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Ecuador: So klein, aber schon Glubschaugen

10.06.2017 | 16:42 |  von Win Schumacher (Die Presse)

Kein Land der Erde weist eine größere biologische Vielfalt pro Quadratkilometer auf: Auf den Spuren von Humboldt und Darwin entdecken Forscher in dem Andenstaat noch heute unbekannte Tierarten.

Hyloscirtus Mashpi, der Mashpi-Bachfrosch / Bild: Reuters 

Die Schlange im Licht der Stirnlampe erstarrt. Eben noch wähnte sie sich unsichtbar im Finstern, lautlos auf Beutezug, kaum erkennbar selbst für übergroße Froschaugen. Aber Carlos Morochz hat sie längst entdeckt. Unerschrocken greift der junge Biologe ins Gebüsch. Das fingerdicke Tier windet sich um seine Hand. „Sibon nebulata, eine Baumschlange. Sie tut Menschen nichts, gefährlich ist sie nur für Kleintiere und Insekten.“ Die Nacht von Mashpi ist voll unbekannter Kreaturen. Aus dem Unterholz und den Baumkronen tönt das Quaken und Pfeifen der Frösche, manchmal kaum hörbar wie Geflüster, manchmal schrill wie ein neuer Klingelton. Leise gluckst der Gebirgsbach im Urwalddickicht, ganz nah rauscht ein Wasserfall. In Gummistiefeln watet Morochz durchs flache Wasser. Schritte schmatzen in der Dunkelheit. Motten und fette Nachtfalter tanzen vor dem Strahl der Lampe, die durch die dichte Ufervegetation von Blatt zu Blatt wandert.

Morochz sucht einen speziellen Frosch. Erst vor Kurzem wurde er zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben: Hyloscirtus Mashpi, der Mashpi-Bachfrosch. Dem Biologen fiel schon vor Jahren auf, dass er sich deutlich von einer ähnlichen Froschart unterscheidet, die in höheren Gebirgslagen lebt. Nach umfangreicher Dokumentation wurde der Mashpi-Bachfrosch schließlich offiziell als eigene Art anerkannt. „Es ist schon etwas ganz Besonderes, eine eigene Art zu entdecken“, sagt er, „aber keine Überraschung: Die Region gehört zu den von der Wissenschaft am wenigsten erforschten.“

Das Mashpi-Schutzgebiet ist Teil des Chocó-Bergnebelwalds, der sich westlich der Anden von Panama bis in den Norden Ecuadors zieht. Kaum eine andere Region der Erde hat eine größere biologische Vielfalt. „Jede Art hat ihre eigene Nische im Nebelwald, und von einigen wissen wir bis heute kaum etwas.“ Seit Jahren forscht der Ecuadorianer im Wald von Mashpi. „Als ich das erste Mal hier war, hat es mir fast die Sprache verschlagen.“ 106 verschiedene Amphibien und Reptilien leben hier auf wenigen Quadratkilometern, 400 der mehr als 1600 Vogelarten Ecuadors wurden im Schutzgebiet gezählt, darunter allein 35 Kolibriarten.

Faustgroße Grillen

Doch die einzigartige Biodiversität ist bedroht. „Nur etwa acht Prozent des Bergnebelwalds in Ecuador stehen noch, viele Arten sind bereits verschwunden, bevor sie überhaupt entdeckt wurden. Aber es wird weiter gefällt.“ Für den Biologen ist es längst fünf vor zwölf. „Neben dem Holzschlag ist der Wald durch Landwirtschaft und Bergbau bedroht. Wir müssen dringend den restlichen Wald schützen, mehr Land aufkaufen und vor allem in der Landbevölkerung mehr Bewusstsein für den Wert des Waldes schaffen.“ Morochz' Licht wandert weiter durchs Pflanzengewirr.

