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Südafrika: Mein Nachbar, der Löwe

07.07.2017 | 15:24 |  Von Marin Goleminov (Die Presse)

Es heißt, in Johannesburg verdiene man Geld, um es in Kapstadt wieder auszugeben. Das geht aber genauso gut in einem Safaricamp nur einen Steinwurf vom Kruger-Nationalpark entfernt.

Als Bergmassiv oder in echt: Löwenköpfe sind auf einer Safari allgegenwärtig. / Bild: Marin Goleminov 

Die von Dornbüschen und Akazien gesäumten Feldwege wirken eine Spur zu schmal für den Geländewagen mit seinen vier Sitzreihen. Die hinterste befindet sich etwa anderthalb Meter über dem Erdboden, während ein eigener, nach vorn ausladender Sitz über dem linken Scheinwerfer den vordersten Sitz des Geländefahrzeugs bildet, noch vor dem wuchtigen Stoßfänger. Das ist der Arbeitsplatz des unentbehrlichen Spurensuchers (Trackers), jenem Mann, der die Wildtiere aufspürt. Zwischen ihm und dem hintersten Fahrgast liegen gefühlte sechs Meter Auto, die der Fahrer souverän über Buckel, durch Mulden und den einen oder anderen Fluss steuert. Immer wieder hebt der Tracker seine Hand. Vor der Abfahrt haben die Gäste gelernt, dass sie so vor möglicherweise giftigen Stacheln oder Nesseln an tief hängenden Ästen gewarnt werden, etwa des Nesselbaums oder der Juckbohne. Auch um Lärm zu vermeiden, duckt sich daher die gesamte hintere Reihe brav zu jeder Handbewegung.

Die letzten Sonnenstrahlen über dem Lion's Head sind für sich schon spektakulär, doch wirklich interessant wird es erst, wenn Tiere auftauchen. Der durchschnittliche Westeuropäer kennt ja zum Beispiel Giraffen nur aus dem Fernsehen oder Zoo. Während nun zwei dieser Tiere live vor der eigenen Kamera die oberen Stockwerke umliegender Bäume anknabbern, liefert der Fahrer Hintergrundwissen. Etwa, dass Giraffen ein „verdammt kräftiges Herz“ brauchen, um das Blut über den langen Hals zum zwei Meter höher platzierten Gehirn transportieren zu können.

Kaum sind ein paar Dutzend Fotos geschossen, geht es Schlag auf Schlag mit Wildsichtungen weiter: die immer scheuen Antilopen, ein paar flinke Zebras und eine Herde scheinbar gleichgültiger Büffel. Die seien jedoch die gefährlichsten, warnen Tracker und Fahrer unisono. Die Büffel griffen Zweibeiner außerhalb der Autos sofort an, mit an null grenzenden Überlebenschancen für den Attackierten. Es ist schon finster, als der Lichtkegel des Suchscheinwerfers an einer besonderen Buschprominenz hängen bleibt: einem Löwen, der allein an einer Wasserstelle trinkt. Man spürt plötzlich die angespannte Ruhe, wenn die ausgewachsene Raubkatze einen aus nicht einmal 30 Metern anstarrt, sich lässig erhebt und dann langsam zum Auto kommt.

Komplett offenes Gelände

In der Fünf-Sterne-Lodge angekommen, ist nach der herzlichen Begrüßung bald das erste Sicherheitsbriefing anberaumt, das vorerst noch einen abstrakten Stellenwert hat. „Das Gelände ist komplett offen, die Gäste dürfen sich aus Sicherheitsgründen nur in Begleitung in der Anlage bewegen.“ Die Neulinge werden noch am gleichen Tag mit großen Augen die Gründe dafür kennenlernen. Doch unmittelbar nach der Ankunft sind die geräumige Ledercouch und die meilenweite, grüne Ruhe rundherum einfach greifbarer und wichtiger. „Wir wollen, dass ihr euch so wohl wie möglich fühlt“, werden knapp alle Anforderungen zusammengefasst, die die Lodge an die Gäste stellt.

