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Costa Rica: Grün mit Farbflash

03.02.2017 | 09:36 |  von Andreas Drouve (Die Presse - Schaufenster)

In Costas Ricas Hauptstadt, San José, regiert der Straßenhandel, im Zentraltal bewahrt man immaterielles Weltkulturerbe, im Golf von Nicoya gehen Krokodile auf Tauchstation.

Feuer. Mehrere Vulkane prägen die Landesmitte Costa Ricas. / Bild: (c) www.visitcostarica.com 

Lautstark greifen Ausrufer zum Megafon, um ihre Ware unters Volk zu bringen. Das Angebot reicht von Kartoffeln und Armbändern über Sockenpakete und Boxershorts bis zur einzelnen Zigarette. Das Herz von San José ist ein einziges Wimmelbild. Vor den Reihen der Geschäfte in der Fußgängerzone haben sich fliegende Händler mit Kisten und ausgebreiteten Decken und Planen postiert, einer verkauft Plastiksackerln voller Litschis aus dem Einkaufswagen. Die Eingänge zu Spielsalons sind von Wachpersonal flankiert, Polizeistreifen auf Fahrrädern unterwegs. Entspannter wirkt die Szenerie im Park vor der historischen Mercedarierkirche. Hier nehmen sich Erschöpfte und Liebespaare eine Auszeit unter Palmen, während Eisverkäufer mit rollenden Ständen und schrillen Hupen auf Kundenfang gehen. Spät am Nachmittag steigen die Dezibel auf dem Platz vor der Kathedrale. Die Papageien in den Bäumen geben ein derartiges Kreischkonzert, dass es bis in die heiligen Hallen hineindringt.

Dagegen herrscht unweit des Nationaltheaters andächtige Stille. Treppen führen hier in den Untergrund zum größten Schatz des Landes: ins Goldmuseum, das Museo del Oro Precolombino. Blendet man die nüchternen Betonkulissen aus, die auf dem Weg hinein den Charme einer Tiefgarage versprühen, geht man weiter drin einer fantastischen Sammlung filigran gearbeiteter Goldgegenstände aus der Zeit vor dem Einfall der Konquistadoren auf den Grund. Gold diente den alten Völkern Costa Ricas als Kriegerschmuck und Grabbeigaben, für Alltags- und Zeremonialutensilien von Schamanen.

Magie und Farbflash. San José steht in der Reihe der bescheideneren Hauptstädte Lateinamerikas und fungiert als Dreh- und Angelpunkt im Valle Central, dem zentralen Hochtal. Rundherum beherrschen Berge und Grün das Bild. Wer zu den fernen Vulkannationalparks, Volcán Poás und Volcán Irazú, fährt, braucht Glück mit dem Wetter. Der Poás kratzt 2704, der Irazú 3432 Meter hoch an den Wolken. Ein kürzerer Ausflug führt ab San José südostwärts zur Basilika von Cartago, jenem Nationalheiligtum, in dem die Gläubigen seit dem 17. Jahrhundert das kleine, auf wundersame Weise aufgefundene Marienbildnis „Unserer Lieben Frau von den Engeln“ verehren. Früh abends, wenn sich letzter Sonnenglanz über die Häuser und nahen Gebirgsrücken legt, liegt das Sanktuarium am schönsten da. Dann strahlt es mit seiner Beleuchtung in hellen Orange- und Blautönen einen magischen Zauber über dem riesigen Freiplatz aus. Kurios ist ein Schild am Haupteingang in die Basilika. Dem ist zu entnehmen, dass Kaugummikauen und Schmusen im Innern untersagt sind. Außerdem dürfen weder Waffen noch Fahrräder mit hinein.

Über die geschäftige Kleinstadt Alajuela gelangt man im Nordwesten des Zentraltals zu einem winzigen Punkt auf der Landkarte: Sarchí, dem buntesten Ort Costa Ricas. Landesweit ist Sarchí der Inbegriff für die Produktion kunstvoll und in leuchtenden Farben bemalter Ochsenkarren. Knallbunt wirkt der Kirchplatz: Der weltweit größte Karren seiner Art steht unter Jacarandabäumen. Und die Fassade der Kirche leuchtet wild bemalt: Blumenmuster in Rot und Rosa, Blütendekors in Blau und Grün. Das Relief eines Christuskopfs ist von Gelb und Orange umgeben, die Engel tendieren zu Fleischfarben, ein paar Meter weiter gehen die Dekors ins Pastellige. Wer die Geschichte Sarchís und die damit verbundene Tradition der Bemalung von Ochsenkarren nicht kennt, könnte all die bunten Muster und kolorierten Reliefs auf der Fassade für bloßen Kirchenkitsch halten. Die Gestaltung geht jedoch in die Tiefe, da sie ebendiesen Brauch aufgreift.

