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Amanshausers Album: Marathon

31.05.2017 | 16:02 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Vorzeigesport einer globalisierten Mittelschicht. Die laufen sogar durch Pjöngjang.

Bild: (c) APA/HANS PUNZ 

Marathons werden stündlich populärer. Bei den großen (New York, London oder Boston) müssen sich Amateurläufer für einen garantierten Startplatz mittlerweile schon ein Jahr vorher mit Gebühr registrieren und zudem akzeptable Zeiten bei unbedeutenderen Rennen vorweisen, andernfalls bleibt nur die Ticket-Verlosung.

Die internationale Laufszene speist sich aus meist neoliberal getriebenen Menschen aus der globalen Mittelschicht mit ihrem einheitlichem Sport-Business-Vokabular, die sich auch in ihrer Freizeit Leistung und Wettkampf aussetzen. Urlaub bedeutet ihnen nicht Strand
oder Kultur, sondern Action, „unique experience“. Es laufen ja nicht Arbeitslose, die zu viel Muße hätten, sondern gerade jene „ohne Zeit“. Finance Banker, internationale Manager, Silicon-Valley-Startup-Typen, oft Mitte 30, fit, kinderlos, die europäischen unter ihnen mit einer Steuer„leistung“ von 50 Prozent. Sie besteigen den Kilimanjaro, nehmen an Ironman-Rennen teil, fahren im Winter Snowboard in der Schweiz, und sollten sie sich programm-ungemäß irgendwo verlieben, treffen sie sich vorzugsweise auf ein Wochenende in Dubai. Liegt in der Mitte.

Where next?, ist die große Frage.

Ideales Reiseziel: Marathon von Pjöngjang, Nordkorea. „DRNK“ nennen sie das Land, ganz wie eine Firma. Dieser Marathon ist cool: Unsere Helden rennen an den Revolutions-Kulissen vorbei. Außer den Top-Athleten nehmen keine Nordkoreaner teil, also keine echten Werktätigen, aber über 50.000 Leute sitzen im Stadion und jubeln den Läufern zu: der einzige Kontakt zum Volk.

Spezielle Reiseagenturen organisieren solche sorgenfreien DPRK-Trips. Die Läufer, Vertreter der klassenlosesten Gemeinschaft der Welt, legen ein paar Tausend Dollar ab, Pjöngjang-Führung inklusive. Unsere Hardcore-Kapitalisten zahlen für selbstgemalte Revolutions-plakate 200 Dollar. Abends im Hotel erhalten sie extra Medaillen, Urkunden und eine drollige Parteifuzzi-Ansprache. Ein DPNK-Experience ist schwer zu übertreffen. Where next? Marathon auf Bali Ende August? Marathon in Angkor Wat im Dezember?

www.amanshauser.at

Tipp

Marathon laufen als Urlaubsziel und Reisemotiv: Gestern noch in Wien (im Bild), übermorgen schon vielleicht in Pjöngjang unterwegs?

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