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Amanshausers Album: 20 – San Francisco

25.08.2017 | 09:54 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

San Francisco feiert sich selbst, 50 Jahre Sommer der Liebe. Gedanken an Pionier Ferlinghetti.

Lawrence Ferlinghetti, der Beat-Poet, Verleger Allen Ginsbergs Gedichtband „Howl“ und Chef des „City Lights Book-shops“ – 2004 beim poesiefestival berlin. / Bild: (c) imago stock&people 

Bis 2010 sah ich im Caffe Trieste (in North Beach, San Francisco) einen uralten, weißbärtigen Intellektuellen, der sich argwöhnisch über Präsident Obama äußerte. Ich hielt es für wahrscheinlich, dass es sich um den Beat-Poeten und Chef des „City Lights Book-shops“ handelte, Lawrence Ferlinghetti, Jahrgang 1919. Anzusprechen wagte ich ihn nicht.

Ferlinghetti war auch der Verleger von Allen Ginsbergs umstrittenem Gedicht „Howl“. Nach der Beschlagnahme der Erstauflage gewann er Mitte der Fünfziger Jahre den Prozess, ein Meilenstein für die freie Meinungsäußerung. 1967 kam der „Summer of Love“ über San Francisco. 100.000 Amerikaner versammelten sich auf der Suche nach Liebe und Freiheit in der Stadt – Anti-Establishment in einer Epoche vor der Pervertierung dieses Begriffs.

Der Gegenkultur-Guru und Sorbonne-Absolvent Ferlinghetti war bereits 48, aber trotzdem Initiator des „Human Be-In“ im Golden Gate Park. Dieser 14. Jänner 1967 eröffnete den Sommer. Beim Be-In fanden sich die militanten Berkeley-Denker mit den friedensbewegten Mode-Hippies aus Haight-Ashbury zu einer Anti-Kriegs-Koalition zusammen. 1967 agierte die offizielle USA in Vietnam sehr entschlossen: 108.000 Bombardierungen, 226.000 Tonnen Abwurf.

Haight-Ashbury, 50 Jahre später: Fans schnüffeln in den Vorgärten von Grateful Dead, Jefferson Airplane, Janis Joplin. Das Ex-Apartment von Jimi Hendrix in 1524A Haight Street ist eine belegte Mietwohnung. Doch die seitliche Feuerwand zeigt ein Wandgemälde des Gitarrengotts. Seine Zeitgenossen, in die Jahre gekommene Hippie-Veteranen, torkeln gesenkten Hauptes in miesem Allgemeinzustand durch das museale Viertel. Ihre Party? Vorbei!

Die romantisch-triste Erinnerungskultur hält die quirlige Westküstenstadt nicht davon ab, für den 50. Liebessommer-Geburtstag mit „Come let your hair down“ und „Always a good trip“ zu werben. Und unten in North Beach könnte es ja wirklich sein, dass man mit dem 98-jährigen Ferlinghetti Wege kreuzt. Angesichts der Lage im Weißen Haus würde er heute Obama vielleicht Abbitte leisten. Wer weiß.

www.amanshauser.at

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