Frühere Statussymbole. Was es genauer damit auf sich hat, erfährt man in Sarchí in der bekanntesten Werkstatt, der Fábrica de carretas Chaverri. Carlos Chaverri leitet den Familienbetrieb in vierter Generation und kennt jedes historische Detail. Der Einsatz der Ochsenkarren nahm ab Mitte des 19. Jahrhunderts einen Aufschwung, als diese dazu dienten, Kaffee aus dem Zentraltal an die Pazifikküste zum Hafen von Puntarenas zu schaffen, später auch Zuckerrohr. Wer genau auf die Idee kam, die vormals schmucklosen Transportmittel zu verzieren, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Die verbreitetste Version handelt laut Señor Chaverri von einem Kaffeefarmbesitzer, der acht Töchter hatte. Jeder ließ er ein Gefährt mit einem anderen Dekor zukommen. So war gleich zu erkennen, wer die Besitzerin war.

Die 1903 gegründete Werkstatt Chaverri bekam zahlreiche Aufträge und lieferte alles aus einer Hand. „Farben wurden anfänglich auch aufgetragen, um die Räder zu imprägnieren und vor Schlamm und Schmutz zu schützen“, erläutert Chaverri. Und das Holpern eines Karrens hatte immer eine ganz besondere Klangnote. Diese „Musik“ eines nahenden Karren ließ sich schon aus einem Kilometer Entfernung vernehmen. „Zeit genug für die Frau, sich ans Kochen zu machen, oder für den Liebhaber, aus dem Haus zu flüchten“, lacht Chaverri.

Im Lauf der Zeit gewannen die bemalten Ochsenkarren an Ansehen, stiegen sogar zu Statussymbolen auf, wurden stolz bei Feierlichkeiten präsentiert, wandelten sich von Gebrauchs- zu Dekorationsobjekten. Die Unesco hat die „Tradition des Bemalens und Dekorierens von Ochsenkarren“ zum immateriellen Weltkulturerbe erhoben. Chaverri macht keinen Hehl daraus, dass die Bestellungen abgeflaut sind. „Früher produzierten wir 100 oder 200 pro Jahr, heute ist es manchmal nur einer im Monat“, bedauert er. Gleichwohl sind Kunstmaler wie Wilson geblieben. Gerade trägt er orange Muster auf ein Rad auf. „Für uns Künstler kommt es immer darauf an, kalte und warme Farben zu kombinieren“, erklärt der 42-Jährige, der seit über zwei Jahrzehnten hier arbeitet. Ein kompletter Karren kostet 3500 Dollar. Das sprengt so manches Budget und Platzlimit. Aber im Verkaufsraum der Werkstatt stehen auch Miniaturformate im Regal.

Szenenwechsel: Dramatisches Licht hängt über dem Wasser. Bei der Bootsfahrt peitscht Wind in die Gesichter. Vogelschwärme flattern auf, Krokodile gehen auf Tauchstation. Am Golf von Nicoya, der großen Halbinsel, zeigt sich Costa Rica anders als im Landesinneren: Einsame Landstriche aus Trockenwäldern, Überschwemmungsgebiete und Mangroven grenzen an den tiefen Pazifikeinschnitt, der den Río Tempisque aufnimmt. Am Ufer breitet sich eine Welt der Farmen, der Cowboys, der Dörfer, des Landlebens aus. Unweit der Westausläufer des Golfs und der Gemeinde Puerto Humo setzt die Rancho-Humo-Lodge auf Rinderzucht und Ökotourismus in einem exklusiven Segment. Für grünen Tourismus ist Costa Rica schließlich bekannt – und hier findet sich auch noch eine der schönsten Anlagen, von der aus man zu Entdeckungen in der Natur startet. Eine Erkundungsfahrt durch die Wetlands vertieft die Eindrücke von einem Tierparadies: Löffler und Waldstörche füllen die Speicherkarte, dazu Reiher und Ibisse, Kormorane, Leguane. Aus der Ferne dringt das Geschrei von Brüllaffen. Verzichtbar sind einzig die Moskitos, die sich in Heerscharen auf die Gäste im offenen Geländefahrzeug stürzen. Gut, bei der Exkursion eine Extraration Mückenspray mitzuhaben.

