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Das Paradies von Chi

18.08.2017 | 20:38 |  von Milda Drüke (Die Presse)

Trotz vieler Umstände hat sich eine Frau ihren Traum erfüllt: Sie schuf ein Ein- und Abtauchziel auf einer Insel bei Sulawesi. Jeder Nagel zu Chis Resort kam per Kanu. Und mit Wasser gilt es nach wie vor zu haushalten. Doch Besucher erwartet seit Kurzem eine einfachere Anreise.

Die Unermüdliche: Chi ist ständig am Tun in ihrem Tauchressort auf der kleinen indonesischen Togian-Insel (bei Sulawesi). Trinkwasser kommt per Boot. Der Gast im Paradies ist hoffentlich sorgsam. / Bild: (c) Milda Drüke 

Der Himmel über Kadidiri färbt sich rosa. Zu dieser frühen Stunde schwappt das Meer an den breiten Strand der kleinen Insel. In der Nacht hat die Flut einen Baumstamm angeschwemmt. Noch sind die Türen der Bungalows unter den Palmen geschlossen. Unbemerkt von den schlafenden Touristen schiebt ein Fischer sein Kanu auf dem feinen Sand. Seinen Fang werden die internationalen Gäste zu Mittag essen. Die ersten Sonnenstrahlen bringen das Hausriff zum Leuchten. Am Horizont reiht sich Wölkchen an Wölkchen. Delfine ziehen vorbei.
Kadidiri Paradise, so hat Chi ihr Tauchresort auf der Togian-Insel Sulawesis genannt. Das war vor 24 Jahren. Seither finden Reisende aus aller Welt den beschwerlichen Weg hierhin. Die Idee, hier Unterkünfte zu schaffen, hatte Chi eine Stunde Bootsfahrt entfernt in Wakai, einem Flecken ohne Charme, ohne Farbe. Dorthin folgte Chi ihrem Ehemann. „Soll das alles sein in meinem Leben?“, fragte sich die 31-Jährige nach dem sechsten Kind. Die kleine, eigenwillige Frau begann aus einem Fenster ihres Hauses heraus Zigaretten zu verkaufen. Einzeln. Sie nähte Kleider für ihre Nachbarn. Ein Fernsehbericht hellte ihre trüben Gedanken auf. Sie sah dort Touristen in einem kleinen indonesischen Hotel sich vergnügen, sah sie essen, hörte sie lachen – und dachte an die Durchreisenden aus Toraja und Rantepao, die sie zweimal wöchentlich von ihrem Fenster aus an Deck des Linienfrachters beobachtete. Sie wusste, die Abenteurer fuhren weiter nach Katupat und Bomba, nach Malenge, um dort in denkbar einfachsten Unterkünften die sogenannte zivilisierte Welt zu vergessen. Paradiese nannten sie diese.

„Warum baue ich keine Hütten für Touristen?“, fragte sie sich. Sie lächelt: „Riecht ein Chinese Geld, fängt er sogleich an, hart dafür zu arbeiten.“ Wer in Indonesien chinesische Vorfahren hat, fühlt sich als Chinese. Obwohl ihr Plan in den Augen ihres Mannes und ihres Clans für eine Frau unbotmäßig war und ist, kaufte sie die Palmen der östlichen Hälfte dieser Insel. Denn – wem die Palmen gehören, dem gehört das Land. So ist das auf den Togians. Unendlich viele Male brachte Chis Kanu, angetrieben von einem Zweitaktmotor, Bauholz für vier Bungalows und ein Restaurant von Wakai nach Kadidiri. Nägel, Matratzen, Tische, Kloschüsseln, einfach alles gelangte per Kanu auf die Regenwaldinsel. Dann auch die Touristen.
Nicht vertraut mit fremden Sprachen und westlichen Gewohnheiten lernte sie Englisch, auch in Auseinandersetzungen mit ihren Gästen, denen sie, unter anderem, zu erklären versuchte, dass mit Süßwasser zu haushalten war, weil es zweimal täglich in Kanistern mit dem Kanu aus Wakai über das Meer gebracht werden musste. Damals kostete eine Übernachtung rund zehn Schilling, drei Mahlzeiten inklusive. Heute sind es zwischen 15 Euro und 48 Euro, inklusive Mahlzeiten und mehr Komfort. Das Wasser kommt immer noch über das Meer: nun mit dem motorisierten Tauchboot in blauen und roten Plastikfässern.

