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Mexiko: Flechten und Agaven

29.05.2014 | 14:16 |  von Natascha Thoma und Isa Ducke (Die Presse - Schaufenster)

Mexikanisch wandern: in Oaxaca starten und durch die Sierra Norte stapfen.

Bild: (c) Wikipedia 

Die Anreise gehört schon einmal zum Abenteuer: „Abfahrt 8.30 Uhr am Bussteig 23, Platz 19 und 20!“ Der Angestellte der Zemoaltepetl-Busgesellschaft schiebt gelangweilt zwei Fahrkarten durch das Schalterfenster. Auf dem Bussteig 23 warten bereits einige Indiofrauen. Sie haben auf dem Markt in Oaxaca große Bündel orangefarbener Blumen eingekauft: Dekoration für den bevorstehenden Día de los Muertos, das farbige mexikanische Totenfest. Ein nervöser Greis sortiert unablässig den Inhalt seiner Taschen und Plastiksäcke um. Schließlich zieht er umständlich sein abgewetztes Jackett aus und einen Acrylpullover an, nur um kurz darauf noch einen hellblauen Anorak überzustreifen.

Zehn Minuten früher als erwartet fährt ein ausgedienter Bluebird-Schulbus auf den Hof, und sofort bildet sich eine Traube am Einstieg. „Kein Grund zu drängeln“, denken wir, „wir haben ja nummerierte Plätze“, schubsen aber zur Sicherheit fleißig mit. Doch zunächst wird ein abgefahrener Reifen aus dem Bus und in die Tiefen des Busbahnhofs gerollt. Dann macht sich der Fahrer mit einem winzigen Schraubenschlüssel an einem der Vorderräder zu schaffen. Das scheint länger zu dauern. Wir folgen dem Beispiel der Mitreisenden und sinken wieder in die unbequemen blauen Schalensitze im Wartebereich. Als der Fahrer einsteigt und den Bus einige Male vor- und zurückfährt, formt sich sofort wieder eine hoffnungsvolle Menge. Doch offensichtlich ist die Reparatur nicht zufriedenstellend ausgefallen, denn der Bluebird fährt ohne Fahrgäste von dannen.

Hochkultur. Stunden später sitzen wir in einem anderen klapprigen Bus. Unser Ziel ist Cuajimoloyas: ein Dorf in den Bergen der Sierra Norte, der Bergkette im Osten der Provinzhauptstadt Oaxaca, die heute überwiegend von Zapoteken bewohnt ist. Sie sind Nachfahren jener Volksgruppe, die in Monte Alban bei Oaxaca von etwa 300 bis 900 nach Christus eine der mexikanischen Hochkulturen hervorgebracht hat. Vor zehn Jahren haben einige der Zapotekendörfer gemeinsam mit dem Fremdenverkehrsamt von Oaxaca ein Ökotourismusprojekt ins Leben gerufen, mit dem Besucher aus aller Welt nun das einzigartige Ökosystem der Sierra Norte mit ihren fast 20 Millionen Jahre alten Wäldern erleben können.
Cuajimoloyas liegt auf über 3200 Metern Höhe, und auch wir zerren unsere Jacken aus dem Rucksack, als wir am Informationsmodul der Pueblos Mancomunados, der vereinigten Zapotekendörfer, abgesetzt werden. Dort wartet bereits Evencio, der Guide. Evencio ist 45, leicht untersetzt, trägt ein Jeanshemd und eine rote Baseballkappe.

