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Kirgisistan, Land im Zeichen des Tündüks

18.08.2017 | 18:22 |  Von Christian Schuhböck (Die Presse)

Im Prinzip ist der Tündük, ein Bestandteil der Jurte, nichts anderes als ein hölzerner Reifen mit zwei mal drei gekreuzten Balken. Doch symbolisiert er die gesamte Faszination Kirgisistans und die seines nomadischen Reitervolkes.

Der Tündük ist ein wichtiger Bauteil einer Jurte, der Holzring trägt das Dach, die Wand bildet ein Scherengitter. In Kirgisistan sind Jurten bildbestimmend. / Bild: (c) imago/imagebroker 

Kirgisistan wird landschaftlich vom Tian-Shan geprägt, mehreren Gebirgsketten, die quer durch das Land verlaufen. Die Kräfte der Gebirgsbildung reichten nicht nur aus, den weiter südlich gelegenen Himalaja in Höhen von über 8000 Metern zu heben, sondern auch einige Hundert Kilometer nördlich die Erdkruste bis über 7000 Meter aufzufalten. In Kirgisistan befindet sich der nördlichste Siebentausender der Welt, der 7439 Meter hohe Pik Podeby („Siegesgipfel“).

Die „Himmelsberge“, so die Bedeutung des Wortes Tian-Shan, wurden im Lauf der Orogenese derart gestaucht, dass der mächtige Gebirgsgürtel größtenteils in Westostrichtung verläuft. Im Westen fächert sich der Tian-Shan in einen nördlichen und einen südlichen Ausläufer auf, in deren Mitte das Fergana-Becken zu liegen gekommen ist. Es ist die zweitgrößte Niederung im Tian-Shan. Weitaus tiefer senkt sich der Issykul-See in den Gebirgszug. Als zweitgrößter Hochgebirgssee der Welt mit einer Fläche von 6236 km2 und vierttiefster See der Erde (702 m), umgeben von einer Krone schneebedeckter Viertausender, ist der Issykul-See der Stolz der Kirgisen. Schon zu Sowjetzeiten galt er neben dem Schwarzen Meer als beliebtester Urlaubsort der Russen. Sein Nordufer säumt eine Reihe Hotels, wovon das Issykul Aurora den sowjetischen Kolonialstil am gebürtigsten widerspiegelt. Am Sandstrand liegend genießt man das Panorama des „heißen Sees“, dessen warme Quellen ihn nicht zufrieren lassen. Gleich dem Issykul friert auch der Songkul-See, mitten im Tian-Shan auf 3016 Metern Höhe gelegen, nicht zu, sodass seine Fische auch im strengsten Winter überleben können. Der Fisch ist eines der Hauptnahrungsmittel der Koitschumanen, der kirgisischen Viehzüchter, die ihr Vieh, überwiegend Kühe und Schafe, auf den Dzhailoos, den Weiden im Hochgebirge, halten. Im Gegensatz zu den europäischen Hirten bzw. Sennern haben die Kirgisen keine feststehenden Almhütten, sondern transportable Jurten.

Die Jurte, Heim der Kirgisen

Jurten sind die traditionellen Behausungen des kirgisischen Volkes, können von Meistern ihres Faches innerhalb eines Monats hergestellt werden und halten mehr als zwei Jahrzehnte. Sie werden in einer bestimmten Abfolge aufgebaut: Zuerst werden der Bosogo (Türrahmen) und die Kerege, eine Art hölzernes Scherengitter, in Kreisform errichtet. Dann werden zwischen dem emporgehobenen Tündük, einer Art Dachfenster bzw. Rauchluke, und dem Kerege Kos speziell geformte Kuppelstangen eingebunden. Um dieses Holzgerüst werden ornamentverzierte Federgras- und graue Filzmatten befestigt. Der Tündük, das Wahrzeichen der Kirgisen, wird ebenfalls mit einem Filzstück bedeckt, das bei klarem und schönem Wetter zurückgeschlagen wird. Das Zentrum der Jurte bildet die Kolomto, die Feuerstelle direkt unter dem Tündük. Wollte in früheren Zeiten der Herrscher wissen, wie viel Menschen sein Volk zählt, wurde die Zahl nach dem über der Jurte aufsteigenden Tüntün (Rauch) berechnet. Unmittelbar gegenüber dem Eingang befindet sich der Dschuk, bestehend aus Teppichen, Decken und Kissen. Diese sorgen dafür, dass man selbst in der kältesten Nacht auf über 3000 Metern einen wohlig warmen Schlafplatz hat. Aufgabe der Frauen ist es, dafür zu sorgen, dass der Dschuk aus dicken und prachtvollen Toschoken (Decken) besteht. Der Tyoer, der Platz vor dem Dschuk, ist dem Ehrengast bzw. dem Hausherrn vorbehalten. Links und rechts von ihm sitzen die Söhne, dann die Hausfrau und die Töchter. Während die Söhne bereits im Kindesalter gelehrt werden, Pferde zu reiten und Schafherden zu hüten, lernen die Mädchen unter Anleitung der Mütter das Kochen, die Stickerei, die Feinheiten der kirgisischen Ornamente und das Fertigen der Ala-Kijis, Tusch-Kijisen und Shyrdaken, jener verschiedenen Arten der berühmten kirgisischen Filzteppiche, die für das Jurtenleben so wichtig sind. Vor allem die ornamentreichen und dicken Shyrdaken werden in der Jurte auf den blanken Steppenboden aufgelegt und dienen als warme Isolierschicht sowie Sitz- und Schlafgelegenheit.

