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China: Im Zauberwald von Yunnan

28.06.2017 | 09:18 |  von Stefan Schomann (Die Presse - Schaufenster)

Von Affenfreunden und Vogelflüsterern: In den Gaoligong-Bergen im Westen Chinas ist ein unentwegtes Zirpen, Tirilieren, Schnattern und Trällern zu hören. Hier leben 600 Vogelarten, mehr als in ganz Europa – ein Paradies für Birdwatcher.

Nebelig. Holzhütten im feuchten Dulongjiang-Tal des Taron-Flusses in den Gaoligong-Bergen in Yunnan. / Bild: (c) John Holmes/APA Picture Desk 

Es gibt nicht allzu viele Weltgegenden, in denen man binnen dreier Stunden mühelos vierzig Vogelarten beobachten kann. „Und mit dem Fernglas über sechzig“, sagt Hou Tigou, den manche auch den Vogelflüsterer nennen. Ihm und einigen beherzten Nachbarn ist es zu verdanken, dass Baihualing, ein auf den ersten Blick unscheinbares Dorf in den Gaoligong-Bergen, heute prosperiert. Die umliegenden Bergwälder sollen bis zu 600 Vogelarten beherbergen – mehr als ganz Europa.

Als der Direktor des Yellowstone kürzlich auf Besuch kam, wurde er ungewohnt still und bekannte schließlich, von einer solchen Natur hätte er immer geträumt. Die schmale, aber gut 500 Kilometer lange Bergkette im äußersten Westen der Provinz Yunnan erstreckt sich parallel der Grenze zu Burma. Ihre nördlichsten Ausläufer ragen über 5000 Meter auf. Hier in Baihualing sind die Berge nur mehr halb so hoch, und ganz im Süden verebben sie dann schon in den Gefilden des tropischen Regenwalds.

Als Schüler nahm Hou sie mit der Steinschleuder aufs Korn, die Häherlinge und Waldtauben, die Bülbüls und Timalien. „Die schmeckten so gut.“ Seinem Lehrer brachte er oft Beute mit, „damit er weniger streng mit mir war. Aber durchgefallen bin ich trotzdem.“

1989 heuerte ihn dann ein taiwanesisches Lehrerpaar als Führer an. „Die wollten die Vögel nur sehen – und mich auch noch dafür bezahlen!“ Sie bekehrten ihn schließlich, und seither hat er nie wieder ein Tier getötet. Dafür schickten sie ihm Gleichgesinnte, im Jahr darauf etwa einen britischen Birdwatcher mit einer Dolmetscherin, die ihn respektvoll mit „Lehrer Hou“ ansprach. Bisher war er immer nur „der kleine Hou“ gewesen. Das Lausbubenhafte ist ihm geblieben: Typ Skilehrer, ständig unter Strom, dabei dem ein oder anderen Gläschen nicht abgeneigt.

Einen derart eigenwilligen Neubau wie den der Hous besitzt kein anderes Dorf. Der futuristische, weit vorspringende Pfahlbau mutet wie ein Filmset für James Bond an. Für drei Tage hat sich eine Schulklasse aus der Provinzhauptstadt Kunming hier einquartiert. Tagsüber durchstreifen sie den Busch, abends bringen sie ihre Erlebnisse zu Papier: „Im Wald waren wir leise, damit wir den Bären nicht störten“, heißt es dann. Oder: „Ich habe den ersten Frosch außerhalb eines Restaurants gesehen. Und er sprang nicht einmal weg.“

Schule der Natur. Vor einigen Jahren hat die Parkverwaltung eine Schule der Natur ins Leben gerufen, bei der Familien und Schulklassen Exkursionen durch die Berge unternehmen. So etwas gibt es sonst nur noch in Taiwan. Es ist Teil einer Aufwertung des Schutzgebietes, das bald zum Nationalpark hochgestuft werden soll.

