Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

Amanshausers Album: Wasserleichentag

28.06.2017 | 10:05 |  Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Nach dem Essen: Schwimmen erlaubt? Eltern verneinen. Ich bejahe. In Rom verneinte auch ich.

Perfekter Tag am Strand von Ostia – zunächst. Bald würde eine Wasserleiche durch das Bild getragen werden. / Bild: (c) Amanshauer 

Am Samstag war ich in Rom, um mit dem Österreichischen Autorenfußballteam gegen die Kollegen aus Italien zu spielen. Wir hatten einen Elfer verschossen, knapp vor Schluss stand es
2:2, es roch nach Unentschieden. Doch in den letzten Minuten ereilte uns ein österreichisches Schicksal. Nach dem Spiel erkundigten wir uns nach Bademöglichkeiten für Sonntag, wir erwähnten Ostia, den Stadtstrand Roms. „Nur nicht!“, sagten die römischen Kollegen, „fahrt niemals zu diesen verdreckten Zigarettenkippenstränden mit öligem Wasser, bedeckt von den volltätowierten Fleischbergen der Berlusconi-Wähler auf Billighandtüchern.“ Insgeheim dachte ich: Das ist genau, was ich möchte! Nahe Rom erwarte ich ja ohnehin kein karibisches Inselidyll. Ich will unter die Leute, ein Moretti trinken, ein Tramezzino essen.

Mit drei unentwegten Kollegen kämpfte ich mich per Schnellbahn nach Ostia vor: Bis zu einem ebenso vollen Strand mit wunderbarer Bar mit exzellentem Moretti. Aufschrift im Klo: „Es wird vom Eintritt verboten im Badezimmer Barfuß.“ Im Saal ein Schildchen: „Do not sit at the tables with their food.“ Ich liebe die Italiener!

Wir badeten und trieben Schabernack, was halt vier Österreicher nach einem 2:4 so tun. Mulmig wurde uns, als die Polizia Mortuaria neben der Bar einparkte. Gleich darauf wurde eine Wasserleiche in einem Sack quer durch das Lokal getragen, geradezu abserviert. Okay, die Beamten wollten den grausigen Fund nicht durch den Sand schleifen, aber bizarr war die Durchquerung der Bar schon. (Ein 49-jähriger Rumäne war, wie wir am nächsten Tag lasen, nach dem Genuss einiger Moretti im Wasser zusammengebrochen und ertrunken.) Beim Mittagessen debattierten wir darüber, ob man nach Mahlzeiten eine oder zwei Stunden nicht schwimmen durfte, oder ob diese Regel eine Urban Legend unserer Elterngeneration war, ohne physiologischen Hintergrund. Normalerweise wären wir sicher zu dem Schluss gekommen, es sei egal, wann und wie vollgefressen man ins Meer steigt. Doch am Wasserleichentag gab es eine Mehrheit für die althergebrachte Theorie.

www.amanshauser.at

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode

>>>
Schwer lesbar? Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

Lesen Sie mehr

  • Schöner Ski fahren am Arlberg

    Seitdem am Arlberg dank neuer Verbindungen und „Run of Fame“-Skirunde noch mehr los ist, besinnen sich Insider auf alte Qualitäten.
  • Namibia: Wandern im Fish River Canyon

    Unterwegs wie in einem Geologiebuch: 85 Kilometer lang windet sich die Tour durch den zweitgrößten Canyon der Welt – den Fish River Canyon. Nur der Grand Canyon ist länger.
  • Wiener Alpen: Kurz einmal vor die Haustür

    In der Buckligen Welt durchs Herbstlaub rascheln. Bei regionalem Bier und feiner Küche auftauen. Mit freiem Blick einschlafen.