Drei Arten von Baumfröschen hat er innerhalb weniger Minuten im untersten Stockwerk des Bergnebelwalds aufgespürt: einen rotbraun-zitronengelb marmorierten, einen giftgrün leuchtenden und einen dritten, der mühelos auf einer Daumenkuppe Platz hätte, obwohl es sich um ein ausgewachsenes Tier handelt. Daneben entdeckt er einen Zwergleguan, Vogelspinnen, riesige Tausendfüßler und faustgroße Grillen. Nur Hyloscirtus Mashpi lässt sich nicht blicken. „Etwas Geduld. Wir werden ihn schon finden“, sagt Morochz und ahmt mit einem dreiteiligen Pfiff den Lockruf der neuen Art nach. Und tatsächlich: Er erhält Antwort. Auf einer zusammengerollten Blattspitze wartet ein Exemplar und sieht den Biologen aus bernsteinfarbenen Glubschaugen an.

Wegen seiner Vielfalt an Lebensräumen auf engstem Raum gilt Ecuador weltweit als das Land mit der größten Biodiversität pro Quadratkilometer. Wer die einzigartigen Naturlandschaften des Andenstaates erkundet, glaubt sich an Orte Alexander von Humboldts versetzt, der 1802 die Bergwälder und Vulkanlandschaften durchstreifte und unzählige Tier- und Pflanzenarten zum ersten Mal erfasste. 1835 sollte Charles Darwins Forschungsreise an Bord der Beagle die Expedition des Deutschen noch an Berühmtheit übertreffen.

Drei Jahre, nachdem Ecuador Besitz von den Galapagosinseln ergriffen hatte, besuchte der britische Naturwissenschaftler die entlegene Inselgruppe und machte bahnbrechende Entdeckungen für sein Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“. Im Süden des Archipels hält das Expeditionsschiff Santa Cruz II Kurs auf die Insel Española. Mit Zodiacs werden die Passagiere an den weißen Strand von Gardner Bay gebracht. Seelöwen räkeln sich im heißen Sand. Am Rand der Bucht dösen Meerechsen im schwarzen Lavagestein. Mit den spitzen Dornen ihres Rückenkamms sehen sie wie kleine Dinosaurier aus. Die Ankunft der Menschen scheint sie nicht zu stören. Selbst die Spottdrosseln und Darwinfinken zeigen keine Furcht.

Kampf gegen Brombeeren

Doch nicht alles ist so unberührt, wie es scheint. Zwar sind seit 1968 97 Prozent der Galapagosinseln Nationalpark, dennoch sind sie nur auf den ersten Blick ein vom Menschen unangetastetes Paradies. „Die Zahl der besiedelten Fläche hört sich sehr gering an“, sagt Heinke Jäger, „trotzdem darf man den menschlichen Einfluss nicht unterschätzen.“ Die deutsche Renaturierungsökologin erforscht an der Charles-Darwin-Forschungsstation in Zusammenarbeit mit der Nationalparkverwaltung den Einfluss eingeschleppter Arten auf das sensible Ökosystem. Am Beispiel des eingewanderten Chinarindenbaums untersuchte sie die Auswirkungen von invasiven Pflanzen auf die einheimische Vegetation.

„Zwar verdrängt der Baum teilweise endemische Arten“, sagt Jäger, „seine Entwurzelung und Bekämpfung hat aber oft noch schwerwiegendere Auswirkungen.“ In den vergangenen Jahren wird verstärkt versucht, invasive Arten wie Ratten oder Ziegen zu eliminieren. Nicht immer profitieren die einheimischen Tiere und Pflanzen. Forscher beobachten, dass etwa die Verwendung von Rattengift Einfluss auf die Bussard- und Eulenpopulation hat, die Bekämpfung der Ziegen leistet der ebenfalls eingeschleppten Brombeere Vorschub, die wiederum den einzigartigen Scalesia-Wald bedroht. „Oft fehlt es an Geldern für grundlegende Forschung, um die Auswirkungen einzelner Maßnahmen zu überprüfen“, beklagt Heinke. Im Kampf gegen die Brombeere hat sie aber durchschlagenden Erfolg errungen: „Wo vorher nur Brombeeren wucherten, haben wir nun wieder einen dichten Teppich an Scalesia-Pflanzen.“

