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Edgardo Osorio: „Man muss Frauen zuhören“

06.12.2017 | 08:51 |  von Christina Lechner (Die Presse - Schaufenster)

Edgardo Osorio hat mit Aquazzura eine der momentan begehrtesten Schuhmarken gegründet. In Wien hat er seine neue Kollektion, die von Gustav Klimt inspiriert ist, vorgestellt.

Edgardo Osorio: „Ich schaue den Frauen immer auf die Füße.“ / Bild: (c) imago stock&people 

Seine Schuhe gehören zur Garderobe einer modernen Fashionista wie Guccis „Dyonisus“-­Tasche oder der Chanel-Klassiker „2.55“. Die Rede ist vom gebürtigen Kolumbianer Edgardo Osorio, der 2011 sein Label Aquazzura gründete und dessen Kollektionen in über 350 Stores weltweit zu kaufen sind. Mit nur 31 Jahren blickt er auf eine lange Karriere in der Modeindustrie zurück, die mit 19 Jahren bei Salvatore Ferragamo begann und nur vier Jahre später in die Position des Head of Design bei Roberto Cavalli mündete. In Wien hat er seine neue Kapselkollektion, die er für den Onlineshop mytheresa.com designt hat, vorgestellt. Wien, besser gesagt Gustav Klimts „Goldene Adele“ – das Porträt von Adele Bloch-Bauer – spielt darin eine Rolle. Wir haben den Designer anlässlich der Lancierungsfeier getroffen und über Erfolgsgeheimnisse, Schuhmissgeschicke und Zukunftsvisionen gesprochen.

Sie haben früh angefangen, mit Schuhen zu arbeiten. Woher rührt diese Passion?
Ich habe schon als Kind begonnen, Skizzen anzufertigen, und habe mich schon sehr früh für Dinge wie Kleidung oder Mode, eben die schönen Dinge des Lebens, interessiert. Mit 13 oder 14 Jahren war mir dann klar, ich will Designer werden. Und dann ging ich zur Summer School nach London, und schon nach ein paar Wochen Praktikum wusste ich: Ich will nur Schuhe und Accessoires machen. Zu Schuhen habe ich mich schon immer hingezogen gefühlt, da ist eine gewisse Faszination. Meine Mutter trug immer High Heels – auch zu Jeans – und sie hat mir gesagt: „Man muss immer gute Schuhe haben.“ Das ist hängengeblieben. Schuhe sind etwas sehr Intimes, sie zeigen die Persönlichkeit einer Person, aber auch ihre Emotionen, und sie können ein Outfit komplett verändern.


Sie machten schnell bei internationalen Marken Karriere. Warum haben Sie sich dazu entschieden, ein eigenes Label zu gründen?
Ich habe für außergewöhnliche Labels gearbeitet, aber es war nie wirklich mein persönlicher Geschmack, meine Idee von Schönheit. Man folgt ja immer dem Stil und der DNA von jemand anderem. Ich wollte etwas Eigenes machen, und die Zeit war reif. In jenem Sommer, bevor ich mein Unternehmen gründete, war ich bei zehn Hochzeiten zu Gast. Ich liebe es zu tanzen, aber alle Frauen beklagten sich darüber, dass ihre Schuhe unbequem seien. Also dachte ich, dass das eine Art Marktlücke ist. Vieles hat mit Gesprächen angefangen und damit, Frauen zuzuhören. Das war und ist das Wichtigste. Mittlerweile geht es nicht mehr nur um High Heels oder Stilettos. Wir haben auch flache Schuhe und Absätze in allen Höhen im Sortiment, bald machen wir auch Sneakers. Ein Wendepunkt war für mich sicher, als sich immer wieder Frauen bei mir entschuldigten, weil sie keine hohen Schuhe trugen. Da fragte ich mich, warum, und habe gesehen, dass sie keine schönen flachen Schuhe tragen, weil schöne flache Schuhe sehr selten sind. Also habe ich Ballerinas und Slipper designt, in denen man sich auch schön und sexy bzw. sinnlich – denn sexy ist in der Modeindustrie ja mittlerweile verpönt – fühlt. Und die verkaufen sich schon besser als unsere High Heels.

