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Sambia: Warten im wilden Wasser

26.05.2017 | 14:14 |  von CARSTEN HEINKE (Die Presse)

Im Land am Sambesi ist noch viel von Afrikas wilder Schönheit zu finden. Im Wasser gähnen jede Menge Hippos. Elefanten tauchen zwischen Büschen auf. Mitunter marschieren Tiere durch die Lodge.

Für Touristen bietet sich vielleicht eher ein Flug über die Victoriafälle an. / Bild: Reuters 

Edison Hanambe war ein kleiner Bub, als er zum ersten Mal an den Victoriafällen stand und mit seinem Vater zu Nyami Nyami, dem Gott des Sambesi-Flusses, betete. Heute ist der Tongamann 61 Jahre alt, hat sechs Kinder und zeigt Touristen das Naturwunder an der Grenze zwischen Sambia und Simbabwe. Warum es in seiner Sprache „Mosi-oa-Tunya“ („Donnernder Rauch“) heißt, ist nicht zu überhören. Die gewaltigen Massen des Stroms, der an den Victoriafällen auf über 1700 Metern als breitester Wasservorhang der Welt 110 Meter in die Tiefe stürzt, machen höllischen Lärm und obendrein ringsum alles feucht. „Die bis zu 300 Meter hohen Gischtwolken sind oft 30 Kilometer weit zu sehen“, erklärt Edison. Ein ganzer Regenwald verdankt sein Dasein dem versprühten Nass. Als immerfeuchter, dichter Dschungel drängt er sich von den Ufern weit landeinwärts. Zu seinen seltenen pflanzlichen Bewohnern zählen Magahoni- und Ebenholzbäume, Elfenbein- und Weiße Dattelpalmen.

Auf dem Rundweg um die Fälle erlebt man den Donnernden Rauch je nach Wind und Standort als Nieselregen, Nebel oder kurz davor als prasselnden Schauer. Und ob ganz unten, seitlich oder oben von der Brücke: Zu jeder Perspektive gehört mindestens ein Regenbogen. Nicht selten sind es zwei, die sich überschneiden. Die allerbeste Sicht auf das Monumentalspektakel bietet ein Helikopter- oder Ultraleichtflug. „Ich war bereits unzählige Male hier, aber die Kraft und Schönheit des fliegenden Wassers faszinieren mich immer wieder neu“, gesteht er seinen Gästen. Viel habe sich am Sambesi geändert: besonders, als in den 1950-Jahren in der Karibaschlucht Staudamm, -see und Wasserkraftwerk gebaut wurden, berichtet der Sohn eines Fischers und Bauern. „Früher gab es mehr Fische und bessere Bedingungen für die Bewässerung der Felder. Aber dank Elektrizität kann man die Energie des Flusses nun fast in allen Teilen des Landes nutzen“, tröstet sich Edison Hanambe selbst. Als Fahrer und Guide verdient er verhältnismäßig gut. Zu Nyami Nyami bete er schon lang nicht mehr. „Die alten Geister sind verschwunden. Die Menschen haben sie vertrieben.“ Eine kleine Figur des Schlangengottes mit dem Fischkopf trägt er – für den Fall der Fälle – immer noch am Herzen.

Höchst riskantes Bad

In Livingstone, das 1904 unmittelbar an den Wasserfällen entstanden ist, trifft man den Flussgeist vielgestaltig in Souvenirgeschäften. In dem einstigen britischen Kolonialort, zeitweise Hauptstadt von Nordwest-, später Nordrhodesien, ist der Tourismus längst zu Hause – mit Bars, Cafés, Restaurants und einer großen Auswahl an Übernachtungsmöglichkeiten. Ob im schlichten Hostel oder Nobelresort: Fast überall – und wenn es nur ein fernes Brummen ist – hört man die Victoria Falls. In The Royal Livingstone sind sie sogar von einigen Zimmern aus zu sehen. Nur einen Steinwurf ist es vom Luxushotel bis zu den Fällen und dem davor liegenden Livingstone Island.

Nach wenigen Minuten mit dem Boot erreicht man die kleine Insel im Sambesi. Das eigentliche Ziel der nicht unriskanten Fahrt ist Devil's Pool, auch schlicht „Sessel“ genannt. Die im Durchmesser nur wenige Meter große Felsendelle befindet sich unmittelbar vor der Flussbettkante. Wer den Sprung in das „gefährlichste Schwimmbecken der Welt“ verfehlt oder über seinen Rand gerät, landet unweigerlich im brodelnden Abgrund. Möglich ist das heikle Unterfangen nur in der Trockenzeit zwischen September und Dezember, wenn das Wasser maximal knapp über die Felswand reicht.

Vom wechselnden Wasserstand ihrer Flüsse werden die meisten Regionen Sambias geprägt. Das vielseitige Land zwischen Mporokosobergen und Mafinga Hills, Kalahariwüste und Sambesi ist so reich an Landschaften wie an Tieren und Pflanzen, die sie bevölkern. Auch die Touristenunterkünfte profitieren vom Charme der wilden afrikanischen Schönheit. In der Mfuwe Lodge im Südluangwa-Nationalpark etwa müssen Gäste abends manchmal per Jeep zu ihren Villen fahren, weil Löwen durchs Hotelgelände streifen. Ein Schlaraffenland der Elefanten ist das Resort zur Reifezeit der Mangos, die dort in Massen wachsen. Dass die begehrten Schlemmerbäume zwischen Restaurant und Pool stehen, stört sie wenig. Sie wissen, dass der kürzeste Weg durch die Lobby führt.