Die AM-Lodge wurde vor zwei Jahren im Herzen des Klaserie-Naturschutzgebiets errichtet, das sich über eine Fläche von 60.000 Hektar erstreckt und Teil der Greater Kruger Area ist. Das Naturreservat beheimatet ein Schutzprojekt für Elefanten und Projekte für die bedrohten Breit- und Spitzmaulnashörner und den seltenen Hornraben. Klaserie ist eines der weltgrößten Schutzgebiete und bietet neben den berühmten „Big Five“ unter anderem auch Gnus, Zebras, zahlreichen Antilopenarten, Hyänen, seltenen Honigdachsen, Giraffen und Geparden ein Zuhause. Die Buschsavanne entlang des Flusses Klaserie ist landschaftlich vor allem von Akazienarten, aber auch Baobabs, Marula-Hainen (Elefantenbaum), Maulbeerfeigen, Palmen, Leberwurstbäumen oder Afrikanischen Sichelbüschen geprägt – im Hochsommer vor allem aber von Trockenheit, die die Tiere an den Fluss zwingt, wo sie leichter zu beobachten sind als im Busch.

Der Manager erzählt stolz, dass die Luxusanlage weit und breit die größte Investition in schwarzer Hand sei. Das wird auch gern präsentiert: Das Interieur ist erlesen, und die Architektur vereint eine großzügige Bauweise mit traditionellen Elementen wie Dächern in typischer Schilfrohrbauweise. Die Anlage ist mit zahlreichen Annehmlichkeiten ausgestattet. Der eleganten Rezeption folgt ein Steg, der die Gäste über einen Goldfischteich ins Hauptgebäude bringt. Dessen Eingangsbereich teilt sich in ein zweistöckiges Wohnzimmer mit Kamin und in den Speiseflügel. An der Bar eröffnen sich dankenswerte Optionen: Chenin Blanc oder geeistes Wasser? Gleich in den großen Pool springen oder nur die Füße im flachen Becken kühlen? Letzteres ist der Clou der Anlage: Die Tische und Sessel des Außenrestaurants stehen in etwa 20 Zentimeter tiefem Wasser.

Außendusche und WLAN

Das Safaricamp besteht aus mehreren Luxushütten für je zwei Personen, einer Villa für sechs und dem zentralen Empfangsgebäude mit Speisesaal und Bar. Jede Hütte ist von ausreichend viel Busch umgeben, der den Sichtkontakt zum Nachbarn unmöglich macht, und verfügt über sehr viel Raum. Den teilen sich das offene Bad mit angeschlossener Außendusche, ein großer Schlafraum sowie ein noch größerer Wohnraum mit Kaffeeküche. Eine Terrasse schmiegt sich an die Glasfronten von Schlaf- und Wohnraum, von der eine geschwungene Holztreppe zu einer lauschigen Aussichtsplattform etwas oberhalb des Hauses führt. Sie ist ein guter Platz, um dem Busch zuzuhören oder das ungewohnte Grün zu bewundern. Wem das hingegen zu viel Natur auf einmal ist, kann im klimatisierten Inneren den gigantischen Flat-Screen-Monitor aufdrehen und sich sowohl per Bluetooth mit der Stereoanlage als auch per WLAN mit dem Rest der Welt verbinden.

Totale Finsternis

Die unmittelbare Umgebung jeder Lodge gilt als sicher, für den Weg vom und zum Hauptgebäude muss man aber den 24-Stunden-Bereitschaftsdienst in Anspruch nehmen. Eine Führung offenbart weitere Annehmlichkeiten auf dem Gelände rund um das Empfangsgebäude. Das ganze Areal ist nicht durch Straßen, Wege oder Pfade erschlossen, sondern durch Stege. Im leichten Abstand über dem rötlichen Boden schwebt man von der Aussichtsplattform zwischen zwei Baumkronen zum Spa-Bereich, zum Pool und dann weiter zum bestens ausgestatteten Fitnessraum.

