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Amanshausers Album: Taxler Edgar

09.11.2017 | 09:37 |  Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

31 - So weise wie’n Berliner Taxifahrer musste mal sein: über die Flughäfen, den Euro, den Beckenbauer.

Beim Volksentscheid Ende September sprach sich die Mehrheit der Berliner dafür aus, den Flughafen Tegel auch bei Fertigstellung von Berlin Brandenburg (BER) weiterzubetreiben. / Bild: (c) APA/AFP/AXEL SCHMIDT 

Taxifahrt von Tegel (TXL) nach Schönefeld (SXF). Taxler Edgar ist etwas älter als ich. Während jedoch der Zahn der Zeit an mir bekanntlich absolut nicht nagt, ist Edgar ziemlich verfallen. Uns beiden wiederum kommt TXL verfallen vor, doch wir verständigen uns, dass wir diesen Flughafen mögen. Liegt stadtnah, hat fast kein Duty Free, ist so angenehm klein. Das Gespräch kommt auf den Flughafen BER, auf den Korruptionssumpf, längst hätte der eröffnen sollen, nie eröffnet er. Edgar sagt, dass der Bau in Brandenburg ein 0:5 für die Berliner Politik bedeutet: fünf Eigentore. Die Brandenburger werden alles abschöpfen, sich alles unter den Nagel reißen. So dumm wie der Berliner Senat musste mal sein, sagt Edgar.

Er hatte, erzählt Edgar, bis vorgestern 120 Österreichische Schilling dabei. Irgendwo vor Jahren gefunden und unumtauschbar in Berlin. Seine Mutter hat ihn gedrängt, sie im Taxi mitzunehmen und sie Österreichern zu schenken, acht Euro immerhin. Vorgestern wurde Edgar das Geld endlich los. Wäre es nicht so gewesen, sagt er mir, hätte jetzt ich das Geld.

„Die hätte ich nicht gewechselt!“, sage ich. Wir debattieren über die Euro-Verteuerung aller Waren. Die Zimtschnecke, die er früher für eine D-Mark kaufte, kostete bald einmal einen Euro – und heutzutage bereits 1,69. „Taxis sind ebenfalls teurer geworden“, ergänze ich. „Ja, Taxis auch“, gibt er zu.

Beckenbauer, sagt Edgar, war noch vor drei Jahren überall, auf jedem Sender, dauernd. Dann ist der untergetaucht. Hatte überall mitgeschnitten, bei Joseph Blatters Machenschaften und
so. Alles immer Schwarzgeld, in bar. Beckenbauer – jetzt untergetaucht. Am Starnberger See. Oder im Starnberger See. Jedenfalls – Beckenbauer, kannste sagen, nüscht. Er mochte ihn ja gern, wegen des Dialekts. Untergetaucht. Nüscht.

Wir erreichen SXF. Unser Taxi wird auf einen Parkplatz umgeleitet. Direkt vor dem Gebäude dürfen ausschließlich Brandenburger Taxis halten. Fast wie das in BER dann sein wird, man sieht bereits, sagt Edgar, worauf sie hinauswollen. So dumm wie der Berliner Senat musste mal sein.

www.amanshauser.at

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