Sendepause statt Kommerz. Über die offene, ungeschützte Pazifikküste verteilen sich traumhafte Strände. Topadresse ist die Playa Tamarindo mit einem lang geschwungenen Sandband, Palmen und strandnahen Unterkünften. Die von US-Einflüssen geprägten Kommerzauswüchse sind allerdings offensichtlich. Chillige Cocktailbars locken mit dem besten „Sex on the beach“, Schilder schreien „Pizza to go“, es reihen sich Sushi-Läden an Casino, Beauty Spa, Souvenirshops mit Artikeln zum Fremdschämen. Zum Glück lässt sich derlei Angeboten locker die kalte Schulter zeigen, stattdessen seinen Platz in der Natur finden: beim Beach Walking, auf dem Surfbrett, beim Baden. Darauf kommt’s an: Die Luft ist seidig, das Wasser warm. Und der Wind raschelt durch die Palmen.

Info

Bunt. Costa Rica hat einen ziemlich starken Biermarkt und eine wachsende Craft-Beer-Szene, z. B. Lagarta.

Gelb. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Banane im heimischen Supermarkt aus Costa Rica stammt, ist sehr hoch. An vielen Straßen werden Bananen verkauft.

Ungeröstet kann man die Kakaofrucht probieren.

Anreise: Etwa mit Air France (via Paris) oder Iberia (via Madrid) nach San José. Bei Flügen mit Zwischenlandung in den USA, z. B. mit Delta, besteht der Zwang zur elektronischen Ein- und Durchreiseerlaubnis.

Reisezeit: Das Klima ist tropisch bis subtropisch. Von Dezember bis April herrscht Trockenzeit, von Mai bis November Regenzeit.

Kosten: Kreditkarten werden nicht flächendeckend akzeptiert. Im Tourismussektor werden Preise mitunter in US-Dollar angegeben und kassiert. Costa Rica ist - gemessen an anderen Ländern in Lateinamerika – ein vergleichsweise teures Reiseland. Preise in den Supermärkten können höher sein als in Mitteleuropa.

Essen: Typischer Sattmacher und omnipräsent ist der Gallo Pinto, eine Kombination aus Reis und schwarzen Bohnen, ergänzt durch Maisfladen, Eier, frittierte Kochbananen. Wunderbar sind Fruchtsäfte und kleine Obstteller. Ein einfaches Menü in einem Einheimischenrestaurant kostet ab umgerechnet vier Euro. Wein muss importiert werden und ist teuer.

Unterwegs: Das Netz der Linienbusse ist gut ausgebaut. Mietwagenpreise kann man etwa auf www.billiger-mietwagen.de vergleichen. Mit ausländischem Führerschein darf man 90 Tage ab Einreise mit einem entsprechenden Kfz unterwegs sein.

Übernachten: Das recht hohe Preisniveau betrifft auch die Unterkünfte. In einem einfachen Streckenhotel bekommt man mit Glück ein DZ für 30 US-Dollar, sonst können es 70 bis 80 Dollar sein. In Lodges kommt man ab ca. 120 bis 130 Dollar im DZ unter; feudalere Lodges können das Doppelte und mehr kosten. Unterkünfte im oberen Preissegment sind meist serviceorientiert; das Personal erwartet ein angemessenes Trinkgeld.

In San José ist das zentrumsnahe Hotel Grano de Oro (www.hotelgranodeoro.com) auf gehobenem Level; Standard-DZ ab 170 Dollar.

Auf vergleichbarem Niveau bewegt sich das Boutique- Studio-Hotel (www.costaricastudiohotel.com) in San Josés Vorstadt Santa Ana, wobei es hier gelegentlich gute Online-Angebote gibt.

In der Lodge Rancho Humo (www.ranchohumoestancia.com) nahe dem Westufer des Golfs von Nicoya bewegen sich die Preise in der Hochsaison um 300 Dollar pro Person inklusive Mahlzeiten und Wetlands-Tour.

Im Strandort Tamarindo stößt das Tamarindo Diria Beach Resort (www.tamarindodiria.com) direkt an den Palmenstrand; Online-Angebote für zwei Personen inklusive Frühstück ab 170 Dollar.

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