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Amanshausers Album: Über Bettwanzen

09.06.2017 | 13:06 |  Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Dave Goulsons wahre Geschichte über den Leidensweg seines Mitbewohners. Über Bettwanzen.

Bild: (c) Piotr Naskrecki/CDC/Harvard University 

Als mich jüngst im New World Hotel, Chinatown, New York, (mutmaßlich) Bettwanzen plagten, dachte ich an Dave Goulsons Buch „A Buzz in the Meadow“, ich las es auf Deutsch, unter dem eher unwissenschaftlichen Titel „Wenn der Nagekäfer zweimal klopft“. Dieser britische Hummelforscher und Professor an der University of Sussex, ist ein großartiger Wissenschaftler und echter Freak. In einem Kapitel erzählt Goulson von einem Mitbewohner, der im Sommer unter juckenden, wellenlinienförmigen Schwellungen an Armen und Oberkörper litt. Man verdächtigte die Moskitos, doch im Herbst verschlimmerte sich der Ausschlag. Allergien wurden ausgeschlossen, Ärzte ratlos.

Der Mitbewohner tauschte die Matratze aus, stellte sein Schlafzimmer auf den Kopf – kein Resultat. Letztlich zog er entnervt aus. Eine Renovierung beförderte hinter einem alten Holzregal hunderte abgestreifte Insektenhüllen hervor. In den Ritzen und Fugen des Betts nahm Goulson Bewegung wahr, und beim Aufbrechen der Zargen „wuselten Dutzende bernsteinfarbener Insekten aufgeschreckt in alle Richtungen.“ Auch in den Kastenritzen und Fußbodenleisten lebten diese papierdünnen Wesen, Bettwanzen, frühmorgendliche Blutsauger, spezialisiert auf Menschen.

Auf Englisch heißen die Bettwanzen „kissing bugs“ – weil sie am liebsten in die Lippen stechen. Die flächendeckende Einführung der Zentralheizung lässt sie florieren. Den Juckreiz erzeugt ihr Speichel. Da Bettwanzen seit einiger Zeit Resistenzen gegen Insektizide entwickeln, sind sie heute populärer als je zuvor. Goulson berichtet vom britischen Wissenschaftler Wigglesworth, der Bettwanzen köpfte und sie mit Raubwanzen verband, zum Nachweis eines Hormons, das die Häutung steuert. Er berichtet aber auch von Charles Darwin, der einen „Angriff“ der Bettwanzen beschrieb. „Es ist äußerst widerwärtig, weiche flügellose, ungefähr einen Zoll lange Insekten über seinen Körper kriechen zu fühlen.“ Mir im New World Hotel half das wenig. Ich dachte an die Atombombe, und dass man sie auch mit ihr (mutmaßlich) nicht gescheit wegkriegen konnte.

Info

Bettwanzen haben nichts mit mangelnder Hygiene zu tun. Vielmehr verbreiten sie sich auch durch den weltweiten Tourismus, in dem sie mit dem Gepäck eingeschleppt werden. www.amanshauser.at

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