Am nächsten Morgen absolvieren wir einen dreistündigen Parcours, den die Gemeinde angelegt hat. Obwohl er noch auf ihrem Grund und Boden verläuft und die Kernzone lediglich touchiert, ließe sich kaum ein romantischerer Bergwald denken. Die ersten Eindrücke geraten verwirrend. Man sieht den Baum vor lauter Wald nicht, alles sprießt, wächst und verrottet gleichzeitig. Magnolien und Kamelien protzen um die Wette, Lorbeer- und Teestrauchgewächse verheddern sich. Die Bäume dienen nur als Gerüst für Ranken, Flechten und Lianen. Der Pfad führt zu Wasserfällen, Schluchten, Grotten und Thermalquellen. Man könnte eine ganze Staffel Tarzan-Filme hier drin drehen.

Entlang des Wegs haben Hou und seine Mitstreiter Beobachtungsstände für Birdwatcher angelegt. Mit hyperprofessioneller Ausrüstung behängt, stiefeln diese Paparazzi der Schöpfung die Hänge hinauf und hocken sich in Tarnkleidung auf die Lauer. Rundum ein unentwegtes Rätschen, Schnattern, Zirpen, Trällern. Unterwegs treffen wir die lustigsten Leute. Etwa den Lehrer aus Hongkong, der uns mitten im Busch Pralinen anbietet. Oder den Jungen aus Peking, der als Trophäe ein wildes Bananenblatt herumträgt, das größer als er selbst ist. Fast alle Besucher stammen aus Metropolen wie Kanton oder Kunming, einige auch aus Taipeh oder Singapur. Die meisten gehören der Mittelschicht an, sind wohlhabend und gebildet. Den Eltern ist sehr daran gelegen, dass ihre Kinder hier Natur aus erster Hand erleben. China entdeckt seine Wildnis, als Gegenwelt zur erdrückenden Wirklichkeit der Städte.

Waldbauern gegen Holzfäller. Erst spät am Nachmittag kehren wir zurück. Baihualing, wörtlich „Hundert Blumen“, ist so etwas wie Chinas gallisches Dorf. In den Neunzigerjahren erlangte es landesweit Bekanntheit, als es sich vor Gericht mit einem hohen Funktionär anlegte, der Holzeinschlag im großen Stil betrieben hatte. Und siehe da: Baihualing gewann. Schon damals ergriffen die Waldbauern auch Maßnahmen gegen die Erosion. Inzwischen pflanzen sie bevorzugt Bäume, die Vögel anlocken. Denn mehr Vögel locken wiederum mehr Vogelkundler an.

Das Dorf verfügt über eine von elf Stationen des Parks, Stützpunkte für Wildhüter und Verwaltung, für Polizei und Feuerwehr, und Anlaufstellen für Besucher. Dank einer Finanzspritze aus Hongkong konnte auch ein hochmodernes Infozentrum eröffnen, das die verschiedenen Ökosysteme und ihre Bewohner präsentiert, vom Schneeleoparden bis zum Salamander. Von der Terrasse schweift der Blick über das Tal des Nu Jiang, in Burma Saluen genannt. Er bildet den westlichsten der „drei Parallelflüsse Yunnans“. Als wäre ihre Bahn mit einer Gabel gezogen worden, fließen hier drei der mächtigsten Ströme der Erde nebenei­nander her. Der Jangtsekiang macht schließlich kehrt und rauscht quer durch China bis ins Gelbe Meer. Der Mekong überantwortet sich nach langer Reise durch Hinterindien dem Südchinesischen Meer, und der Saluen mündet in die Andamanensee. Er mag weniger geläufig sein, doch auch er ist länger als die Donau.

