ Emilio Foradori, 28 Jahre alt, wird das Weingut in Fontanasanta im Trentino allmählich übernehmen. Während seine Mutter Elisabetta, die große italienische Biodynamie-Winzerin, die die Rebsorte Teroldego auf die internationale Bühne gehievt hat, sich langsam zurückziehen wird. „Ich will vor allem wandern gehen“, sagte sie, als sie unlängst für eine große Vertikale ihres Teroldego-Aushängeschilds „Granato“ in Wien war. „Und Käse machen.“

Elisabetta Foradori musste nach dem Tod ihres Vaters das Familienweingut, das ihr Großvater aufgebaut hatte, früh übernehmen, Mitte der 1980er. „Ich war 19, als ich die Verantwortung bekommen habe. Niemand hat mir irgendwas sagen können. Meine Mutter hatte mit Weinmachen nichts zu tun, sie hat den Hof so gut es ging erhalten. Ein treuer Mitarbeiter im Keller, einer im Weinberg.“ Im Keller, erzählt sie, sei es für sie als blutjunge Winzerin am schwierigsten gewesen: „Da war ich noch mehr zerrissen zwischen dem, was ich gefühlt, und dem, was ich auf der Weinbauschule gelernt habe; das war ja pure Technik.“ Diese Konfusion merke man ihren frühen Weinen deutlich an: „Ich habe auch schlechte Weine gemacht. Einerseits war ich frei, weil allein, aber auch gefangen. Emilio ist freier als ich, er hat Philosophie studiert, auf anderen Weingütern gearbeitet. Aber seine Freundin ist Önologin“, sagt Elisabetta Foradori in fließendem Deutsch und muss lachen. „Man wird sehen, wie sie sich einigen.“

(c) Theo Zierock Nachwuchs. Sohn Emilio Foradori, 28, übernimmt ­allmählich.Nachwuchs. Sohn Emilio Foradori, 28, übernimmt ­allmählich. / Bild: (c) Theo Zierock 

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Vision für einen Wein. In den 1980er-Jahren galten kleine einheimische Rebsorten wie der Teroldego, dem sich schon Foradoris Vater und ihr Großvater gewidmet hatten, nicht viel. Es war die Zeit der großen internationalen Sorten, erzählt sie. Gemeinsam mit dem Vater ihrer ersten drei Kinder, dem Weinbauprofessor Rainer Zierock (von ihm stammt auch der Wein Dolomytos), begann sie die „kleine Wiedergeburt“ des Teroldego voranzutreiben (den man übrigens auf der zweiten Silbe betont). Foradori spricht über die Rebsorte wie über eines ihrer vier Kinder, hangelt nach den Worten mit Bedacht: „Der Teroldego ist ein Wilder, Alleinstehender. Eine Rebe, die gern klettert. Man muss ihn ganz sanft erziehen, mit viel Geduld.“ Mit drei alten Weinbergen im traditionellen waagrechten „Pergel“-System entwickelte Elisabetta Foradori „eine Art Vision für einen Wein“. „Der ,Granato‘ mit seinen 60 bis 80 Jahre alten Reben zeigt die Kraft und Tiefe, die diese Sorte erreichen kann.“ Und mit dem „Granato“ sollte sich der Trentinerin die Welt eröffnen.

Ende der 1990er sei sie erfolgreich gewesen, erzählt Foradori, „aber ich war verloren in mir. Die Instinkte, wie man sie als Kind hat, hingen in der Luft.“ Im Jahr 2000 entschied sie sich, auf biodynamisch umzustellen. Weil ihre Parzellen inmitten konventioneller Weingärten liegen, dauerte die Umstellung bei ihr deutlich länger als sonst. „Sieben Jahre. Es ist leichter, wenn man allein ,in the middle of nowhere‘ ist.“ In der Gegend sagte man damals über Foradori: Lass sie machen. Sie wird schon sehen.