Er gehörte mit zu den Ersten, die die Ausbildung zum Touristenführer durchlaufen haben. Mehrmals in der Woche zeigt er nun zu Fuß oder auch mit dem Mountainbike Besuchern die Nebelwälder der Sierra Norte und erklärt ihnen die einheimische Flora und Fauna. „Das Leben in den Bergen der Sierra Norte ist hart, und die Ressourcen sind knapp. Deshalb arbeiten die Zapotekendörfer von alters her zusammen“, erklärt er. Zum Beispiel seien die Wälder alle im Gemeinschaftsbesitz. Das Tourismusprogramm war also keine so große Umstellung, und das eingenommene Geld wird zur Verbesserung der Infrastruktur der teilnehmenden Gemeinden genutzt. „Die Leute in den Dörfern sind recht zufrieden mit dem Projekt.“ Dann drängt Evencio zum Aufbruch nach Latuvi, unserem heutigen Tagesziel.
(c) Wikipedia (c) Wikipedia
Flechtenzottel. Bald wandern wir durch eine breite Allee überdimensionierter Agaven, manche mit sechs oder sieben Meter hohen Blütenständen. Sie blühen nur alle 20 bis 25 Jahre. Pulque, das mexikanische Nationalgetränk, wird doch auch aus Agaven gemacht, erinnern wir uns. Aber dies ist offenbar nicht die richtige Sorte dafür – später zeigt Evencio auf die geeigneten, kleineren Agaven, einige sind schon in der Mitte aufgeschnitten. Je weiter man in den Wald vordringt, desto verwunschener wird er.
Verwachsene Bäume ranken sich links und rechts vom Weg, viele mit haarigen Flechten bedeckt, wie Zottel hängen sie von den Ästen. „In der Stadt benutzen die Leute diese Flechten als Weihnachtsdekoration“, schmunzelt Evencio. Auf einigen Stämmen wachsen Bromelias: fleischige rote Blüten, die ihre Wurzeln in die Baumrinde schlagen und deren Aussehen an eine besonders schwierige Sorte Zimmerpflanzen erinnert.

Nach einigen Stunden Marsch gelangen wir auf einen lichten Felsvorsprung, von dem aus der Wald steil in ein Tal abfällt. Ricardo, ein anderer Guide, übernimmt, denn Evencio geht von hier aus zurück, um am Abend wieder bei seiner Familie sein zu können. Eine kurze Kekspause mit Blick über die sattgrünen Berge und Täler, die sich bis zum Horizont erstrecken, dann steigen wir in den Canyon ab.

Auf dem steilen, glitschigen Pfad werden die Rucksäcke immer schwerer, jede Gelegenheit wird genutzt, um an einer ungewöhnlich duftenden Pflanze stehen zu bleiben, die Knie auszuruhen und Fragen zu stellen: „Ist das ein Gewürz? Für welche Gerichte wird es benutzt?“ Doch Ricardos Antwort auf das meiste ist unweigerlich: „Tee“.

Poleo ist gut gegen Bauchschmerzen, Gordoloba hilft bei Halsschmerzen, zum Arzt gehen die Zapoteken selten.
Als wir in Latuvi ankommen, dämmert es bereits. Ein paar Jugendliche spielen noch Basketball, aber im Dorfladen brennt schon schummriges Licht. Dort verkauft ein Mädchen Erdäpfel, Bohnen und einen salzigen weißen Käse. Die lokale Küche ist sehr schlicht. Wer sich nicht selbst versorgt, kann auch im Comedor, der Dorfgaststätte, essen. Zur Übernachtung sind in den Dörfern einfache, aber wohnliche Bungalows gebaut worden.

Salamandergift. Am nächsten Tag beginnt es zu nieseln, als wir das Dorf verlassen, und der Regen wird für die nächsten 28 Stunden nicht aufhören. Wolkenschlieren ziehen um die Baumkronen. Das zunächst relative breite Tal verengt sich zur Schlucht. Hier folgen wir auf den alten Wegsteinen einer vorkolumbischen Handelsroute dem Lauf eines Baches. Ein Stück Gummischlauch am Wegesrand entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Feuersalamander mit einer Haut wie Schokopudding und Orangencreme. „Nicht angreifen!“, springt Ricardo nervös dazwischen. „Der ist sehr gefährlich! Ein Feuersalamanderbiss kann tödlich sein.“

Am frühen Nachmittag taucht Lachatao, ein winziges Dorf am Berghang auf. 400 Einwohner, behauptet Elena, die Comedor-Besitzerin, aber die gefühlte Bevölkerung beträgt höchstens 20. Als Zeltplatz bekommen wir den Rasen vor der enormen Barockkirche Santa Catarina zugewiesen, einem Überbleibsel aus der kolonialen Geschichte des Ortes. Abends, kurz nach Einbruch der Dunkelheit, dringt ein schwacher Lichtschein aus der geöffneten Kirchentür.

