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Die Hamburger Understatement-Masche

15.11.2012 | 15:18 |  von Daniel Kalt (Die Presse - Schaufenster)

Von Handarbeit im Krankenbett zum nordischen Kaschmirimperium: der Parcours der Iris von Arnim.

Wahrscheinlich spricht man Iris von Arnim besser nicht auf bunt umstrickte Laternenmasten an. Immerhin ist sie die Grande Dame des anspruchsvollen Kaschmirstricks und hat darum womöglich für Urban-Knitting-Auswüchse wenig übrig. In dem wohlfeilen Hamburger Wohnviertel Harvestehude jedenfalls, wo der Hauptsitz ihres Familienunternehmens liegt, ist von Garnbomben und ähnlichem Do-it-yourself-Kriegsgerät nichts zu bemerken. Auf die Handarbeit per se ist wiederum Frau von Arnim, Abkömmlingin eines 800 Jahre alten Adelsgeschlechts (und tatsächlich entfernte Verwandte der romantischen Schrifstellerin Bettina), bestimmt gut zu sprechen – schließlich liegen hier die Ursprünge ihres Ende der Siebzigerjahre gegründeten Labels.

Matisse und Matchpoint. Mit Nadeln und Wolle hat sie ja schon Jahre zuvor hantiert: „In den Sixties war ich ein echter Hippie, da saß ich auf dem Flocati-Teppich und strickte und rauchte.“ Den beruflichen Wendepunkt brachte ein längerer Krankenhausaufenthalt: „Anfangs habe ich hauptsächlich gestrickt, um mir die Zeit zu vertreiben. Da brauchte ich für einen Pulli noch drei Wochen.“ Bald steigerte sich das Tempo, und es kamen erste Anfragen, zunächst von Freundinnen und Bekannten. „Irgendwann hat das ein Ausmaß angenommen, dass ich mir dachte, davon kann man ja vielleicht auch leben.“ Also hängte sie ihre Karriere als PR-Texterin an den Nagel und zog von München nach Hamburg. „Damals konnte man hier um 150 Mark noch einen Laden mit Wohnraum mieten. Das war ja alles Low-low-Budget, was ich gemacht habe – heute würde man das wohl ein Start-up nennen.“

Zunächst lag der Fokus auf einer eigenen Regenbogen-Stricktechnik, dann kamen Pullis mit Picasso-, Matisse- oder Matchpoint-Motiven (Steffi Graf und Boris Becker dominierten die Center-Courts). Bei einem Blick ins Archiv kommt der Besucher kaum umhin, auf die Kompatibilität dieser Entwürfe mit aktueller Hipstermode hinzuweisen. Die Hausherrin nimmt das mit tugendhafter Gelassenheit zur Kenntnis: „Mein Team sagt auch immer, wir könnten diese Teile neu auflegen. Aber ich sträube mich ehrlich gesagt dagegen. Ich habe diese Zeit selbst miterlebt und hinter mir gelassen.“

Nach etwa fünf Jahren war schließlich der Punkt erreicht, „an dem ich keinen bunten Pulli mehr sehen konnte“. Iris von Arnim verlagerte ihren Schwerpunkt auf in Italien produzierten Kaschmirstrick. „Als ich mit Kaschmir angefangen habe, gab es gerade einmal Navy, Beige und Schwarz. Lange Zeit war alles, was ich mir ausgedacht habe, eine Neuheit.“ Das erklärt den kontinuierlichen Erfolg ihres Labels, das neben (ehemals) deutschen Marken wie Jil Sander, Joop oder Escada ohne zu Risiko verleitende Boomphasen wuchs. Der Gedanke an die andere Mode-Hanseatin, Jil Sander, drängt sich auf: „Manchmal laufen wir uns über den Weg, doch über Mode sprechen wir nie. Ich bin jedenfalls gespannt, wie sie ihre neue Aufgabe angehen wird. Sie ist ja eine leidenschaftliche Designerin und muss überhaupt keine Angst haben, nicht mehr mithalten zu können. Und doch wird sich auch ihr die Frage stellen, wie sehr sie es wagt, bei sich zu bleiben.“

Ohne Aufhebens. Damit spricht Iris von Arnim einen Aspekt an, der auch sie selbst beschäftigt. Doch sie wird seit einigen Jahren von ihrem Sohn Valentin unterstützt. Er ist gleich alt wie das Label seiner Mutter und hat ein paar Fixpunkte auf seiner Agenda: ein zeitgemäßes Image kreieren, eine jüngere Klientel ansprechen – zum Beispiel durch Kooperationen mit Claudia Schiffer oder dem Online-Magazin „Styleproofed“. Auch über die Öffnung für Investoren und mehr eigene Shops wird nachgedacht. Der Identität des Hauses will aber auch er treu bleiben: „Hambrug funktioniert nach dem Understatement-Prinzip. Man hat Geld, spricht aber nicht darüber. Das gilt auch für den Umgang mit Luxusgütern: Wer sich etwas Teures kauft, macht darum kein Aufhebens. Das ist zwar nobel, als Modemarke wollen wir aber schon, dass von uns gesprochen wird.“ Auch eine nordische Mentalität bietet offenbar Raum für Ambivalenzen.

Iris von Arnim: Die Kollektion

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2 Kommentare
Gast: Lijbosz Nek
21.11.2012 09:54
0 0

Großartig

Mal wieder eine Zeitung, bei der die Kommentarfunktion eigentlich überflüssig wäre. Keine Reaktion, kein Kommentar.
Wie kann man als Journalist und Doktorand in Vergleichender Literaturwissenschaft so ein Wort wie "wohlfeil" verwenden, wenn man offenkundig nicht weiß, was es bedeutet?

Gast: Lijbosz Nek
16.11.2012 13:45
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lijbosz.nek@web.de

Harvestehude soll "wohlfeil" sein? Wollten Sie nur ein schönes Wort verwenden oder das Viertel ein wenig schmähen?

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