Die Räume und die Mitarbeiter vermitteln vor allem viel Ruhe. Da wirkt es fast magisch, dass statt Mücken oder Fliegen nur Schmetterlinge den Luftraum der Lodge beanspruchen – und das in einem der Malariagebiete Südafrikas. So fühlt es sich also an, wenn man sich mitten in der Buschsavanne Südafrikas befindet, freilich nicht als Buschmann, sondern als Luxustourist in einer Fünf-Sterne-Oase. In die Ruhe mischt sich etwas Aufregung, wenn der „Evening Game Drive“ ansteht, sprich die Abendsafari. Für die Ausfahrt stehen alle Guides der AM-Lodge und die gleichen Fahrzeuge bereit, mit denen Gäste vom kleinen Buschflughaben Eastgate in Hoedspruit abgeholt werden – übergroße Landcruiser, die mit ihrem kantigen Aussehen hauptsächlich eines versprechen: Abenteuer.

Die erste Sichtung eines Löwen löst das Versprechen jedenfalls ein. Auch wenn die Raubkatze fast gleichgültig auf ihren riesigen Pfoten dahinschleicht. Keine fünf Meter vom Auto entfernt, die Augen im Scheinwerferlicht leuchtend, flößt sie Respekt ein. Und erklärt, warum man nicht allein um die Lodge spazieren soll. Aus dem Kurzzeitgedächtnis sickert nämlich durch, dass zwischen der Anlage und der Wasserstelle mit dem Löwen nur ein paar Kilometer ohne Zäune liegen. Das Raubtier verschwindet kurz im toten Winkel des Geländewagens, um gleich danach wieder zu erscheinen und weiter zu spazieren.

Nachts ist die Finsternis im Busch total. Und offenbart bei gutem Wetter den fantastischen Nachthimmel der südlichen Hemisphäre. Gustav, so heißt der Hauslöwe, sei mittlerweile zu seiner Schlafstelle spaziert, erklären die Guides. Natürlich erst, nachdem er kräftig gebrüllt hat, sehr zur Freude der Gäste. Für ebenso viel Freude sorgt danach ein perfekt inszeniertes Picknick auf einer Lichtung unter freiem Himmel. Auf der Motorhaube drapiert, sorgt der Inhalt einer großen Kühltruhe für Applaus: kalte Getränke sowie das köstliche Biltong, luftgetrocknetes Wildfleisch. So umsorgt stellt sich nach einem sehr langen Tag unter dem Kreuz des Südens tiefe Zufriedenheit ein.

Safari

Anreise: mit Qatar Airways ab Wien über Doha. Weiterflug von Johannesburg nach Hoedspruit mit lokaler Linie SA Express. www.qatarairways.at

Unterkunft: AM-Lodge Hoedspruit, Fünf-Sterne-Lodges für je zwei Personen (ab 9900 Rand/656 Euro pro Nacht). AM-Villa ab 24.000 Rand/1590 Euro pro Nacht für sechs Personen. www.amodge.co.za

Inklusivleistungen: u. a. Flughafentransfer, Safari im lodgeeigenen Reservat, Safari im Manyeleti-Wildreservat (an der Grenze zum Kruger-Nationalpark) und Verpflegung.

Ausflugsziel: Moholoholo Wildlife Rehabilitation Centre, Zentrum für gefährdete Tierarten. Vorträge, beaufsichtigte Fütterungen und Führungen. www.moholoholo.co.za

Impfungen (empfohlen): Hepatitis A und B, Diphterie, Tetanus, Polio. Je nach Aufenthaltsort und Reisezeit Malaria. Unbedingt mindestens vier Wochen vor Abreise Hausarzt konsultieren.

Compliance-Hinweis: Die Reise wurde von Qatar Airways und South African Tourism unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 8.7.2017)

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