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Amanshausers Album: Gletscherschmelze

15.09.2017 | 11:49 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

23 - Leichen apern aus, weil wegen dieser chronisch investorenfreundlichen Politik die Gletscher schmelzen.

Im Juli 2017 wurde diese Flasche im Gebiet des Tsanfleuron-Gletschers (Wallis) gefunden. Erst heuer gab das sich zurückziehende Eis ein Paar frei, das vor 75 Jahren verschwunden war. / Bild: (c) APA/AFP/POLICE CANTONALE VALAISA) 

Da hab’ ich schön geschaut, in Andorra, als der Taxifahrer im
Bergdorf Pas de la Casa erzählte, dass hier noch vor Kurzem ein Gletscher war. Eine tolle Landschaft, dieses Moränen-Geröll, das so ein Gletscher hinterlässt. Dahinter ein kleines Skigebiet. Irgend- wie traurig, das Ganze. Ich überlegte, ob andorranische Skifahrer ohne Gletscherschmelze womöglich längst den Weltcup gewinnen würden. Ob Marcel Hirscher gegen die überhaupt eine Chance hätte.

Später las ich über die globale Erwärmung. Der deutsche Ausdruck „Klimawandel“, das fiel mir auf, ist verharmlosende Augenauswischerei. Vor ein bis zwei Jahrzehnten gab es noch Klimaskeptiker, die bezweifelten, dass der Mensch Verursacher der Erwärmung ist. Sie sind widerlegt. Heute ist die Wissenschafts-Community von unserem Einfluss aufs Klima überzeugt. Leider hilft das, außer für die Bewusstseinsbildung, erschreckend wenig. Bereits das Kyoto-Protokoll 1997 wies auf die Auswirkungen des Treibhauseffekts hin: Millionen Leute in Ländern wie Bangladesch, Thailand, Indonesien oder Ägypten werden ihre Heimat durch Überschwemmung verlieren. Geschmolzene Gletscher lassen Flüsse anschwellen, Seen gehen über, die Flut kommt. Die dem Gletschertod folgende Austrocknung wird Gebieten in den Anden und im Himalaya die Trinkwasserreserven rauben.

Andererseits kam der Ötzi zum Vorschein. Immer häufiger machen Wanderer an Gletschern bizarre Funde. Nach dem Absturz zweier Air-India-Maschinen (1950 und 1966, insgesamt 165 Tote) tauchten im Montblanc-Massiv ein Fahrgestell-Teil, indische Zeitungen, ein Sack mit Diplomatenpost und eine Schatulle mit Rubinen und Smaragden auf; im Juli 2017 eine Hand und ein Oberschenkel. Auch ein mumifiziertes Ehepaar aperte aus, das seit 1942 auf dem Tsanfleuron-Gletscher vermisst wurde. Die 79-jährige Tochter und ihre sechs Geschwister hatten seit ihrer Kindheit nach ihren Eltern gesucht. Sie kommen jetzt zur Ruhe. Die Gletscher nicht. Mit der weltweit servil investorenfreundlichen Politik zerstören wir unser Eiszeiterbe. Mit unabsehbaren Folgen.

www.amanshauser.at

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