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Chanel in Hamburg: Lagerfeld spinnt das Seemansgarn

07.12.2017 | 16:39 |  Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

In Hamburg präsentierte Chanel seine neueste Métiers-d’Art-Kollektion: Karl Lagerfeld zollte der Stadt seiner Kindheit Tribut.

German designer Karl Lagerfeld appears at the end of his Metier d´Art collection show for fashion house Chanel at Hamburg Elbphilharmonie in Hamburg, Germany / Bild: (c) REUTERS (YOUSSEF BOUDLAL) 

„Mich trägt die Sehnsucht fort in die blaue Ferne, unter mir Meer, und über mir Nacht und Sterne. Vor mir die Welt, so treibt mich der Wind des Lebens.“ Das hat zwar nicht Karl Lagerfeld nach der Präsentation der „Paris in Hamburg“ betitelten Métiers-d’Art-Kollektion von Chanel zum Besten gegeben. Der deutsche Designer, der seine Geburtsstadt Hamburg auf Anraten seiner Mutter stets nur als „Tor zur Welt“ gesehen hat, dürfte sich mit der von Hans Albers gesungenen deutschen Version des Gassenhauers „La Paloma“ dennoch ganz gut identifizieren können. Schließlich war dies das Musikstück, das zu Beginn des Chanel-Defilees in der Elbphilharmonie vom Residenzensemble des Hauses unter Leitung des britischen Wundercellisten Oliver Coates zum Besten gegeben wurde.

Ein Lied vom Meer. Wenn zwar nicht als schwierig, galt doch Lagerfelds Verhältnis zu seiner einstigen Heimatstadt lange Zeit als unterkühlt – ganz zur hanseatischen Mentalität passend also. Seine Wahrnehmung der norddeutschen Metropole hat sich aber offenbar mit einem Mal geändert, als die von den Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron geplante Elbphilharmonie Ende vergangenen Jahres eröffnet wurde. Dieses neue Wahrzeichen der Stadt, das Lagerfeld in einem Gespräch mit der „Vogue“ als „Kathedrale unseres Jahrhunderts“ bezeichnete, bewog den Designer, nun erstmals einer deutschen Stadt eine Kollektion zu widmen. Und das Konzerthaus, in dessen großem Musiksaal für das Defilee einige Umbauten vorgenommen werden mussten, wird auch das Herzstück jener Erinnerungen bleiben, die die angereiste Weltpresse in die Ferne tragen wird. Wie bei jeder Métiers-d’Art-Kollektion wird wohl auch diesmal die in den kommenden Monaten erscheinende Flut an Presseberichten über diese moderne Stadt im Norden Deutschlands eine nicht unwillkommene Begleiterscheinung darstellen.

 

(c) Thies Raetzke (Thies Raetzke) ElbphilharmonieElbphilharmonie / Bild: (c) Thies Raetzke (Thies Raetzke) 


Das Format der Métiers-d’Art selbst wurde von der Maison Chanel vor 16 Jahren ins Leben gerufen: Man zelebriert in diesem Rahmen einmal jährlich die Handwerkskunst der Pariser Ateliers und begibt sich auf Reisen in alle Ecken des Erdballs, um der lokalen Kultur Reverenz zu erweisen. Eine Interpretation traditioneller indischer Kleidung zeigte Karl Lagerfeld in Mumbai, in Salzburg ging es vor drei Jahren durchaus trachtig und damit etwas weniger exotisch zu.


Wie sich die an sich eher zurückaltende hanseatische Kleidungskultur in ein Chanel-Vokabular übersetzen würde lassen, war ab dem Ertönen der ersten „La Paloma“-Klänge klar. Dass man den Hamburgerinnen nachsagt, sie würden den Pelz ihrer Jacken höchstens nach innen gewendet tragen, und dass die Vorzeigeminimalistin der Mode, Jil Sander, aus der Stadt stammt, spielte für „Paris in Hamburg“ jedenfalls keine Rolle.


Lagerfeld interpretierte die Identität von Hamburg als jene einer Hafenstadt, und diese Trouvaille beflügelte ihn in seinem ohnehin beispiellosen Modeschaffen zu einem wahren Höhenflug. Die in Hamburg präsentierte Kollektion durchweht ein frischer Hauch – sozusagen eine Meeresbrise –, die unzähligen Variationen von Matrosenkrägen, Seemannsmützen und Seesäcken ergaben wegen ihrer Verspieltheit ein keineswegs überfrachtetes Gesamtbild, sondern sangen selbst ein Lied vom „Wind des Lebens“. Details wie Taschen in der Form eines Akkordeons oder jener von Schiffscontainern rundeten das Aufblitzen von Lagerfelds einzigartigem Esprit in unterhaltsamer Weise ab.

Weiter auf Kurs. Eine Frage, die vorab oft gestellt wurde – ob nämlich die Rückkehr von Lagerfeld nach Hamburg einen Hinweis auf einen eventuell bevorstehenden Rückzug darstellen könnte –, bleibt weiterhin offen. Wenn die Spritzigkeit dieser Kollektion als Indiz gelesen werden kann, dann dürfte dem tatsächlich nicht so sein. Und der Mann, der einst das Tor zur Welt durchschritt, um in Paris Karriere zu machen, dürfte sich anschicken, seinen vom Haus Chanel vergebenen Vertrag auf Lebenszeit vollends auszukosten.

 

Compliance-Hinweis: Der Autor reiste auf Einladung von Chanel nach Hamburg.

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