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Galicien: Muscheln, Pimientos und wilde Wellen

06.10.2017 | 13:48 |  VON STEFAN WEISSENBORN (Die Presse)

Die nordwestliche Ecke Spaniens hat einen zweischneidigen Ruf: schöne Landschaft, aber oft verregnet. Zum Glück gibt es landesweit gelobte Delikatessen, die auch bei verhangenem Himmel schmecken.

Galicien gibt es auch in einer besonnten und badewarmen Version. / Bild: Reuters 

Galicien? Wunderschön, gutes Essen, aber das Wetter! So reden die Spanier im Rest des Landes. Und so weit bestätigt die nordwestlichste Autonome Gemeinschaft Spaniens das landesweit gepflegte Klischee auch jetzt. Vielleicht zehn Autolängen beträgt die Sicht auf der Küstenstraße Richtung der Dünen von Corrubedo auf der Halbinsel Barbanza, ein zehn Quadratkilometer großer Sandkasten mit dem Status eines Naturparks in der Region A Coruña. Es regnet in Strömen.
Nach 300 Metern weiter zu Fuß auf einem Holzweg müssen wir umkehren. Wir hören das Meer rauschen, wollen aber den Trampelpfad, den es hinter einer Absperrung trotz angedrohter Strafe von 600 bis 6000 Euro für das Betreten der Dünen zum Wasser gibt, nicht weiter austreten. Ja, Galicien kann einen in die Irre führen.

Aber es hat sich entschieden, seinen Ruf nicht überzustrapazieren. Der nächste Tag bringt Sonne. Schon am Morgen blinzeln die Strahlen ins Ferienhaus am Meer. Der Strand ist eine gleißende Spiegelfläche mit Furchen, durch die sich das Wasser über Nacht zurückgezogen hat. Ebbe und Flut mit beachtlicher Auswirkung auf die Breite des Strandes – das gibt es nicht nur an der Nordsee. Wie das Watt kann auch die Küste vor dem alten Fischerort Cambados aussehen, der sich zu einer kleinen Stadt entwickelt hat und bekannt ist als Kapitale des Albariño, eines leichten, süffigen Weißweins, der im Hinterland der fjordartigen Buchten der Rías Baixas erzeugt und in jeder Bodega ausgeschenkt wird. Aber Cambados ist auch das Zentrum der Muschelsammlerinnen, der Mariscadoras.

Kulinarische Tauschware

„Wir sind 220 Frauen“, sagt Maria Victoria Oubiña Vieites. Tagein, tagaus durchwühlen sie den schlammigen Sand auf der Suche nach Sorten wie Almejas Fina, Berberecho, Babosa, Japonica. Das Muschelsammeln sei schon seit 1000 Jahren Frauensache. „Früher mussten die Mütter zum Strand, um auf die Kinder aufzupassen, während die Männer den ganzen Tag auf dem Meer waren“, sagt die Endsechzigerin. „Mit den Ruderbooten brauchten sie allein Stunden raus aufs Wasser, dahin, wo die Fische sind.“ Währenddessen wurden die Frauen Experten in Sachen Muscheln, setzten sie als Tauschmittel gegen Erdäpfel oder Mais ein, die sie ihren Männern als Proviant wieder mit aufs Boot gaben oder in den Hórreos, aufgeständerten Getreidespeichern, lagerten.

Diese Bauten sind typisch für den Nordwesten Spaniens. Verziert sind sie oft mit der Fica, einem Fruchtbarkeitssymbol der Kelten, die hier heimisch waren, bevor die Römer vordrangen – bis zum Kap Finisterre, das die Menschen bis ins Mittelalter als „das Ende der Welt“ ansahen. Den Schlusspunkt des Jakobswegs setzen Pilger heute dort noch immer. In den Wintern bedeutete das Muschelsammeln das einzige Einkommen für die Fischerfamilien von Cambados. Sie verkauften ihr Sammelgut auch auf dem Schwarzmarkt. „Ja, so war das“, sagt Victoria, die zusammen mit ihrer Mutter im Alter von neun das erste Mal mit Harke und Kübel losgezogen ist. Das war ihr Leben lang ihr Beruf, zuerst kein anerkannter. Erst mit einer Initiative Ende der 1990er wurde die Tätigkeit eine legale Beschäftigung mit Besteuerung und sozialer Absicherung, auf Drängen von Victoria und einigen Mitstreiterinnen.

