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Amanshausers Album: Am Häusel

02.11.2017 | 10:07 |  Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

30 - Überflüssige Fehlkonstruktionen: der weltweite Vormarsch des Piepsens, des Spritzklos, der Sensoren.

Eine Segnung für die Menschheit, dass es das Wasserklosett gibt. Nur braucht es das ganze technische Drumherum, die ganzen Gimmicks? / Bild: (c) imago/JOKER 

Mehrfach habe ich darauf hingewiesen, dass „moderne“ Toiletten, nämlich solche, bei denen die Ausscheidungen direkt in Wasser plumpsen, wegen des damit verbundenen Spritz-Effekts – pervertiertes Hygienekonzept! – einen zivilisatorischen Irrtum darstellen. Verklemmte Designer wollten wohl unbedingt vermeiden, dass „die Scheiße“, wie in Hans Magnus Enzensbergers gleichnamigem Gedicht (1964), „sanft und bescheiden unter uns Platz nimmt“.

Als Europa noch an der ökonomischen Spitze stand, wurde man auf Reisen außerhalb der „westlichen Welt“ meist von innenarchitektonischen und technischen Verschlechtbesserungen verschont. Inzwischen gewinnen miserables Design und dilettantische Technologie überall an Boden. Denken wir nur an die Induktionskochfelder, bei denen man sich mit durchgebogenem Zeigefinger verzweifelt bemüht, die Digital-Anzeige von 0 auf 9 hinaufzutreiben. Wie nerven- und kraftsparend waren Drehschalter!

Das 21. Jahrhundert tut sich durch ein unablässiges Piepsen hervor. Meiner Ansicht nach gehört alles Piepsende,
das früher nicht piepste und ohne Piepsen einwandfrei funktionieren würde, radikal entpiepst. Bisher schaffte man es doch auch, Wäsche aufzuhängen – heute piepst die Maschine in der Airbnb-Wohnung am Ende jedes Waschgangs. Oder im Verkehr: Manchmal möchte ich mich im Leihwagen aus irgendeinem Grund kurzfristig nicht angurten. Darauf ertönt ein lächerlich-erzieherisches Piepskonzert, für dessen Erstickung mir jegliche Handhabe fehlt.

Ähnlich benutzerfeindlich sind die sensorgesteuerten Handtuchspender auf öffentlichen Toiletten: Sie geben meist nur wenige Quadratzentimeter Papier heraus. Noch schlimmer, da sie sich gerade wie Viren verbreiten, gebärden sich Lichtquellen mit Bewegungssensoren. „Strom sparen“? Blödsinn, dafür existieren profitablere Gebiete
(Heizung, Air-Condition). Gelegentlich erlischt das Licht, wenn ich am Häusel sitze. Ich springe auf, fuchtle wild, lege einen Step hin, um beleuchtet zu warten, dass die von Enzensberger Beschriebene unter mir Platz nimmt – oder „Splash“ macht.

www.amanshauser.at

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