Ruhig und seicht streicht er dahin, schillernd wie flüssige Jade. So muss er sich auch im Sommer 1942 dargeboten haben, als die Japaner von Burma her nach Norden vordrangen. Bis dahin war Chinas Armee über die abenteuerliche Burma Road mit Nachschub versorgt worden. Doch just über diese Straße stießen nun die Japaner bis ans Westufer des Nu Jiang vor. An einer seichten Stelle schien der Fluss fast stillzustehen, und ihre Panzer rollten hinein. Er spülte sie wie Spielzeug fort. Nu Jiang heißt „Wütender Fluss“. Die Japaner konnten ihn nie überwinden, ihr unerhörter Siegeszug fand hier sein Ende. Das Kriegsgeschehen an der Yunnan-Front ist in China Schulbuchwissen, hier aber wird es hautnah erfahrbar.

Schwarze Affen. Viele Dschungelpfade sind hier Zeugen der Geschichte. Ein ganzes Netz davon reichte einst von Sichuan bis zum Golf von Bengalen. Seit Kurzem werden sie als Südliche Seidenstraße apostrophiert. Mit Packtieren und Trägern kamen Edelmetalle, Waffen und Seide aus China, im Gegenzug wurden Elfenbein, Perlmutt und Jade eingeführt. Einer der letzten Forschungsreisenden alten Stils, der diese Berge durchstreifte, war Joseph Rock. Er lebte in Lijiang und zog in den Dreißigerjahren mit Maultierkarawanen bis in den Himalaja, der vielen Räuberbanden wegen mit Begleitschutz.

Da Rock schon früh in die Staaten ausgewandert ist, wird er gemeinhin als Amerikaner geführt. Doch er war Österreicher durch und durch. Was sich etwa in der unersättlichen Wissbegier des Autodidakten äußerte, in seiner gänzlich unamerikanischen Sehnsucht nach fernen Ländern und Kulturen und in seinen Wutanfällen über den chinesischen Koch, den er mehrfach feuerte, weil er partout keine Wiener Küche zustande brachte. Und den er dann doch jedesmal wieder einstellte.

Auf seinen Spuren fahren wir nach Baihuacun, einem Dorf hundert Kilometer weiter südlich. Hier wurde eine Entdeckung gemacht, für die Joseph Rock viel gegeben hätte. Ins Rollen gebracht hat sie der Dorfschullehrer Li Jiahong. Vor zwei Jahrzehnten vernahm er einen unerhörten Gesang, ein forderndes Flehen aus den Tiefen des Urwalds. Und er verfiel ihm. Wann immer die Bauern ihm zutrugen, sie hätten „die schwarzen Affen“ gehört oder gar gesehen, versuchte er, sie aufzustöbern. Nach acht Jahren gelang ihm das erste Foto. Langsam lief die Maschinerie der internationalen Forschungsgemeinschaft an. Am Ende waren Spezialisten aus vier Kontinenten damit befasst. Im Mai dieses Jahres veröffentlichten sie ihre Ergebnisse: Dorfschullehrer Li Jiahong hat eine neue Menschenaffenart entdeckt. Bis dahin waren sie einer benachbarten Art von Weißbrauengibbons zugeschrieben worden. Doch die Gaoligong-Gibbons bilden eine eigene Spezies, von der es nur mehr rund zweihundert Stück geben dürfte.

Gemeinsam mit Lehrer Li durchstreifen wir den Busch. Ein klassischer Naturfreund und Autodidakt, unbefangen, eigenwillig, professionell. Als Pädagoge hat er die Schule der Natur mit aufgebaut. Zudem filmt und fotografiert er für die Parkverwaltung die Tierwelt vom Rieseneichhörnchen bis zum Roten Panda. Dabei campiert er auch im Freien. „Vor den Tieren habe ich keine Angst, eher schon vor den Menschen.“ Respektvoll begutachtet er Bärenlosung am Wegrand – einige Kollegen wurden von Kragenbären böse zugerichtet. Oben am Kamm pflücken ein paar Bäuerinnen Teekräuter, die, zu Diskusscheiben gepresst, wie Schwarzer Afghane aussehen und auch betörend riechen. Nach einer Schlitterpartie auf einem Dschungelpfad treffen wir im Schatten eines riesigen Ingwergewächses den Wildhüter Jiang Zi’an, der als Leibwächter eine Gibbonfamilie begleitet. Lächelnd weist er auf drei Gesellen hoch droben in den Wipfeln. Nein, vier, die Mutter hat als Anhängsel ein Junges vor der Brust, während der Vater und das zweite Junge sich von einem Ast zum anderen hangeln. Sie schmausen zarte Blätter, als wäre jedes einzelne eine Delikatesse, sie kratzen sich das Fell, schmausen weiter – und ignorieren uns komplett.