Reuters Das Muschelsammeln ist schon seit 1000 Jahren Frauensache.Das Muschelsammeln ist schon seit 1000 Jahren Frauensache. / Bild: Reuters 

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Delikatesse aus dem Schlick

Einen Einblick in diese Frauenparallelwelt gewährt die Mariscadora während der geführten Touren. Es geht über eine steinerne Mole vorbei an der Ruine des mittelalterlichen Stadttors Torre San Sadurniño, dann über wabbeligen Meeresboden. Victoria fährt mit der Harke durch den weichen Sand und zeigt sogleich vier verschiedene Muschelsorten herum. Wer keinen von Galiciens Regionalregierung ausgestellten Berechtigungsausweis trägt, darf sich nicht einfach so an den Meeresfrüchten bedienen. „Es ist für andere verboten, Muscheln zu sammeln. Auf jedes Kilo stehen 200 Euro Strafe,“ erklärt die Muschelsucherin.

Günstiger kommt man auf den Märkten der Gegend an die Delikatessen aus dem Schlick. Berühmt für Meeresfrüchte ist etwa die Markthalle in der einstigen Bischofsstadt Noia an der Ría de Noia e Muros, auch so einer weitverzweigten typisch galicischen Bucht. In den Auslagen hauchen Krebse den Rest ihres Lebens aus, Jakobsmuscheln sind im Angebot, Pulpo mit meterlangen Armen. Die Fischverkäuferinnen sprechen nur Spanisch. Erst als die Ration Percebes im Sackerl gelandet ist (und noch eine Hand mehr), dreht eine Verkäuferin das Preisschild um. 30 Euro je Kilo kosten die Entenmuscheln, die genau genommen Krebstiere und manchmal weit teurer sind. Die Percebes werden von Männern gesammelt – die Arbeit ist oft lebensgefährlich, weil die Tiere an Felswänden in wild umspülter Brandung siedeln.

Eine andere Spezialität der Region sind Pimientos de Padrón, kleine grüne Paprika, die bräunlich angebraten auf fast jeder Speisekarte stehen. Sie sind in ganz Spanien beliebt. Doch am frischesten sind sie in Padrón, einer Kleinstadt unweit von Santiago de Compostela. An einem Platz steht die Statue einer Bäuerin, sie sitzt vor einem Korb geernteter Pimientos und ist sozusagen der Wegweiser in all die Bodegas. Auf der Theke der Pulperia Rial in der Calle Herreros türmen sich vom Strunk befreite Früchte, bevor sie in Olivenöl gebraten werden. Mit ihrem zart bitteren Geschmack und grobem Salz serviert ergänzen sie Pulpo perfekt, auch pur schmecken sie als Tapa. „Eigentlich muss man sie aber mit Salat und Fleisch essen“, sagt Padre Francisco Honrubia, Mönch im Kloster San Antonio de Herbón. Der Klostergarten ist der Geburtsort der Pimientos de Padrón, die deshalb auch Pimentos de Herbón genannt werden. Hier zogen Franziskanermönche im 16. Jahrhundert die ersten Pflanzen aus Samen, die sie von ihrer Mission in Südamerika mitgebracht hatten. „Es gibt einen Mönch, der ihre Geschichte aufgeschrieben hat, aber selbst er benennt keine konkrete Person, die sie aus der mexikanischen Region Tabasco nach Galicien importiert hat.“ Anders ist das im Fall des herkömmlichen Paprikas, von dem man weiß, dass er rund 100 Jahre früher mit Kolumbus nach Spanien kam.

