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Schwere Lider zwischen Gobi und Taiga

10.02.2017 | 17:01 |  von Sascha Rettig (DiePresse.com)

Quer durch Sibirien. Erst im Linienzug, dann im „Zarengold“ von Peking bis nach Moskau: Schlafen will man so wenig wie möglich.

Transib - Linienzug / Bild: Semonoff 

Meist muss man an einem Bein vorbei, wenn man das Abteil verlassen will. Manchmal aber auch an einem Arm, der schlaff von der oberen Pritsche herunterhängt. Beides gehört zu einem jungen Mongolen, der auf dem Weg nach Sankt Petersburg ist. Ganz offensichtlich interessiert er sich nicht dafür, was am frühen Morgen draußen in Sibirien vorbeizieht. Er ist ja auch schon einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn durchgefahren, einige Tage am Stück, von Ulan-Bator bis Moskau. Bevor er nun seine Pilotenausbildung bei der russischen Armee antritt, will er offenbar vor allem eines: schlafen. Für ihn ist das Ziel das Ziel. Ganz anders als für die zahlreichen Mitreisenden, die es trotz stundenlanger Grenzkontrollen bis in die tiefste Nacht bereits beim ersten Sonnenstrahl in den Gang zieht. Zum Fenster, um so viele Eindrücke wie möglich mitzunehmen. Gegensätzlicher könnten die Menschen nicht sein, die hier auf engstem Raum aufeinandertreffen. Denn neben denen, für die der Zug das günstigste Mittel zum Zweck der Fortbewegung ist, trifft man auf viele, viele Reisende, bei denen die Fahrt von einer angenehm euphorischen Aufgeregtheit begleitet wird. Wer will schon schlafen, wenn draußen China und die Mongolei vorbeiziehen? Der Weg ist der Weg, bei dem es um nicht weniger als die Erfüllung eines Lebenstraums geht: einmal mit der berühmten Transsibirischen Eisenbahn fahren.

Und dieser Traum lässt sich auf den Strecken zwischen Moskau und Peking oder Wladiwostock auf ganz unterschiedliche Weise erfüllen. Der Plan für diese Reise war, mit dem größtmöglichen Komfortkontrast auf der landschaftlich wahrscheinlich reizvollsten Strecke zu reisen: In Peking startet die Reise daher in der einfachsten Klasse des Linienzuges, der in knapp einer Woche bis Moskau durchfährt. In zwei etwas mehr als 24 Stunden langen Etappen und mit einem Zwischenstopp in der mongolischen Hauptstadt geht es in dieser Klasse bis zum Baikalsee, um dort für die weit mehr als 5000 restlichen Kilometer bis Moskau in den Sonderzug „Zarengold“ einzusteigen und eine Zugfahrt in luxuriösem Komfort zu genießen.

Axel Scheib Transib im WinterTransib im Winter / Bild: Axel Scheib 

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Teigtaschen auf dem Bahnsteig

Aber zuvor beginnt das Abenteuer im Linienzug – mit einem Glücksspiel. Welche Mitreisenden wohl die anderen harten Pritschen belegen werden? Dass man sich das Abteil mit Ziegen, Hühnern und wodkatrunkenen Mongolen teilen muss, entpuppt sich schnell als überholter Mythos. Stattdessen: auf dem ersten Abschnitt nur die viel reisende Kari aus dem kanadischen Winnipeg, die auf dem Weg in die Mongolei ist. Auf Abschnitt zwei der Jugendliche Igor, der dank intensiven TV-Cartoon-Konsums fließend Englisch spricht. Und eben jener junge Mongole, der auf dem Weg ist, um in Russland seine Ausbildung beim Militär anzutreten.

Mit ihnen, aber auch mit vielen anderen Mitreisenden kommt man schnell ins Gespräch – beim neugierigen Durchstreifen des langen Zugs oder in den Speisewagen, deren Angebot und Interieurs jeweils mit den Ländern wechseln. Ein älterer Thailänder mit schwer entschlüsselbarem Englisch will 17 Länder in 69 Tagen für 4400 Dollar nur in Zug und Bus bereisen. Ein Waliser gibt einen Einblick in die komfortable und angenehm temperierte erste Klasse. Die Chinesen nebenan, die sich für ihre Instantsuppen ständig am obligatorischen Samowar des Abteils mit heißem Wasser bedienen, verteilen Snacks. Dabei tauscht man sich – soweit sprachlich möglich – über Routen, Pläne und das Leben an sich aus, während das Fensterkino tagsüber wechselnde Landschaften im Programm hat: War es gestern noch die bergige, grüne Landschaft Chinas, arbeitet sich der Zug am frühen Morgen schließlich durch die steppenartigen Ausläufer der Wüste Gobi. Aus der mit wenigen weißen Jurten gespickten Weite der mongolischen Tundra wird dann irgendwann die blaue Endlosigkeit des Baikalsees. Rund 650 Kilometer lang ist er und der tiefste Süßwassersee der Welt. Auf den Bahnhöfen auf dem Weg dahin lohnt es sich manchmal, bei den kurzen Stopps hinauszuspringen und wie in der Stadt Tschoir an den eifrigen Teigtaschenverkäuferinnen vorbeizusprinten, um auf dem schmucklosen Vorplatz das weltallstrebende Denkmal für den einzigen Kosmonauten der Mongolei zu bewundern.

