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Amanshausers Album: Über den Wolken

21.04.2017 | 10:22 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Unzuverlässige Prognosen sagen, dass Flugzeug-Turbulenzen aufgrund des Klimawandels zunehmen.

Bild: (c) APA/BARBARA GINDL 

Wer hat Angst vor Turbulenzen? Mein Cousin Ludwig zum Beispiel. Immer, wenn er geflogen ist oder fliegen wird, bringt er das Thema zur Sprache. Es stört ihn, wenn das Flugzeug wackelt. Es erinnert ihn daran, dass er sich in eine unkontrollierbare, letztlich unmenschliche Abhängigkeit begeben musste, die mit seinem Zerschellen auf der Erdoberfläche enden könnte.
Sage ich ihm nun, dass Turbulenzen, also Bewegungen der Luft, zu den stinknormalsten Phänomenen in der Atmosphäre zählen – hier am Boden nennen wir sie Lüftchen, Wind, Sturm – so hört er mir nicht ohne Billigung zu. Er lässt sich gerne erklären, dass sogenannte CATs („clear air turbulences“) durch moderne Messgeräte einige Minuten vorher aufgespürt werden, was Ausweichmanöver nach sich zieht – wie man ja auch Wirbelstürmen oder Unwettern ausweicht. Auch quittiert er zufrieden die Information, dass weltweit in den letzten zwanzig Jahren keine einzige Passagiermaschine aufgrund von Turbulenzen abstürzte, es nur bei nicht angeschnallten Einzelfällen zu Knochenbrüchen und Gehirnerschütterungen kam. Flugzeuge sind so gebaut, dass sie geschüttelt werden dürfen. „Schlimmstenfalls gerät man bei Turbulenzen eben in Turbulenzen“, sage ich Ludwig. Dennoch bemerke ich beim nächsten Anlassfall, dass er ungern vor der Idee ablässt, Turbulenzen könnten sein Leben zerstören.

Jüngst ergaben Modellrechnungen, das Phänomen könne durch den Klimawandel im Zunehmen begriffen sein. Ein höherer CO2-Gehalt der Atmosphäre kann die Anzahl von CATs laut solchen Prognosen erhöhen. Aktuelle Statistiken und Vergleiche zeigen allerdings noch gar nichts dergleichen. Die echten Gefahren des Klimawandels sind leider andere – unspektakulärer und langfristig tödlicher. Zieht man dazu in Betracht, dass sich die Techniken für die Ortung unruhiger Luftschichten laufend verbessern, kann man davon ausgehen, dass wir auch in Zukunft kaum wackeln. Ungefähr jeder fünfzigmillionste Passagier bricht sich halt das Handgelenk. War immer so. Hoffnungsvolle Aussichten für Ludwig? Der mag Turbulenzen trotzdem nicht.

Info

Über den Wolken soll es unruhiger werden. Laut einer Untersuchung an der Universität Reading (GB) könnten infolge des Klimawandels Turbulenzen zunehmen. www.amanshauser.at

 

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