(c) Beigestellt Palais  Liechtenstein.  Die Lancierung der ­Kapselkollektion wurde hochkarätig zelebriert.Palais Liechtenstein. Die Lancierung der ­Kapselkollektion wurde hochkarätig zelebriert. / Bild: (c) Beigestellt 

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Ihr Unternehmen gilt als It-Label, Ihre Schuhe sind sehr gefragt. Hat Sie der Erfolg überrascht?
Alles im Leben ist ein bisschen Glück, viel harte Arbeit und ein Mix aus vielen Sachen. Aber ich glaube, wenn man etwas liebt und gern macht, dann werden andere Menschen das auch mögen. Als ich meine Marke lancierte, gab es zwar viele Schuhdesigner, aber sie waren alle in ihrer Karriere schon weit fortgeschritten. Es gab keine neue Generation, die es anders gemacht hat. Sexy und komfortabel, simpel und nicht zu kompliziert.


Warum sind Ihre Schuhe bequemer als die Kreationen anderer Marken?
Bequemlichkeit ist schon Teil des Designprozesses, das macht den großen Unterschied aus. Und es fließen natürlich viele Tests ein. Es dauert mindestens sechs Monate vom Zeitpunkt des Designens bis zum fertigen Schuh. Ein Millimeter kann bei einem Schuh viel ändern, es macht ihn gemütlich oder schmerzhaft. Wichtig ist auch, wo ein Riemen angebracht ist – schneidet er in den Fuß oder verlängert er die Beine optisch? Der Schuh kommt erst beim Tragen zum Leben und sieht so am besten aus. Also testen wir alles beim Tragen. Das ist sehr wichtig, aber auch aufwendig.


Wovon lassen Sie sich inspirieren?
Die Inspiration kommt von überall her. Ich reise acht Monate im Jahr, und als Designer saugt man alles wie ein Schwamm auf. Alles, was man sieht, berührt, und auch alle Menschen, die man trifft, hinterlassen einen Eindruck. Auch wenn man einmal Urlaub hat, man kann gar nicht abschalten. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, und wenn ich in eine fremde Stadt reise, will ich immer gleich die besten Restaurants, Plätze und Museen finden. Ich schaue den Frauen natürlich immer auf die Füße, um zu sehen, was sie tragen, und um damit auch die Stadt, die Kultur, die Farben zu verstehen.


Haben Sie eine bestimmte Frau im Kopf, wenn Sie Schuhe designen? Oder haben Sie gar eine Muse?
Nicht nur eine, das würde mich einschränken, und es ist auch ein bisschen „Old School“. Ich möchte für alle Frauen designen. Ob jetzt eine Businessfrau in meinen Shop kommt, eine Studentin, ein Rock ’n’ Roll Girl oder eine Galeristin. Und es ist ja auch jede Frau mehr als nur eine Persönlichkeit. Man kann ja einen Tag so sein und den anderen so. Das ist ja gerade das Schöne an der Mode, dass man sich verändern kann. Und ich habe auch nicht nur eine Muse. Ich habe viele Freundinnen, die mich inspirieren, die berühmt sind, und auch solche, die es nicht sind. Am Ende des Tages ist es für mich das Schönste, wenn ich auf der Straße gehe oder in einem Café bin, und eine Frau trägt meine Schuhe. Das ist das größte Kompliment.