Filz, vielfältig aus Schafwolle

Neben dem Kalpak, dem traditionellen kirgisischen Männerhut, den Mänteln und Pantoffeln werden vor allem Teppiche aus Filz hergestellt, wobei man zwei Arten unterscheidet: den einschichtigen, im Stampfverfahren hergestellten Ala-Kijis mit seinen verschwommenen Ornamenten und den zweischichtigen Shyrdak, dessen über Generationen überlieferte, aus der Natur entnommene Motive aus zwei verschiedenfarbigen, übereinander liegenden Filzmatten ausgeschnitten und gegengleich zusammengenäht werden, sodass immer zwei Teppiche mit demselben Muster, aber umgekehrter Farbanordnung entstehen. Wurde die geschorene Schafwolle in früheren Zeiten auf natürliche Art und Weise gefärbt, so werden heute künstliche Mittel verwendet. Ungefärbt bleibt hingegen die Schafwolle für die Filzmatten an der Außenseite der Bosuj, wie die Kirgisen selbst die Jurte nennen und was so viel wie graues Haus bedeutet. Denn früher hatten die einfachen Nomaden nicht die Möglichkeit, ihre Jurten mit hochwertigem Filz zu beziehen, sondern verwendeten jenen, der meist aus schwarzer, grauer Wolle hergestellt wurde. Die Jurten der reichen Khane (Herrscher) wurden hingegen mit schneeweißem Filz überzogen und hießen Ak-Orgo, weiße Jurte.

Tradition und Symbol

Normalerweise errichten die Koitschumanen ihre Jurten auf Anhöhen, um das Vieh und die Umwelt besser beobachten zu können. Manchmal werden sie aber auch auf von Tälern umrahmten und kräuterreichen, duftenden Wiesen in der Nähe von Bergflüssen aufgebaut. Im Herbst und Winter werden windgeschützte Orte aufgesucht, die weniger stark eingeschneit sind. Doch auch in Ortschaften, selbst in Städten, sind Jurten allgegenwärtig. Dort finden sie insbesondere dann Gebrauch, wenn es wichtige Anlässe zu zelebrieren gilt: die Geburt eines Kindes, eine Familienfeier, das Begräbnis eines Verwandten. Somit bildet die Jurte einen wichtigen Bestandteil des Lebens eines jeden Kirgisen – sie ist sein Geburtsort, seine Wohnstätte und schließlich jener Ort, an dem die Familie bei seinem Tod Abschied nimmt. Beim Ableben eines Familienmitglieds wird traditionell eine Kuppelstange aus der Jurte entfernt. Das beeindruckende Denkmal für den Großen Vaterländischen Krieg auf dem Siegesplatz in der Hauptstadt, Bishkek – eine Frauenfigur, die das ewige Feuer hütet, überspannt von drei Jurtenbögen –, symbolisiert den enormen Blutzoll, den das kirgisische Volk im Kampf der Sowjetunion gegen die Wehrmacht erbringen musste.

Weltnaturerbe

Jurten sind über das gesamte Land verstreut, haben aber insbesondere auf den Hochweiden ihre ursprüngliche Funktion. Dort bilden sie punkthafte Akzente in der Berglandschaft, die aufgrund der mannigfaltigen Geologie des Tian-Shans äußerst vielfarbig ist. Wurde der östliche, im chinesisch-autonomen Gebiet Xinjiang gelegene Teil des Tian-Shan-Gebirges bereits 2013 zum Welterbe der Menschheit erklärt, wurde dem westlichen Teil diese Ehre erst 2016 zuteil – als grenzüberschreitendes Weltnaturerbe von Kirgisistan, Kasachstan und Usbekistan. Autor Christian Schuhböck ist Landschaftsökologe und Sachverständiger für das Unesco-Welterbe, Nationalparks und andere internationale Schutzgebiete.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2017)

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