Wildhüter wie Jiang Zi’an sind die wahren Helden der Berge. Sie harren sommers in den Regengüssen des Monsuns aus und winters in den klammen Räumen ihrer Stützpunkte. Sie laufen Gefahr, im Sumpf steckenzubleiben oder sich an Bambushalmen aufzuspießen, die hart und spitz wie Speere sind und im Buschwerk kaum zu erkennen. Doch für kargen Lohn hüten sie eine kleine Affenbande wie ihre Augäpfel.

Extraportion. Drei Viertel aller Affenarten in Asien sind vom Aussterben bedroht, und 95 Prozent ihres Lebensraums schwinden oder kollabieren gar. Eine kürzlich erschienene Studie über die Primaten der Welt attestiert der heutigen Erdbevölkerung, sie hätte „die wohl letzte Chance“, auf deren Rettung hinzuwirken. Jiang kommt schließlich zurück, um uns abzulösen. Zum Abschied danke ich ihm für seinen Einsatz. „Schon in Ordnung“, frotzelt er, „Lehrer Li hat mir ja eine Extraportion Reisbrei versprochen.“ Die anderen verlangen auch einmal Zulage, wenn sie Überstunden leisten sollen; er sieht es einfach als seine Aufgabe an. Ich möchte ihm meine Hochachtung bekunden, doch alles, was mir einfällt, klänge entweder banal oder pathetisch. Aber sei’s drum. Ob nun dazu befugt oder nicht, ich danke ihm im Namen der Menschheit. Er nimmt es zur Kenntnis und folgt seinen Schützlingen ein Stück tiefer in den Wald hinein.

Tipp

Buchtipp. Von Stefan Schomann kommt dieser Tage in der Reihe „Picus Lesereisen“ ein neues Buch heraus: „China – Streifzüge durch ein Weltreich“, literarische Reportagen aus dem Reich der Mitte. www.picus.at

Anreise über Kunming, von wo es Flüge nach Baoshan und Tengchong gibt. Dort einen Wagen mit Fahrer mieten.

Übernachtung: In Bao- shan und Tengchong findet man zahlreiche ordentliche Stadthotels, die als Basislager dienen können. Dann aber wird es schwierig. Entlang der Fernstraßen gibt‘s einfache Quartiere für Durchreisende, und manche Bauern vermieten Zimmer mit bescheidenem Komfort. Das Haus der Familie Hou gilt da schon als gehoben. Schwiegersohn Xiao Ye spricht Englisch, T 0086 18775998110. Die Stützpunkte der Parkverwaltung verfügen oft auch über Gästezimmer, wo man informell unterkommen kann. Am besten vor Ort nachfragen oder die Verwaltung in Baoshan kontaktieren.

Veranstalter: Zwar hat eine Reihe von Veranstaltern attraktive Rundreisen durch Yunnan im Programm, etwa Kneissl Touristik (www.kneissltouristik.at) China-Tours (www.china-tours.de) oder Studiosus (www.studiosus.de). Aber in den Gaoligong-Bergen können sich Individualreisende noch als Pioniere fühlen.

Reisezeit: Im Prinzip ganzjährig; in Höhen zwischen 1500 und 2500 Metern ist das Klima durchweg angenehm und frühlingshaft. Von Mai bis Anfang August herrscht in den Bergen Regenzeit, doch beschränken sich die Niederschläge meist auf wenige Stunden.

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