Flug in Vogelhöhe

Die Reise in die Royal Zambezi Lodge beginnt mit einer ungewöhnlichen Frage. „Wo soll ich fliegen?“, will die Pilotin des Buschflugzeugs wissen. Die verdutzten Passagiere entscheiden sich spontan für die etwas längere, doch spannendere Route in den Nationalpark Unterer Sambesi, der östlich von der Hauptstadt liegt. So geht es von Lusaka erst gen Südosten bis zum Fluss, um dann direkt seinem Lauf zu folgen. Der Umweg lohnt sich unbestritten. Der Blick auf Wasser, Land und Berge ist unbeschreiblich schön. Links liegt Sambia, rechts Simbabwe. Die Grenze führt mitten durch den Strom. Da die kleine Propellermaschine nicht sehr hoch und eher langsam fliegt, kommt die Perspektive tatsächlich der der Vögel ziemlich gleich. Mit bloßem Auge sieht man Giraffen, Elefanten, Hippos. Es wächst die Lust, sie endlich aus allernächster Nähe zu bestaunen.

Weit offene Kiefer

Gelegenheit dazu gibt es schon wenig später. Die Lodge liegt mitten in der Wildnis, direkt am Ufer des Sambesi. Das komfortable Bungalow- und Zeltresort überrascht mit Luxus wie klimatisierten Räumen, Daunenbetten, feinen Speisen, Wellness. Doch für das mit Abstand größte Wohlbehagen sorgt die Natur – mit filmreifen Kulissen und tierischen Besuchen. In Sichtweite des Frühstückstischs tauchen drei Nilpferde auf und wackeln mit den Ohren. Ordentlich in einer Reihe recken sie und bäumen sie sich nacheinander aus dem Wasser auf, den Blick immer auf die Menschen geheftet. Zu den planschenden Gästen im Pool gesellt sich derweil – gleich im Fluss daneben – ein Elefant und duscht sich mit dem Rüssel. Alles wirkt so paradiesisch unreal. Ob etwa Flussgott Nyami Nyami dahintersteckt? Ist er gar nicht fort? Er bleibt unsichtbar, auch bei einer Angeltour auf dem Sambesi. Dafür wächst die Zahl der Nilpferdköpfe, die mit einem Mal wie Knollenpilze aus der Schlammflut schießen. Schnaufend und mit großen Augen wird das leichte Boot gemustert. Es umzuschubsen wäre für den Bullen ein Kinderspiel. Damit niemand daran zweifelt, klappt der Hippopotamus seine Riesenkiefer so weit auseinander, wie es geht. „Der hat nur gegähnt. Eine Drohgebärde sieht anders aus“, beschwichtigt Donald Pelekamoyo. Der Mitarbeiter des sambischen Fremdenverkehrsamts ist mit den Tieren aufgewachsen. Angst hat er nicht, doch Respekt. Die gewichtigen Pflanzenfresser, die bis zu über vier Tonnen Körpermasse auf die Waage bringen, können äußerst aggressiv werden. „Aber nur, wenn sie sich oder ihre Jungen bedroht fühlen.“

Mit rund 40.000 Tieren ist Sambia von allen 19 Nilpferdländern das mit der größten Population. Weltweit gibt es heute weniger als 150.000 Individuen dieser gefährdeten Art, deren nächste lebende Verwandte die Wale sind. Vorbei an einer Sandbank, auf der ein junger Elefant versucht, sich im meterhohen Gras zu verstecken, geht es weiter bis zum nächsten Angelstopp. Und wieder fällt es schwer, sich auf die Fische zu konzentrieren. Denn am simbabwischen Ufer hat sich eine große Büffelherde eingefunden. Direkt am Wasser ist das Grün besonders frisch und saftig. Das lockt viele vierbeinige Veganer aus der Savanne. Die menschenarme, an Tieren aber reiche Gegend gehört zum Mana-Pools-Nationalpark. Seine Bezeichnung verdankt er den vier (in der Shona-Sprache: „mana“) Flussseen, die der Sambesi selbst bei Trockenzeit befüllt.
Endlich zappelt etwas an der Rute und kann ins Boot befördert werden. „Ein Tigerfisch aus der Familie der Afrikanischen Salmler“, erklärt Donald, befreit das forellengroße Tier vom Haken und wirft es zurück ins Wasser. Er müsse noch ein bisschen wachsen. Ob er dann auch Streifen bekommt? „Nein“, sagt der Angelprofi, damit habe sein Name nichts zu tun. Es ist ein Raubfisch, der auch Menschen attackiert – allerdings nur ausgewachsen, wenn er bis zu 50 Kilo schwer und 1,30 Meter lang ist.“ Der Fisch beim Abendessen in der Lodge sieht friedlich aus. Andere Angler hatten offensichtlich mehr Erfolg – gesehen haben sie aber sicher nicht so viel.

Tipps

Flug: South African Airways, Frankfurt/München–Johannesburg. Weiter nach Livingstone, Lusaka. www.flysaa.com

Lodges/Safaris: Royal Livingstone, direkt an den Fällen (www.royal-livingstone.anantara.com), Royal Zambezi Lodge im NP Unterer Sambesi (www.royalzam-bezilodge.com), Mfuwe Lodge im Südluangwa-NP (www.mfuwelodge.com).

Tipp: Helikopterflug über die Victoriafälle. www.seasonsinafrica.com

Info: Zambia Tourism. www.zambiatourism.com, www.sambia.co.at  (Konsulat)

Compliance-Hinweis: Die Reise wurde von Zambia Tourism/South African Airways unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.5.2017)

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