Gewächshaus und Herberge

In brauner Kutte steht Padre Franciso in seinem Gewächshaus im Klostergarten. „Manche Pimientos sind scharf, manche weniger“, zitiert er ein Sprichwort. Denn die Methode, den Früchten durch Wässerung während des Anbaus die Schärfe zu nehmen, gelingt nicht immer. „Der Anbau ist einfach. Man muss im Grunde nur die Samen in die Furchen legen und zusehen, wie die Pimientos wachsen.“ Vielleicht auch wegen ihrer Unkompliziertheit wurden sie so populär.

Heute stehen um und in Herbón viele Gewächshäuser, in denen ab Februar Pflanzen gezogen werden, geerntet wird bis in den Oktober, rund 15 Tonnen jährlich. Höhepunkt der Saison ist das „Festa do Pemento de Padrón“, ein Erntefest am ersten Augustsonntag. Das Kloster ist zudem eine Station auf dem Jakobsweg. Die Pilger haben Gelegenheit, in einem Schlafsaal zu übernachten, bevor es auf die oft letzte Etappe geht. Wir begnügen uns, Kapelle, Sakristei und Kreuzgang zu betreten. In seinem unrestaurierten Zustand verströmt das Kloster Charme.

Auf der Galicien-Runde wartet noch ein anderer magischer Ort: der Strand von Louro, ebenfalls in der Provinz A Coruña. Teilweise öffnen sich in Galicien zum Atlantik Buchten, die zu den schönsten Stränden Spaniens gehören. Richtung Westen warten mehrere Tausend Kilometer Wasser. Das bringt Bewegung in die Sache. Am sichelförmigen Strand von Louro rollen die Wellen über mehrere Dutzend Meter heran. Braun gebrannte Burschen nehmen es kraulend mit der Naturgewalt auf, wuchten sich auf die Surfbretter und fahren mit ausgebreiteten Armen, um Sekunden später im Schaum der Brandung zu versinken. Selbst das Baden in den Wellen ist nichts, wofür man einen Neoprenanzug benötigte. Spaniern ist das Wasser zu kalt, sagen sie. Was haben die bloß?

Die Kulisse bilden der 241 Meter dem Meer entsteigende Monte Louro, ein kleiner Dünenzug, in dessen Senken sich Nackte sonnen, sowie die Laguna das Xarfas, die sich zur Freude der Kinder kleine Krebse als ihr Revier ausgesucht haben. Kommt man ihnen zu nahe, huschen sie seitwärts davon oder vergraben sich im Sand. So kann ein Strandtag angenehm lang werden, angenehmerweise spielt die Sonne mit. Richtig dunkel ist es manchmal erst gegen elf.

Zum Glück passen sich auch die Restaurants dem Rhythmus an, auf den man sich als Urlauber so langsam einlässt. Hungrig schlurfen wir zurück zum Auto. Am Hafen in Muros, einem der schönsten Fischerorte der Gegend und bekannt für Meeresfrüchte, serviert der Kellner in der Bodega Bodegón noch um halb zwölf einen Teller mit paprikapulverbestäubten Scheiben von Pulpoarmen, Scheidenmuscheln mit Nussarmoma und superfrischen Seehecht. Von außen sah das Restaurant aus wie eine Touristenfalle – direkt am Hafen und mit Seemannsnippes als Dekor. Doch der Schein trog. Typisch Galicien. Und gerade drängt sich eine Wolke auf den sternenbehangenen Himmel.

Info

Anreise: Flug nach A Coruña oder Vigo z. B. mit Iberia über Madrid, weiter mit dem Mietwagen.
Unterkunft: Ferienhäuser, z. T. direkt am Meer etwa über www.Belvilla.de 

Aktivitäten: Tour mit einer Muschelsammlerin unter www.guimatur.org

Auskunft: www.spain.info

Essen: In Muros: Don Bodegón, Rúa Porta da Vila 20. In Cambados: Posta do Sol, Calle de la Ribeira de Fefiñans 22

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2017)

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