Die zwei Nächte im Linienzug hingegen gehören bis weit nach Mitternacht den Grenzkontrollen. In China bedeutet das: mit einem kühlen Bier, aber gruseligerweise ohne den zuvor von Zöllnern eingesammelten Pass auf dem Bahnhofsvorplatz von Erlian zu warten, bis der ohne Ansage verschwundene Zug wieder aufgetaucht und auf die Spurweite der Mongolei angepasst ist. An der russischen Grenze hingegen muss man auf den Pritschen sitzen und warten, bis die Grenzkontrollkarawane mit strengen Blicken durchgezogen ist. Ein bisschen erhöht die Schmuggelaktion einer feisten Mongolin, die den Abteilnachbarn einfach ihre Markentaschen-Imitate in die Hand drückt, noch diese knisternde High-Noon-Anspannung. „An der russischen Grenze ist es immer ruhig“, raunt Igor am Grenzbahnhof. Er ist schon häufiger mit dem Zug von Ulan-Bator zum Verwandtschaftsbesuch nach Ulan-Ude gefahren und kennt die Abläufe. Mehr als zwei Stunden Schlaf sind trotz tief hängender Augenlider auch danach nicht drin, weil dann die Wüste Gobi auf dem Streckenplan steht.

Semonoff Transib Kategorie Superior IITransib Kategorie Superior II / Bild: Semonoff 

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Mehr Komfort, neue Spurweite

Doch im Sonderzug „Zarengold“ wird alles anders, und ab Listwjanka, einem Urlaubsort im Süden des Baikalsees, werden die Nächte durchgeschlafen – so die Hoffnung. Das Abteil in der Nostalgieklasse ist nämlich genauso komfortabel, wie man es sich in so einem Sonderzug der Transsib vorstellt: Die samtigen Sitzflächen sind rot-plüschig, man hat das Abteil für sich und muss sich lediglich Dusche und WC mit Abteilnachbarn teilen. Doch in der ersten Nacht, während der Zug entlang der alten Baikalbahntrasse fährt, die nur noch für Sonderfahrten genutzt wird, ruckelt und bremst er ständig. Einschlafen ist dabei kaum möglich – trotz entsprechender Bettschwere durch das Picknick am Baikal-Ufer. Nachdem die meisten Mitreisenden dort in die Fluten des ungewöhnlich warmen Sees gesprungen sind, gab es schließlich nicht nur russische Spezialitäten, sondern auch Wodka in Strömen.

Birken, Birken, Birken

Doch es bleibt ja noch Zeit, sich ans Zugschlafen zu gewöhnen. Fast eine Woche sogar, bis „Zarengold“ in Moskau eintrifft. Weit über 5000 Kilometer allein durch die ewigen Weiten Sibiriens werden dann hinter ihm liegen, vorbei an Birken über Birken über Birken, die trotzdem nie langweilig werden. Vorbei an Holzhäusern, winzigen Dörfern und selten größeren Städten. Das ist beim Vorbeifahren oft idyllisch anzuschauen. Doch auch der Chefreiseleiter weist in seinen Vorträgen über den Bordfunk darauf hin, wie hart und entbehrungsreich das Leben in diesen extrem abgelegenen Gegenden meist ist. Oft keine Kanalisation, einfachste Bedingungen, im Winter Temperaturen, bei denen minus 40 Grad keine Seltenheit sind. Überhaupt erscheint es unvorstellbar, wie die (Straf-)Arbeiter vor rund 100 Jahren schuften mussten, um die Bahngleise zu verlegen, auf denen im „Zarengold“ diesmal fast 200 Passagiere unterschiedlichster Nationalitäten unterwegs sind – von feierfreudigen Brasilianern bis hin zu zugverrückten Australiern.

