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Birmingham: Schwerstmetall

14.04.2017 | 14:13 |  Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Die zweitgrößte Stadt Großbritanniens ist ein Shopping-Paradies, umgeben vom Black Country, dem ehemals rußigen Kohlebergbauland: Nur in Birmingham konnte der Heavy Metal erfunden werden.

Schuppenpanzer. Die Fassade von Selfridges besteht aus 15.000 Aluminiumplatten. / Bild: (c) EPA (Dave Jones) 

Wieso fährst du eigentlich nach Birmingham?“ Wer die industriellste aller Industriestädte besucht, erntet seltsame Reaktionen. London sei doch in der Nähe. Ja eh! Aber immerhin handelt es sich um die jüngste Millionenstadt Europas und zweite Metropole Großbritanniens (1,1 Millionen Einwohner), und 40 Prozent der Bewohner sollen heute unter 25 Jahren sein. Das liegt an der multikulturellen Zusammensetzung – eine Mehrheit hat keinen europäischen Hintergrund, die größte Kaschmir-Gemeinde außerhalb Kaschmirs lebt hier.

Double dutch. Zuerst war da die mittelalterliche Familie de Birmingham, die ein Fleckchen zum Markt machte. Der hieß Bull Ring und lag eliche Meter unterhalb der New Street in einem Kessel. Im 13. Jahrhundert entstand die Kirche St. Martin in the Bullring (man schrieb das inzwischen zusammen), die 1873 neu gebaut wurde und sich heute wunderbar an Shopping Malls und den Bullring Open Market mit seinen Gemüseständen und dem Indoor Market mit Fishmongers und Fleischständen schmiegt. Hier kommt man mit den Brummies in Kontakt, so der Spitzname der Birminghamer (im Dialekt sagt man Brummagem, was eventuell von einem früheren Namen wie Bromwichham kommt), die „Ah bin“ für „I have been“ oder „Have a nice die, bye!“ sagen. Sie werden „Yam Yams“ genannt, weil sie für „du bist“ einfach „yow am“ sagten, und statt „yes“ gerne „ar“. Ein Black-Country-Auswanderer nach Neuseeland erzählt, dass man sein Englisch dort für Holländisch hielt, mit der Einschränkung „not dutch, that‘s double dutch.“ Die originalsten Brummies kommen aus dem County West Midlands – bis zu 3,8 Millionen (je nach Zählung) wohnen in der Birmingham Metropolitan Area – da sind ja noch mittelgroße Städte wie Coventry und Wolverhampton, erreichbar mit der Midland Metro, die ins sogenannte Black Country vordringt.

Staubige Spatzen. Ab dem 15. Jahrhundert belieferten metallverarbeitende Betriebe die jeweiligen Kriegsparteien Englands mit Schwertern und Gewehren. Das Black Country findet man nicht auf Landkarten, es ist ein Begriff für die Gegend der Kohlefelder in Richtung Warwickshire und Staffordshire oder für „fünf Meilen rund um Dudley“. Die Kohle- und Kalkstein-Bergwerke lieferten ihr Rohmaterial im 19. Jahrhundert zur lokalen Schwermetallverarbeitung. „Die Straßen von Florenz gaben uns die Renaissance, und die Straßen Birminghams gaben uns die Industrielle Revolution“, heißt es. Der rußige Schlot-Ausstoß und der schwarze Boden wirkten ebenso namensgebend wie die Feuer der Schmieden, „schwarz am Tag und rot in der Nacht“ nannte das Land 1862 der amerikanische Konsul. Es gab kaum Bäume und keine Vögel außer ein paar staubigen Spatzen. Die dunklen Seiten dieses Ballungsraums haben Dichter wie Charles Dickens beschrieben („The old curiosity shop“).

Das „Black Country Living Museum“, ein Freilichtmuseum in Dudley, zeigt eine Kohlemine und ein Walzwerk; in den Kanälen fahren jene Narrowboats, die stark zum Wirtschaftsaufschwung beitrugen, weil sie Birmingham erreichen konnten. Mehr Kanäle als ganz Venedig! Vor ein paar Jahren kam der TV-Ruhm hinzu, die Serie „Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“ (Regisseur Steven Knight, Musik Nick Cave) spielt in der Zwischenkriegszeit und fußt auf historisierenden Erlebnissen einer gleichnamigen Gangsterbande mit jenen Schirmkappen, die Nordengländer gerne tragen.