Das leere Kirchenschiff ist nur vom Kerzenschein zahlloser Kandelaber erleuchtet, in der vordersten Kirchenbank singen und beten drei gebückte alte Frauen. Gespenstisch hallen ihre Stimmen bis zu uns. Bis zum Morgen verdichtet sich der Regen zu einem rhythmischen Prasseln. Wir stopfen unser nasses Zelt in einen Plastiksack und klettern auf die überdachte Ladefläche eines Pick-ups, der uns zur Asphaltstraße bringen soll, auf der der Bus nach Oaxaca vorbeikommt. Außer uns fährt eine Dorfbewohnerin in einem dicken grauen Strickpullover mit. Michaela fährt zum Markt in der Stadt, „weil dort die Lebensmittel billiger und frischer sind als im Dorfladen“.
Das ist, was für sie zählt, nicht die neuen Papierkörbe in den Dörfern und die verbesserten Trinkwasserstandards. Das Ökotourismusprojekt ist ihr eher suspekt: Mehrmals erkundigt sie sich misstrauisch nach den Preisen für Unterkunft und Essen.

An der Asphaltstraße sammelt uns nach nur fünf Minuten ein bereits überfüllter Bus ein, der über die Berge zurück nach Oaxaca rumpelt, in die große Stadt. Die meisten anderen Passagiere tragen dicke Jacken und große Taschen, Landleute auf dem Weg zum Markt. Noch immer regnet es, und auf den Bergpässen ist der Nebel so dicht, dass die Bäume am Straßenrand kaum zu sehen sind, was den jugendlichen Fahrer in seinem gutgelaunten forschen Fahrstil nicht behindert.

Erst im Tal von Oaxaca, am Ende der Tour, klart das Wetter auf. Wie frisch gewaschen strahlen die Farben. Die Passagiere verschwinden in den Gassen des Marktes. Wir genehmigen uns in einem der vielen Cafés     eine heiße Schokolade.

Tipp
Aztekisch. Fermentierter Agavensaft: Pulque, hier von Poliqhui
Nahrhaft. Die Tomatillo, ein beliebtes Gemüse, ist mit der Stachelbeere verwandt.
Ursprünglich. Schokolade aus der Steinmühle von Taza, www.tazachocolate.com
Wandern. Die Pueblos Mancomunados sind ein Zusammenschluss mehrerer Dörfer in der Sierra Norte bei Oaxaca mit dem Ziel touristischer Erschließung durch die Dorfbewohner selbst. Geführte Wanderungen gehen meist über mehrere Tage (schon wegen der langwierigen Anfahrt) durch einzigartige Nebelwälder (auf 2000 bis 3000 m). Etappen von vier bis fünf Stunden. Übernachtet wird im einfachen Bungalow oder im Zelt.

Anschauen. Am Stadtrand von Oaxaca liegt die Pyramidenanlage Monte Alban, ehemalige Hauptstadt und spirituelles Zentrum der Zapoteken. Auch die Altstadt, seit 1986 Weltkulturerbe, lohnt mit zahlreichen kolonialen Kirchen und Gebäuden einen Besuch.

Essen. Die Oaxaca-Küche ist vor allem für Huhn in Mole bekannt, einer eingedickten, warmen Salsa, die aus bis zu 35 Zutaten (u. a. Chili, Schokolade, Mandeln), besteht. Empfehlung ist eine frisch zubereitete heiße Schokolade, es gibt viele Schokoladenfachgeschäfte nahe dem Markt. Mutigere sollten frittierte Grashüpfer (Chapulines) probieren. Unbedingt auch Pulque, fermentierten Agaven-saft (alkoholisch), kosten.

Unterwegs. Sierra Norte Expeditons, die offizielle Ökotourismusorganisation der Pueblos Mancomunados, bietet Touren von bis zu sieben Tagen, Reiten, Extremsport, traditionelle Medizin. www.sierranorte.org.mx
Tierraventura, kleiner deutsch-schweizerischer Touranbieter in Mexiko, arbeitet mit den Pueblos zusammen. www.tierraventura.com

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