Die Reisratte lebt

Im Depot der Forschungsstation stapeln sich Zeugnisse der Artenvielfalt: Vogeleier, Fellpräparate, riesige Krabben. Gustavo Jiménez-Uzcátegui zeigt Gästen einige der wertvollsten Sammelstücke der Darwin Foundation. „Diese Unterart der Reisratte hier galt lang als ausgestorben. Nun hat man sie auf einer Insel wiederentdeckt“, erklärt der Biologe. Wer den Alltag eines Galapagos-Forschers heute erleben will, folgt Jiménez-Uzcátegui nach Isabela, wo er die Vogelpopulationen beobachtet und kartiert. Über der gebirgigen Insel kreisen rotbäuchige Fregattvögel. Blaufußtölpel und die flugunfähigen Stummelkormorane brüten entlang der Küsten. Truppen von Pinguinen schießen durchs Wasser auf der Suche nach Nahrung. Eine Riesenschildkröte schaut zu, wie ein Landleguan von einem Kaktus nascht. „Mehr als 180 Jahre nach dem Besuch Darwins gibt es hier für Forscher noch immer viel zu entdecken“, sagt Jiménez-Uzcátegui. „Manchmal sogar eine neue Unterart. Ich könnte mir keinen schöneren Beruf vorstellen.“

Tipps

Anreise: Zum Beispiel mit KLM (www.klm.com) via Amsterdam oder mit Lufthansa (www.lufthansa.de) und Copa Airlines (www.copaair.com) via Bogotá nach Quito. Auf die Galapagosinseln fliegen Latam (www.latam.com) und Tame (www.tame.com.ec).

Unterkunft: Die Mashpi Lodge liegt in einem der artenreichsten Gebiete Ecua-
dors inmitten des Chocó-Bergnebelwalds. Von der Lodge aus werden Tag- und Nachtwanderungen angeboten, die von einheimischen Guides oder Biologen begleitet werden. www.mashpilodge.com
In der historischen Hacienda La Cienega (www.haciendalacienega.com) kann man in dem Zimmer schlafen, in dem bereits Humboldt nächtigte.

Tipp: Die biologische Vielfalt der Galapagos erlebt man am besten beim Besuch mehrerer Inseln. Ideal dafür ist eine Tour mit einem einheimischen Kreuzfahrtschiff wie der Santa Cruz II, www.santacruzgalapagoscruise.com

Essen und Trinken: Im Regenwald Ecuadors und auf den Galapagos sind gute Restaurants rar. Einige Lodges und Kreuzfahrtschiffe bekochen ihre Gäste aber auf sehr hohem Niveau. Auch einige Haciendas wie La Cienega haben erstklassige Restaurants. Feinschmecker und Kulturliebhaber sollten unbedingt Stopp in Quito machen. Die Altstadt ist Unesco-Welterbe und gehört zu den schönsten Südamerikas. In der aufwendig restaurierten Casa Gangotena speist man fürstlich. www.casagangotena.com

Die Charles-Darwin-Forschungsstation in Puerto Ayora auf Santa Cruz steht nebst Forschern auch Touristen offen, www.darwinfoundation.org

Anbieter: Unter anderen hat der ecuadorianische Veranstalter Metropolitan Touring die Highlights Ecuadors samt Galapagos im Programm, www.metropolitan-touring.com

Auch der Berliner Veranstalter Windrose stellt Touren durch Ecuador auf den Spuren von Humboldt und Darwin zusammen: www.windrose.de

Weitere Infos: www.ecuador.travel

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.6.2017)

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