Strom für sechs Stunden

Die Gäste in den 33 Bungalows erwachen. Während sie unter der Dusche stehen, stellt Chi den Besen beiseite, mit dem sie morgens die Blätter von den Wegen zwischen Palmen und blühenden Büschen kehrt. Die Frauen in der Küche schneiden Ananas und Papaya, machen Omelettes über offenem Feuer. Im Tauchcenter überprüft der Tauchlehrer die Ausrüstung. Er frühstückt zusammen mit den Gästen. Manchmal sind es 66, dann ist es ausgebucht.
Geckos huschen über Baumstämme. Eine Echse platscht in die Mangrove, als Taucher ihre Flaschen zum Tauchboot tragen. Anfänger sind unter ihnen – und Gäste, die nur wegen des Picknicks an Bord mitfahren. Am Hausriff sieht man Schnorchler durch das Wasser ziehen. Über das glatte Meer entfernt sich das Langboot von Gästen, die den Vormittag auf einer unbewohnten Insel verbringen wollen, während Chis Mitarbeiter dort Brennholz sammeln. Am Strand spielen die Ersten Volleyball.

Chi sitzt derweil an der Nähmaschine auf ihrer Veranda, näht Bettwäsche und Moskitonetze für drei Luxusbungalows über dem Meer, einer wahrhaftig mit Badewanne. Im Geiste überschlägt sie die Vorräte, überlegt, wo sie das seit Jahren knappe Kerosin für Außenborder und Küche auftreiben kann. Anders als zu anfangs brennt in den geräumigen Bungalow sechs Stunden elektrisches Licht. Wohl auch, weil für den einzigen Fernseher – in ihrem Bungalow – der Generator läuft, bis die indische Soap Opera beendet ist.
Chis Fleiß ermöglichte es ihren Kindern, in Surabaya und Malaysia zu studieren. Ein Sohn und eine Tochter sind dabei, die Leitung auf Kadidiri zu übernehmen. Wakai liegt weit hinter Chi. Sie reist, lässt sich inspirieren von Bali, Singapur, Tokio, Zürich und Wien, um Kadidiri schöner und bequemer zu machen. Auf diese Weise ist auch die Badewanne in einen der Luxusbungalows gelangt. Chi besitzt Kreativität und Willenskraft, dankt Gott dafür, an den sie glaubt und auf den sie sich verlässt, auch, wenn er sie manchmal hängen lässt. Erhört hat er die Bitten, die Reise nach Kadidiri weniger beschwerlich zu machen. Seit April 2017 können Reisende von Jakarta nach Palu und von dort bis Ampana auf Zentralsulawesi fliegen. Dann brauchen sie nur noch auf die Fähre oder ins Schnellboot zu steigen, vier Stunden respektive eine Stunde nach Wakai fahren und von dort im Kanu nach Kadidiri. Manchmal gibt es hier sogar Handyempfang.
Gegenüber vom Restaurant steht ein Pavillon am Strand. Von hier führt ein langer Steg über das Hausriff und endet in einem zweiten Pavillon über dem Meer. Hier fühlen sich Gäste wie im Paradies, obwohl auch sie wissen: Paradiese sind Orte unserer Fantasie. Gäbe es sie wirklich, uns fehlten all die kleinen wunderbar zu berichtenden Geschichten von stotternden Motoren auf weiter See, Sturm aus heiterem Himmel, Krokodilen, Schlangen, Ratten, Fledermäusen, Haien und davon, wie wir alles heldenhaft überlebt haben.


[NRHUE]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2017)

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