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Amanshausers Album: Bitte sehr freundlich

10.01.2018 | 09:36 |  Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

37 - Kulturvergleich: Freundlichkeit ist gut. Aber niedriger dosieren! Manchmal wird sie zu viel.

Die Grußformeln aus der amerikanischen Supermarktkultur finden zunehmend Eingang in die heimische Einkaufswelt. / Bild: (c) imago stock&people 

Vor drei oder vier Jahren begannen Verkäuferinnen und Verkäufer in Geschäften und Supermärkten ihrer regulären Auf-Wiedersehen-Verabschiedung hinzuzufügen: „Einen schönen Tag noch!“ Die Formel, ein Import aus Deutschland und letztlich den Vereinigten Staaten, klang menschlich in meinen Ohren. War es nicht rührend, eine Verbesserung des täglichen Miteinanders, wenn einem selbst an missglückten Tagen von allen Seiten der „schöne“
Tag entgegenklang?

Seit die Formel aber nun automatisiert auftritt, zur Sprachregelung wurde, die mir täglich fünf bis zehn Mal in den Ohren klingt, hat mein Gefühl Rost angesetzt. „Schönen Tag noch!“, krächzen mir genervte Stimmen hinterher, oder gar „einen wunderschönen Tag!“, eine schreckliche Wendung, die ich zuerst von einem mutmaßlich delinquenten Paradeschwiegersohn und Ex-Minister hörte. Der wunderschöne Tag hallt in mir so übel nach wie das berühmte „in den Neunzehnhundertsiebzigerjahren“ der Radiosprecher, ein Anglizismus, der suggeriert, wir Ö1-Gebildeten könnten automatisch in mehreren Siebzigerjahren leben.

Auch in den USA riecht die Luft der von Arbeitgeberseite erzwungenen Mitarbeiter-Freundlichkeit zunehmend süßlich. In den Supermärkten geht es zu, als würde man eine In-Boutique betreten. Grüßauguste lassen einen partout nicht in Frieden. Für mich Schwächling besteht der Vorteil des Großmarkts gegenüber dem Kleinhandel ja vor allem darin, dass ich mich in Ruhe umsehen kann, ohne dass mich Angestellte ansprechen, belästigen oder zu diversen Käufen drängen, die ich später bereue.
In den USA werde ich kaputtgegrüßt, muss beantworten, wie es mir „heute“ geht, ob ich zufrieden bin, ob ich etwas Spezielles suche – auch wenn mir gar nicht nach Sprechen zumute ist. An der Kassa fragen sie mich bohrend-insistierend, ob ich denn auch „alles gefunden“ habe. „Nicht im Geringsten!“, möchte ich ihnen entgegenschreien, „also echt, Sie haben hier ein ordentliches Chaos! Hab maximal die Hälfte gefunden! Ist mir ehrlich gesagt furzegal! Kaufe das meiste Zeug sowieso woanders!“

www.amanshauser.at

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