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Amanshausers Album: Durchfallmasche

20.10.2017 | 09:35 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

27 - Durchfall, Reisekrankheit, klar. Doch mancher war gar keiner. Die Geschichte der „Durchfallmasche“.

Kollateralschaden. Reiseveranstalter lassen sich nicht so leicht täuschen, selbst bei akribischer Planung von angeblichen Reiseerkrankten. / Bild: (c) Clemens Fabry 

Wir sprechen ungern darüber, doch leider gebärdet sich die Verdauung in fremden Ländern gern einmal fremdartig. Der Durchfall, von kultivierten Menschen scherzhaft „Percasus“ genannt, medizinisch „Diarrhoe“, in der Dschungelcampwelt allerdings „Dünnschiss“, war das klassische Tabuthema der Reisebranche. Um dem Vorgang die Vulgarität zu nehmen, existiert ja ein ganzes Vokabular. Zum Beispiel kann man das „große Geschäft“, distanzierend „Stuhl“ nennen, in Österreich regional auch „Sessel“. Wenn ganze Darminhalte zum Vorschein kommen, wird es gelegentlich sogar zum „Sofa“ oder zur „Couch“. Ich persönlich nenne es „Klobrille“. Welche Sprachvielfalt, nur um skatologisches Vokabular zu um-, naja … zu umschiffen!

Es war ich selbst, der auf deutschsprachigen Reiseseiten regelmäßig den Durchfall-Themen Kontur gab. Leser reden mich noch heute auf mein Cabo-Verde-Erlebnis an, Vergiftung durch öliges Roastbeef. Also Vorsicht, Augenmerk sollten wir, wollen wir unterwegs den Percasus beziehungsweise flüssige Klobrille vermeiden, aufs Fleisch legen – unschuldig bleibt meist die hauptverdächtige Miesmuschel oder der harmlose Fisch. Neben dem Monster Fleisch müssen wir bei plötzlichem Exkrementenfluss zudem Humane Noroviren oder Rotaviren verdächtigen.

Ein Sonderfall: der Mallorca-Durchfall. Seit 2013 täuschten ihn Tausende Generationen britischer All-Inclusive-Betrüger-Urlauber vor – Schadenssumme 60 Millionen Euro. Die symptomfreien „Durchfallmaschen“-Gierschlunde schlangen die guten mallorquinischen Spezialitäten wie den Caldereta-Meeresfrüchte-Eintopf hinunter – und ließen ausschließlich hübsch Geformtes als Klobrille ab. Lokale Strohmänner stifteten sie gezielt an, in der lokalen Farmacia Durchfallmittel zu kaufen und mit dem Kassenbon nach ihrer Rückkehr Entschädigungsprozesse gegen Hotels und Veranstalter anzustrengen. Diesen September wurde jedoch (u.a.) eine britische Unternehmerin verhaftet, in deren Hintergrund Anwaltskanzleien agierten. Der falsche Percasus ist seitdem ein Casus. Sammelklagen werden übrigens jetzt reihenweise zurückgezogen.

www.amanshauser.at

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