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Thomas Reinberger: „Meine Vision war von Anfang an da“

03.07.2017 | 07:36 |  von Christina Lechner (Die Presse - Schaufenster)

Stylist Thomas Reinberger war maßgeblich am Imagewandel von Conchita Wurst beteiligt. Aber auch an der Professionalisierung seines Berufsfeldes.

Prominent. Thomas Reinberger ist seit 2014 für Conchita Wursts Outfits zuständig. / Bild: (c) André Karsai 

Falsche Wimpern, auftoupierte Haare, schmale Taille, dafür aber ein üppiges Dekolleté. So gewann Conchita Wurst 2014 den Eurovision Song Contest. In drei Jahren hat sich nicht nur die Karriere von Tom Neuwirth verändert, sondern auch die Figur, die er verkörpert. Anfang des Jahres schlug eine Aussage im Interview mit der „Welt“ mit dem Zitat „Ich muss Conchita töten“ hohe Wellen. Noch ist es zwar nicht so weit, doch die Kunstfigur rückte in letzter Zeit mehr in den Hintergrund, Tom Neuwirth dafür als Künstler mehr in den Vordergrund. Und erklärt damit seine ausgeprägte feminine Phase für beendet. Auch optisch kommt das zum Tragen, etwa mit einer durchtrainierten Männerbrust statt eines aufgepolsterten BHs, mit androgynen Hosenanzügen statt enger Paillettenkleider. Dafür mitverantwortlich ist Stylist Thomas Reinberger, der Tom Neuwirth seit seinem Song-Contest-Sieg einkleidet. „Ich wollte etwas Androgynes erschaffen, gender-free oder gender-fluid, man sollte ihn als Künstler kennen, und nicht als Transvestit mit Bart. Das habe ich versucht mit Mode zu transportieren. Meine Vision war gleich von Anfang an da“, erinnert sich der Stylist. Das umzusetzen dauert jedoch, denn ganz wichtig in diesem Beruf ist: „Man muss den Kunden dort abholen, wo er steht.“

Berufsbild. Bei vielen Menschen tauchen vor allem Fragezeichen auf, wenn sie das Wort Stylist hören. Und tatsächlich hat Reinberger, der schon seit 15 Jahren als ebensolcher arbeitet, oftmals mit einem komplett falschen Berufsbild zu kämpfen. „Viele glauben, dass geht in Richtung Typberatung, wieder andere glauben, ich kaufe Sachen für einen Fundus und verleihe sie“, erklärt er. Tatsächlich aber ist der Beruf sehr vielfältig. Man kann Models für Werbekampagnen oder Magazine einkleiden, mit Designern bei Modewochen zusammenarbeiten, Privatkunden oder Celebritys mit Looks ausstatten oder auch in Richtung Kostümbild und Schaufenstergestaltung gehen. Gekauft wird die Mode dabei nicht, sondern von den unterschiedlichen Firmen und PR-Agenturen ausgeborgt. „Bis ich am Set einen Prada-Schlapfen in der Hand halte, ist es aber ein langer Weg“, weiß Reinberger. Organisation, Anfragen, Budgetieren, Botendienste und sich mit den Personen, die Haare- und Make-up machen, den Redakteuren oder Fotografen zusammenreden. „Daraus besteht der Job eines Stylisten. Es funktioniert wie ein Netzwerk, ein Konglomerat aus Infrastruktur und Konzept.“ Das Kreieren eines Looks, das ist nur ein kleiner Teil davon.

Ausbildung. Seit Herbst 2016 leitet Reinberger einen Kurs am Wifi in Wien. Damit sorgt er für eine Ausbildungsmöglichkeit, die es bis dahin – zumindest in Österreich – noch nicht gegeben hat. Reinberger selbst hätte zu Beginn seiner Karriere als Quereinsteiger viel dafür gegeben. Er wusste nur, dass er mit Mode arbeiten will. Nach zahlreichen Fehlversuchen an der Nähmaschine kam der Aha-Moment, als er sich über Freunde von Freunden backstage bei einer Modenschau der Fashion Week in Paris wiederfand. „Mein erster Gedanke war gleich: Hier gehöre ich hin. Ich wusste zwar nicht, wie alles funktioniert. Aber ich habe bis heute einen unheimlichen Arbeitswillen“, erinnert sich Reinberger.

In seinem Kurs präsentiert er die ungeschönte Wahrheit eines Berufs. Wer glaubt, als Stylist viel Geld verdienen zu können oder selbst berühmt zu werden, hätte es in Österreich deutlich schwerer als beispielsweise in den USA. Starstylistin Rachel Zoe wurde mit Kunden wie Nicole Richie selbst berühmt und hat mittlerweile eine eigene TV-Serie und Modelinie. Auch wer Lady Gaga ausstattet, erhält einen Karriereboost. Nicolas Formicetti etwa, der jahrelang mit der Sängerin zusammengearbeitet hat, jetzt für Diesel arbeitet. Oder Brandon Maxwell, der aktuelle Stylist Lady Gagas, der sich in der Zwischenzeit auch als Designer einen Namen gemacht hat. Und wer könnte Patricia Field vergessen? Die rothaarige Stylstin, die für die Kostüme bei „Sex And the City“ verantwortlich zeichnet. Zur Chefredakteurin der französischen „Vogue“ schaffte es gar Carine Roitfeld, die 1995 mit Tom Ford das italienische Modehaus Gucci mit neuen Werbesujets und markanten Looks von Staub befreite.

Von diesen Erfolgsgeschichten ist man in Österreich noch recht weit entfernt, doch die Nachfrage für die Arbeit des Stylisten steigt. Vor allem im Privatkundenbereich. Laut Reinberger ändere sich das Kaufverhalten, vor allem wer weniger, aber bewusster einkauft, möchte dafür professionell beraten werden. „Das ist ähnlich wie beim Interior Design. Das wird auch immer mehr.“ Doch auch wenn Reinberger mit Conchita Wurst einen internationalen Star zu seinen Kunden zählt – als Stylist muss man sich auch selbst verkaufen können. Was früher die Portfoliomappe war, erledigt jetzt die Social-Media-Plattform Instagram. „Der rote Faden ist ganz wichtig. Man muss schnell in ein paar Sekunden ein Gefühl für die Arbeit entwickeln können.“ Denn eines sei als Stylist sowieso am wichtigsten: nämlich Emotionen zu wecken – ob positive oder negative. „Das Schlimmste ist, nicht gesehen oder überblättert zu werden.“

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