Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

Amanshausers Welt: 469 Albanien

17.11.2016 | 13:38 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Kleine Geschichten über große Locations.

Zumindest 13 Enten: Sind das alle Zootiere? / Bild: (c) Beigestellt 

Zu minderwertigen Reisegeschichten gehört der Hinweis, dass die Kultur der beschriebenen Weltgegend sehr widersprüchlich sei, da die sich „zwischen Tradition und Moderne“ befinde. Mit diesem Widerspruch kann außer der Antarktis fast die ganze Welt beschrieben werden. Fotos dazu: Ein altes Mutterl telefoniert mit einem iPhone. Oder Dutzendstöckige Trump-oder-sonstwie-Towers zeichnen sich hinter einem Stromleitungskabelsalat ab.

Tatsächlich inmitten scheinbar unauflösbarer Widersprüche steckt jedoch die wohl bunteste europäische Hauptstadt – Tirana. Nehmen wir zuerst den dortigen Tiergarten. Der Kopshti Zoologjik i Tiranës schafft es regelmäßig in die Charts der schrecklichsten Zoos der Welt. Nicht einmal die Tickets am Eingang sind frisch. Zuerst glaubt man, die haben nur Enten. Und wirklich sind mehr als die Hälfte der Tiere Enten (ca. 13). Dazu kommt eine Ziege, zwei Lamas, ein Wasserbüffel, drei Vogel Strauße, ein Dromedar und zwei halb verhungerte Braunbären – eine Lebensaufgabe wartet hier auf Tierschutzaktivisten.

Animal Rescue Albania engagiert sich bereits, der Präsident verspricht Verbesserungen, Politiker versprechen das seit 15 Jahren. 2015 war der Zoo schon einmal vorläufig geschlossen, nachdem ein Video unter dem Titel „Schlimmster Zoo der Welt“ in den sozialen Medien viral geworden war, in dem ein Stier einen Esel attackiert. Die Antithese zum Zoo heißt Blloku. In der kommunistischen Ära lebte in diesem Bezirk das Establishment. Der Blloku, Hipster- und Retro-Hippie-Zone in Aufbruchsstimmung, platzt heute vor Cafés, in denen Leute unter Elektroschwammerln ihre Espressi kippen. In diesem East Village, gekreuzt mit Ottakringer Straße, florieren Hunderte Lokale – ihr Soundtrack ist absurderweise „Riders on the Storm“ oder „Hotel California“.

Spaziert man nach Mitternacht durch den Blloku, ändert sich das Bild nicht, da trinken sie Bier statt Kaffee.
Die Nightlife-Industrie bietet zumindest einigen jungen Leuten eine ökonomische Perspektive, denn was die Wirtschaftsdaten betrifft, ist Albanien hinten dabei. Zurzeit werden Aufnahmegespräche in die EU sondiert. Das ergibt dann keine EU 2.0, sondern eher 0,5.0, aber zu Europa gehören sie wirklich. Der Euro ist längst die Zweitwährung. Ich würde keinen Reisejournalisten tadeln, der Tirana zwischen Tierquälereitradition und Bobomoderne einordnete. Ziemlich widersprüchlich jedenfalls.

Ort

Gegensätze. Kopshti Zoologjik, Shetitore Lasgush Poradeci, Tirana, Albanien.

 

Tipp

Neues Kolumnenbuch: Martin Amanshauser, „Typisch Welt“, Picus Verlag.

www.amanshauser.at

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode

>>>
Schwer lesbar? Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Lesen Sie mehr

  • Schöner Ski fahren am Arlberg

    Seitdem am Arlberg dank neuer Verbindungen und „Run of Fame“-Skirunde noch mehr los ist, besinnen sich Insider auf alte Qualitäten.
  • Namibia: Wandern im Fish River Canyon

    Unterwegs wie in einem Geologiebuch: 85 Kilometer lang windet sich die Tour durch den zweitgrößten Canyon der Welt – den Fish River Canyon. Nur der Grand Canyon ist länger.
  • Wiener Alpen: Kurz einmal vor die Haustür

    In der Buckligen Welt durchs Herbstlaub rascheln. Bei regionalem Bier und feiner Küche auftauen. Mit freiem Blick einschlafen.