Geburtsstätte des Heavy Metal. Das Geräusch von Schwermetall gehört zu dieser Landschaft. Und so ist der Heavy Metal in dieser ansonsten an Berühmtheiten armen Stadt erfunden worden. Siehe die Gründungsgeschichte der Gruppe Black Sabbath: Gitarrist Tony Iommi verlor als 17-Jähriger zwei Fingerkuppen in einer Maschinenpresse. Um die Gitarrensaiten weicher zu machen, musste er das Instrument eine Terz tiefer stimmen.

So entstand ein Sound, den viele Metalgruppen imitierten, indem sie die Gitarren gleichfalls herunterstimmten, Fingerkuppen hin oder her. Auch andere Metaller wie Judas Priest oder Napalm Death (linker Grindcore) stammen aus der Region, Robert Plant von Led Zeppelin kommt aus West Bromwich und kann seine erweiterte Brummiehaftigkeit ebensowenig abstreiten wie die Nicht-Metaller Dexys Midnight Runners.
Das West End in London gilt als beste Shoppinggegend Europas. Birmingham mit seinen quirligen Malls, die „buzzy, buzzy city“, ist noch in jeder Hinsicht unter- schätzt. Am alten Worcester and Birmingham Kanal, also an einer „canalside location“, liegt „The Mailbox“ – das exklusive Center ist mit seiner schlichten Aufschrift weithin sichtbar. Die moderne Fassade des sechsstöckigen Selfridges am Bullring, wahrlich ein „recognisable signpost for the brand“, setzt sich aus 15.000 Aluminiumplatten zusammen, weich und kurvig angeordnet.

Als würde man noch mehr brauchen, hat jüngst das „Grand Central“ (früher „The Pallasades“, ein John Lewis Store „mit 350.000 Waren“ fungiert als Flagship-Shop) mit seiner dreigeteilten Glaskuppel direkt über dem zentralen Bahnhof New Street eröffnet. Von oben ähnelt es einem bösen Käfer, der in der Stadtlandschaft liegt. Wenn man drin ist, fühlt man sich unter der lichtdurchfluteten Käferhaut gar nicht so unwohl. Im Bahnhof darunter, für 600 Millionen Pfund erneuert, fährt jede 37 Sekunden ein Zug ab, und 60 Millionen Menschen pro Jahr kommen durch.

Motorradrausch. Dann ist da noch BSA („Birmingham Small Arms“) ein Zusammenschluss mehrerer Waffenschmieden aus dem 19. Jahrhundert. Das „Lee Enfield rifle“ und das Lewis-Maschinengewehr waren neben Granaten die Klassiker für den Ersten Weltkrieg, für den das Unternehmen auch Falt-Fahrräder erfand, die Soldaten am Rücken tragen konnten. Auch die ersten Militär-Motorräder und ab 1907 Automobile, das letzte in den späten Dreißigerjahren, gehörten zum Produktportfolio. Im Zweiten Weltkrieg gab es Browning-Maschinengewehre und Panzerwagen. Mit zunächst einzylindrischen, später zweizylindrischen Motorrädern, den weltweit schönsten ihrer Epoche, wurde in Friedenszeiten der Umsatz gemacht, die wohl schönsten Modelle sind die Seitenwagen-BSAs. 1972 ging das letzte Motorrad vom Band, heute werden in der verkleinerten Fabrik Ersatzteile hergestellt.

2003 war ein übles Jahr für Motorrad-Freaks: Das National Motorcycle Museum brannte bis auf die Grundfesten nieder. Viele historische Motorräder wurden völlig zerstört. Doch den Freaks gelang es, aus Staub, Asche und Blech bis zu tausend Exponate wieder zu renovieren – heute wirken sie wie frisch aus der Fabrik. Das Museum, auf britische Marken spezialisiert, blieb in seinem Genre eines der berühmtesten der Welt.

Danach ein Abstecher ins Old Joint Stock, dem imperialen Pub, auf ein Guinness und ein hausgemachtes Rindfleisch-Pie. „With gravy?“, fragt der Barmann. Ja, gerne. „Salad or vegetables?“ Salad, please. „I tell you, salad doesn't go well with gravy. You better take vegetables!“ Okay, er hat Recht, Hauptsache mashed potatoes, das unwiderstehliche britische Kartoffelpüree.