(c) Theo Zierock Steil. Das Trentino ist eine von Genossenschaften geprägte Weinregion.Steil. Das Trentino ist eine von Genossenschaften geprägte Weinregion. / Bild: (c) Theo Zierock 

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„Aber heute schätzen mehr und mehr Leute auf der Straße meine Art der Landwirtschaft. Immer mehr Menschen haben begriffen, dass man die Region Trentino nicht mehr verkaufen kann mit ,Alles schön, alles Natur‘, wo das doch überhaupt nicht die Realität ist.“ Trentino und Südtirol hätten den höchsten Pestizidanteil pro Hektar in Italien, sagt sie. Hauptsächlich liege das am Apfelanbau. Foradoris biodynamische Landwirtschaft – „im Trentino und in Südtirol gibt es nur ganz wenige, die es konsequent machen“ – sieht auch Kühe vor, neun an der Zahl. Im Sommer sind die Tiere auf der Alm, sechs Monate bewegen sie sich frei in den Weinbergen. „Den Mist nehmen wir für Kompost. Wir kompostieren alles. Alles, was wir den Reben nehmen, geben wir ihnen zurück: Schalen, Stiele, Holzteile vom Rebschneiden.“

Ein Drittel der Foradori-Weine entsteht in spanischen Amphoren. Logischer wäre es, Ton aus der Umgebung zu nehmen, „es gibt ein Tal weiter auch Ton, aber der ist von Natur aus voller Aluminium, das reicht gerade für Ziegel oder Blumentöpfe.“ Mit dem Einsatz der Amphoren hat Elisabetta Foradori im Keller die Kontrolle abgegeben. „Das war ein Prozess. Da ist der Bauch extrem wichtig. Man kann ja nicht jeden Tag nachschauen.“

(c) Theo Zierock Vergraben. Kuhhörner gehören für Foradori zur Biodynamie dazu.Vergraben. Kuhhörner gehören für Foradori zur Biodynamie dazu. / Bild: (c) Theo Zierock 

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Klar aus der Amphore. Die zweite zentrale Rebsorte neben dem Teroldego ist für Elisabetta Foradori der weiße Nosiola. Ebenfalls eine traditionelle, aber verdrängte Rebsorte des Trentino. „Überall pflanzen sie nur Chardonnay, Pinot Noir oder Pinot Grigio.“ Das Verhältnis zwischen Rot und Weiß habe sich im Trentino – außer auf ihrem Weingut – umgedreht: Während es früher 30 Prozent weiße und 70 Prozent rote Rebsorten waren, ist es heute umgekehrt. Der Nosiola, sagt Foradori, sei wie der Trebbiano eine „scheinbar neutrale Rebsorte“. „Aber alles ist in den Schalen. Die Maischegärung fördert also die wunderschöne Entwicklung dieses Weines.“

2007 hatte sie die Gelegenheit, einen alten Nosiola-Weinberg in ihrer Heimatgemeinde Fontanasanta auf 30 Jahre zu pachten. Aus den Trauben keltert sie einen Amphorenwein, der unfiltriert ist und dennoch klar: „Wenn du die Amphore aufmachst, ist der Wein praktisch filtriert, das ist unglaublich.“ Den Nosiola trinkt die Winzerin am liebsten zu Polenta mit Kaninchen. „Er scheint ein ganz bescheidener Wein zu sein, ist es aber nicht. Nosiola ist eine Rebsorte mit ganz starker Persönlichkeit.“ Im Trentino gibt es nur 40 Hektar Nosiola. „30 Hektar sind stinklangweiliger Wein. Viele italienische Weißweinrebsorten sind neutral. Deswegen schmecken sie auch alle gleich, wenn man die Technik dominant sein lässt. Und dann heißt es, in Italien gibt es keinen guten Weißwein . . .“

Tipp

Einkaufen: Weine von Foradori bekommt man bei Wagners Weinshop in Laakirchen. Etwa den „Granato“ 2013 um 55 Euro, 2008 um 99 Euro oder 2009 um 228 Euro. Nosiola 2015 um 35 Euro. Teroldego ab 19,90 Euro für den Jahrgang 2014. wagners-weinshop.com

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