(c) Beigestellt Festliche Füße. Die Capsule Collection „Woman in Gold“ ist auf mytheresa.com  e­rhält­lich. Festliche Füße. Die Capsule Collection „Woman in Gold“ ist auf mytheresa.com e­rhält­lich. / Bild: (c) Beigestellt 

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Was ist der größte Fehler, den man im Bezug auf Schuhe machen kann?
Wenn man auf Absätzen nicht gehen kann, dann sollte man es lassen. Es gibt nichts Unerotischeres als Frauen, die nicht auf Absätzen gehen können. Aber wenn man unbedingt welche tragen will, dann muss man üben. Das habe ich auch meiner Schwester gesagt. Sie soll zu Hause üben, wo sie niemand sieht. Alles im Leben ist Übung. Ich kenne Frauen, die können in Stilettos einen Marathon gehen. Ich liebe dieses Zitat: „Es gibt keine hässlichen Frauen, nur solche, die sich nicht genug anstrengen.“ Das glaube ich wirklich. Das soll natürlich nicht heißen, dass das mit Schmerzen verbunden ist. Ich designe meine Schuhe ja gerade für das Gegenteil. Aber man ist es heutzutage eher gewohnt, sich nicht allzu viel anzustrengen. Dabei ist gerade das in der Mode das Schöne, sich aufzubrezeln. Und für mich ist es auch ein Zeichen des Respekts, wenn ich zu einer Party einlade und die Gäste alles tun, um bestmöglich auszusehen.


Momentan gibt es ja auch den „Ugly Shoe“-Trend, z. B. mit Crocs auf dem Laufsteg von Balenciaga. Was halten Sie davon?
Mode soll Spaß machen, und es gibt für alles einen Platz. Mode braucht ja auch Diversität. Aber ich glaube an die Schönheit, und vor allem an die klassische Schönheit. Sie wird immer zeitlos sein, und gerade das ist ja auch der Sinn der Sache, wenn ich mir ein teures Stück leiste. Die hässlichen Schuhe sind zwar jetzt lustig, aber in drei Monaten wird man sie nicht mehr anschauen können. Es ist also nicht wirklich ein gutes Investment. Ich nenne viele dieser Schuhe „Verhütungsschuhe“. Ich glaube, wenn man Männer auf der Straße anspricht und fragt, was sie von den Schuhen halten, dann werden die meisten sagen, dass sie ihnen nicht gefallen. Das ist für mich gar keine Frage. Ich würde sie vielleicht zu einer Bad Taste Party tragen. Wer weiß? Ausschließen würde ich es nicht.


Bisher designen Sie nur Damenschuhe. Sind in Zukunft auch Kollektionen für Herren geplant oder auch andere Accessoires?
Ich würde gern für Männer designen, es ist auf alle Fälle in der mittelfristigen Zukunft geplant. Wir haben da bestimmt noch viel Raum, um zu wachsen. Ich würde aber auch gern Taschen entwerfen, ich liebe auch Parfums und Kosmetik, habe auch eine Leidenschaft für Inneneinrichtung. Ich liebe viele Dinge, aber das alles braucht seine Zeit. Wir sind zum Glück ja noch eine junge Marke, und ich bin zum Glück auch noch relativ jung.


Wie ist die Kollektion für Mytheresa entstanden und was war die Idee dazu?
Gustav Klimt ist einer meiner Lieblingskünstler. Und ich wollte immer schon einmal nach Wien kommen, also wollte ich das miteinander verbinden. Ich habe das Bild „Woman in Gold“ (Porträt von Adele Bloch-Bauer, Anm. d. Red.) in der Neuen Galerie in New York gesehen. Ich war fasziniert von diesem Bild, dieser Schönheit, fast schon verzaubert. Das habe ich als Ausgangspunkt genommen, Brokatstoffe recherchiert und nach Stoffen Ausschau gehalten, die aussehen, als würden sie in die Zeit von Klimt passen. Es sollte ganz speziell aussehen, und edel. Auch der Gegensatz zwischen den edlen Stoffen und den lässigeren Schuhen, wie unseren Stiefeletten oder Slippern, ist besonders gut gelungen.

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