Apfel und Grab. Der monumentale Apple Store auf der New Street (seit kurzem Nachfolger einer Waterstones-Buchhandlung) sieht wie eine Kirche oder Bank aus dem 19. Jahrhundert aus, einfach, weil er einst eine war. Ein Besucher bekreuzigt sich beim Eintreten und lacht über seine Blasphemie. „Unglaublich, so ein Boom“, sagt er mit Blick auf die Massen, die sich in der Halle drängen, „vom ersten Tag an war der Laden knallvoll.“ War das eine Kirche oder doch eine Bank? „Lass mich nachsehen“, sagt er und zückt sein Handy, „aha, wurde 1879 für die Midlands Bank gebaut. Die hatten Stil, aber Apple hat heute das Kleingeld, oder?“
Um die tatsächliche Kathedrale von Birmingham liegt ein aufgelassener Kirchenfriedhof mit 60.000 Begrabenen, von denen man heute wenig spürt. Weiter unten im hippen Jewellery Quarter befindet sich jedoch der malerische Warstone Lane Cemetery, auch Broolfields oder Mint oder Church of England Cemetery genannt, mit Katakomben und frei auf der Wiese verstreuten Gräbern, 1847 begründet, seit 1982 stillgelegt, 92.000 Begrabene, ursprünglich exklusiv für Anglikaner. Ein junger Alkoholiker steht in der Mitte des Friedhofs und spricht. Er ist in milder Stimmung. Er erklärt, dass es schön ist, wenn Leute Grabsteine setzen und prägen lassen für andere Leute. Zumindest sei dann klar, dass jemand an die Verstorbenen denke. Er sagt, dass viele Menschen, wenn sie stürben, keine Grabsteine bekommen würden. Das sei traurig – aber auch unvermeidlich. Und dann geht er seines Weges. Traurig und unvermeidlich.
Zeit für eine Rast in der neuen Library of Birmingham. Die heute größte öffentliche Bibliothek Europas mit ihrer Kettenhemd-Metallfassade nimmt 10.000 Besucher pro Tag auf. Die Eröffnung nahm Malala Yousafzai vor, jene mutige Pakistanin, die 2012 einen Taliban-Anschlag überlebte und 2014 den Friedensnobelpreis erhielt. Sie war mit ihren Verletzungen ins lokale Queen Elizabeth Hospital verlegt worden, in eine Spezial-Abteilung für Schusswunden. Malala verwies in einer Rede auf die Bedeutung, die ein einziges Buch für einen einzigen Menschen haben kann. Sie lebt heute in Birmingham.

 

Infos:

Anreise: u. a. mit Brussels Airlines, www.brusselsairlines.com


Unterkunft: Staying Cool, Serviced Apartments in The Rotunda, www.stayingcool.com;

Malmaison, Luxushotel in The Mailbox, www.malmaison.com/birmingham


Essen: Angeblich kann man nirgendwo im UK so gut essen wie in Birmingham, etwa Indisches/Pakistanisches Curry.

Im Balti-Triangle,
www.balti-birmingham.co.uk

Peel´s Restaurant, Lokal von Rob Palmer, Britisch, Michelin-Stern, Hampton Manor,
www.hamptonmanor.eu

Wrapchic, The Indian Burrito, Billig-Fusion-Kette, zwischen mexikanisch, asiatisch, Halal und vegan. Bullring Shopping Centre, www.wrapchic.co.uk

Pub: Old Joint Stock Theatre nahe der Kathedrale war bis 1997 noch eine Lloyds Bank, ist selbst kathedralenähnlich. Gehört regelmäßig zu den Top 25 Pubs im UK. Mit einem Theater im Oberstock.
www.oldjointstock.co.uk

Schokolade: Cadbury, einst Schokoladefirma von John Cadbury 1824 gegründet (als Quäker liebte er Schokolade und hasste Alkohol), heute Weltkonzern, www.cadbury.co.uk


Shopping: Grand Central, Shoppingcenter über der New Street Station, www.grandcentralbirmingham.com

Selfridges, klassisch am Bullring, www.selfridges.com,

Museen: National Motorcycle Museum, www.nationalmotorcyclemuseum.co.uk

Black Country Living Museum, www.bclm.com

Library of Birmingham, www.libraryofbirmingham.com.

Newman Brothers Coffin Fitting Works, haben u. a. Särge und -verzierungen für Queen Mum, Churchill und Prinzessin Diana hergestellt, 1998 ge- schlossen, jetzt Museum, nur Führungen mit Voranmeldung, www.coffinworks.org

Dudley Zoological Garden, neben dem Dudley Castle (11. Jhdt.), Sessellift ist 2012 neu eröffnet, www.dudleyzoo.org.uk

Infos: www.visitbritain.com,
www.visitbirmingham.com

Die Reise wurde von Visitbritain unterstützt.

 

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