Semonoff Transib - Linienzug Transib - Linienzug / Bild: Semonoff 

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Kontakt hat man trotzdem vor allem zu den deutschsprachigen Mitgliedern der eigenen Gruppe, der man für Ausflüge, Bordaktivitäten und die drei üppigen Mahlzeiten im Restaurantwagen zugeteilt ist. Wie ein Schäfchen läuft man in dieser Gruppe immer dem orangefarbenen Fähnchen von Reiseleiter Anatoly hinterher. Durch den Kreml in Kazan. Durch die vielerorts und nach der Sowjetzeit prachtvoll wiederauferstandenen orthodoxen Kirchen. Durch Irkutsk zu traditionellen Holzhäusern, auf den Markt und zum Mittagessen in der Stadtrand-Datscha einer sibirischen Familie. Und durch die viertgrößte russische Stadt Jekaterinburg, wo die Kathedrale auf dem Blut an die Ermordung der Zarenfamilie 1918 erinnert. An der nahe gelegenen Kontinentalgrenze wird ein Gruppenfoto gemacht, auf dem alle mit einem Fuß in Asien und einem in Europa stehen. Auf dem Bahnhof von Nowosibirsk, der in Form eines Zuges gebaut wurde, veranstalten junge Russinnen zunächst einen Folkloretanz, bevor man vor allem vom Bus aus einen schnellen Eindruck von Sowjetarchitektur und Lenin-Statuen bekommt.

Auf dem Weg zum Sightseeing-Finale in Moskau legt „Zarengold“ aber nicht nur zahlreiche Ausflugsstopps ein. Von Bordvorträgen bis zur Wodka- und Kaviarprobe stehen auch selbst im Zug immer wieder Programmpunkte auf dem Plan, sodass man teilweise gar nicht so lang meditatives Birken-Fenster-Kino im Abteil schauen kann, wie man es gern würde. Trotz des vollen Programms, der einprasselnden Eindrücke wechselnder Kulturen, Historien, Landschaften auf der gesamten Strecke durch sechs Zeitzonen kann die Seele allerdings anders als beim Fliegen Schritt halten mit dem Transsib-Tempo. Auch das Schlafen hat, wohl nicht zuletzt durch den Ereignisreichtum dieser Tage, bestens geklappt: Nach der ersten schlaflosen Baikal-Nacht wurde das monotone Zugrattern über die Bahngleise doch noch zum Wiegenlied.

7622 Kilometer auf Schiene

Veranstalter: Lernidee-Erlebnisreisen bietet von Mai bis Oktober zahlreiche Termine für Pauschalreisen auf dem „Zarengold“-Sonderzug an.

Der Preis für die 16-tägige Fahrt inklusive Flug, den meisten Ausflügen und Vollverpflegung reicht von 3990 Euro pro Person in der einfachsten Kategorie bis 13.000 Euro in der besten Klasse Bolschoi Platinum. Wer mehr Flexibilität und Freiheit braucht, kann sich von dem Berliner Veranstalter aber auch Reisen auf dem Regelzug nach individuellen Vorstellungen organisieren lassen. Stopps in Kasan, Jekaterinburg, Nowosibirsk, Irkutsk, Ulan-Ude, Ulan-Bator, Erlian und Peking. Reisen haben in beide Richtungen ihren Reiz.
www. lernidee.de; Katalog zu Lernidee Sonderzugreisen bei Ruefa, www.ruefa.at

Einfach nur Zugtickets lassen sich in Reisebüros oder Bahnagenturen buchen. Literatur: Als Hilfe bei der Reiseplanung ist das „Transsib-Handbuch“ von Transsib-Experten Hans Engberding und Bodo Thöns eine empfehlenswerte Lektüre.

Tipps für Zwischenstopps und Touren: Tsolmon Travel organisiert Gruppenreisen und individuelle Touren in der Mongolei – vom Aufenthalt bei einer Nomadenfamilie in der Jurte bis zu Ausflügen in die Wüste Gobi. www.tsolmontravel.com

Sibirien Direkt stellt individuelle Aufenthalte in Irkutsk, vor allem aber Aktivtouren am Baikalsee mit Wanderungen entlang des Great Baikal Trails oder Abstechern zur Insel Olchon zusammen. www.baikal-abenteuer.com; mail@baikal-abenteuer.com

Ein Abenteuer in Moskau ist die nächtliche Fahrradtour unter dem Motto „From Dusk till Dawn“. Moscow Bike Tours zeigt aber auch mit Touren tagsüber, dass man in der russischen Hauptstadt mit dem Rad unterwegs sein kann. www.moscowbiketours.com

Compliance-Hinweis: Die Reise wurde von Lernidee Erlebnisreise
unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.2.2017)

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