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Amanshausers Album: Die Jagd nach dem Inselphantom

11.04.2018 | 12:55 |  Martin Amanshauser  (Die Presse - Schaufenster)

49. Sandy Island, eine Insel auf einer enttäuschend durch-kartografierten Welt, die es letztlich gar nicht gab.

Hätte man wohl gern, dass die Welt noch nicht so erschlossen ist, dass sich darin neue Inseln finden lassen. Vielleicht sogar tropische, zum Badegebrauch. / Bild: Imago/Imagebroker 

Auf deutschen Karten hieß sie einfach Sable, auf französischen immerhin Ile de Sable. In der englischsprachigen Welt nannte man sie zuerst Sable Island, später Sandy Island. Es Vergangenheit handelte sich um eine sandige Insel zwischen Neukaledonien und Australien von immerhin 24 mal fünf Kilometern Ausdehnung. Entdeckt wurde die Sandige 1792 vom französischen Seefahrer Joseph Bruny d'Entrecasteaux und fand unter den Récifs d'Entrecasteaux Aufnahme ins Kartenmaterial jener Ära.

Nun muss man sich die große Bedeutung einer exakten Kartografie sämtlicher Inseln, vor allem von solchen in spärlich befahrenen Meeren, für die Schifffahrt vor Augen führen wegen der Gefahr des nächtlichen Auflaufens. Gerade im Pazifik existieren ja Zehntausende unbewohnte Inseln, einige wurden nie von Menschen betreten. Bei unserer Sandy Island gab es nur ein einziges Problem, dieses jedoch war ziemlich weitreichend: Sie existierte nie.

Ein Walfänger mit dem Namen "Velocity" sichtete Sandy Island 1876, zumindest gab er Brandungswellen an der Stelle zu Protokoll. Gemeinsam mit d'Entrecasteauxs Notiz ergab das einen Eintrag in ein australisches Handelsbuch, von wo Sandy über britische und französische Seekarten ihren Weg bis zu Google Earth fand sichtlich verwenden sie dort als Ausgangsmaterial für die Weltkarte nicht nur Satellitenbilder. Sandy Island lag seitdem unverrückbar auf 19°12'44'' südlicher Breite und 159°56'21'' östlicher Länge.

Erst nachdem ein Forschungsschiff der Universität Sydney 2012 die Nicht-Existenz des Inselphantoms bestätigt hatte, schwärzte Google Earth es und strich es in der Folge ganz von der Karte. Bis dahin posteten Spaßvögel eine Menge fantasievoller Bilder von Sandy Island, die futuristische Türme, fliegende Drachen und sogar das Stadion des Fußballnationalteams zeigten so äußert sich das dringende Bedürfnis nach Fiktion und Zauber in einer enttäuschend durchkartografierten Welt. So verschwinden aber auch Zufluchtsorte der Fantasie. Keine Angst, die digitale Welt wird zum Glück mehr als ausreichend neue erschaffen.

www.amanshauser.at

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