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Seoul oder: Wie ich lernte, mit der Bombe zu leben

20.12.2017 | 15:13 |  von Andrea Lehky (Die Presse)

Während sich der Rest der Welt Sorgen macht, läuft das Leben in Südkorea ab wie immer. Disziplin, Arbeit, Regeln – und ein wenig Vergnügen.

Falsche Prinzessinnen in der Palastanlage Changdeokgung. / Bild: (c) Andrea Lehky 

„Sind alle angeschnallt?“, fragt der Flughafenbusfahrer in die Runde. Dann kontrolliert er tatsächlich jeden einzelnen Gurt der eben in Südkorea gelandeten Passagiere. Vorher fährt er nicht los. Dem Mann steht ein Schock bevor. Einer der Passagiere wird sich während der Fahrt abschnallen und zu ihm nach vorn kommen, um nach seiner Station zu fragen. Die Augen des Busfahrers werden sich vor Schreck weiten. Diese Europäer halten sich an keine Regeln!

Willkommen in Seoul. Der Regeln gibt es hier genug. Man stellt sich in ordentlichen Schlangen an. Man wartet, bis der Verkäufer (!) bereit ist, nach den Wünschen des Kunden zu fragen. Man geht bei Grün über die Straße. Das gilt mehr oder weniger auf der ganzen Welt – hier gilt es mehr. Alles andere ist unsicher. Kein Grund für Autofahrer, stehen zu bleiben, nur weil ein Fußgänger einen Zebrastreifen überquert. Eher ein Grund, zu beschleunigen, wenn der Fußgänger dabei auf sein Smartphone starrt. Weil das – erraten – verboten ist.

Sonntagnachmittag im Geheimen Garten, einem großen Waldgebiet neben dem Changdeokgung-Palast, mitten in der Innenstadt. Der Palast, erbaut 1405, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Die jahrhundertelang herrschenden Joseon-Könige liebten ihn gerade wegen des üppigen Gartens. Für diesen wurde nicht wie üblich die Natur den Plänen des Architekten unterworfen, sondern Gebäude, Pagoden und Schreine wurden stimmig und mit viel Gefühl in die Landschaft eingefügt.

Könige und Fake-Prinzessinnen

Der Garten diente dem König nicht etwa zum Lustwandeln. Er nutzte ihn für Militärübungen genauso wie für Bankette und Empfänge. Die Königin züchtete hier ihre Seidenraupen, mit denen sie ihren Untertanen ein Vorbild geben wollte. Diese sollten es ihr gleichtun und sich so eine sichere Existenz aufbauen.

Dann kamen die Japaner. Im Zuge ihrer Invasion ab 1592 hatten sie nichts eiliger zu tun, als umgehend den Palast zu zerstören. Kaum waren die Koreaner die verhassten Eindringlinge los, bauten sie Changdeokgung auch schon wieder auf. Für die nächsten 270 Jahre war es wieder der Lieblingssitz des jeweiligen Königs.

Heute ist Changdeokgung eine Art Schönbrunn. Touristen stehen scharenweise an der Kassa an und ärgern sich, die einstündige Zwangsführung buchen zu müssen. (Da wissen sie noch nicht, dass sie diese nicht in Anspruch nehmen müssen. Nur bezahlen müssen sie sie.)

Auch eine Menge junger Koreaner mischt sich unter die Touristen. Sonntags tragen sie die opulente Festtagstracht, Hanbok genannt. Man schießt Selfies, was das Zeug hält, einzeln, als Paare, in Gruppen. Ob es hier um Tradition geht? Das bezweifelt man spätestens, wenn man die ersten Burschen im Hanbok-Prinzessinnenkleid entdeckt. Und man versteht: Kostümverleih ist rund um den Palast ein gutes Geschäft. Eine Stunde im Hanbok kostet umgerechnet zehn Euro, vier Stunden 19 Euro. Das Vergnügen leistet man sich.

Spaßfreier Alltag

An Werktagen aber wirken die Seouler nicht so, als hätten sie viel Vergnügen. Man hastet durch die Straßen. Man isst meist in Gruppen und verbindet so in der knapp bemessenen Freizeit Nahrungsaufnahme mit Sozialem. Wer mehr ausgeben will, trifft sich im Koreagrill, wo man genussvoll mit der Schere zerschnittenes (sehr fettes) Schweinefleisch mit Gemüse anbrutzelt; wer weniger hat, am Garküchenstand, wo man um vier Euro eine Schale schweißtreibend scharfes Curry oder gefüllte Dumplings mit dem unvermeidlichen Kimchi bekommt. Dazu trinkt man Yakju, Soju oder Takju, Alkohol auf Reis- oder Getreidebasis.

Ansonsten ist man – konzentriert. Nicht unfreundlich, aber distanziert. Ein Lächeln kommt selten zurück. Fragt ein Fremder nach dem Weg, weichen vor allem Frauen erschrocken aus. Ihr Englisch ist zu schlecht, sie wollen sich nicht blamieren.

Die Männer sind da mutiger. Sie verstehen zumindest einfache Fragen und ringen sichtlich bemüht um eine passende Antwort. Finden sie diese nicht, verändert sich ihr Gesichtsausdruck von einer Sekunde auf die andere. Eben noch angestrengt-unzufrieden, akzeptieren sie plötzlich entschlossen ihre Pflicht: den Fremden höchstpersönlich in die richtige Richtung zu führen. Wenn es sein muss, auch ein Stück mit dem eigenen Auto mitzunehmen. Man weiß in jeder Sekunde, dass man sicher ist.

Krieg? Welcher Krieg?

Und dann ist da noch diese Sache mit Nordkorea. Der Bruderkrieg, der nie beendet wurde, nur durch einen Waffenstillstand ausgesetzt. Jetzt gießen zwei Präsidenten wieder Öl ins Feuer. Die Welt ist beunruhigt. Und Seoul?

„We don't care“, lächelt der nette Hotelmanager. Er ist die große Ausnahme: Bei ihm kam das Lächeln schon bei der zweiten Begegnung zurück. Und er kann hinlänglich Englisch. Er ist immer in seiner Rezeption, morgens, mittags, abends und auch um vier Uhr Früh. Schläft der Mann denn nie? Doch, natürlich, aber eben in der Rezeption.

Mit Nordkorea werde nichts passieren, sagt er jetzt ganz sanft, aber bestimmt. Woher er das wisse? Weil in 50 Jahren nichts passiert sei. Warum also jetzt? Er sagt das im Tonfall eines Vaters, der sein weinendes Kind beruhigt. Ob er denn hier alle Nachrichten bekomme? Natürlich, antwortet er, wir erhalten jede Information (er ist tatsächlich auf dem Laufenden). Aber wir kümmern uns nicht darum. Wir haben zu tun.

In der Abenddämmerung kreisten drei riesige Militärhubschrauber im Norden der Stadt, schlappe 50 Kilometer von der Grenze zu Nordkorea entfernt. Vom N Seoul Tower waren sie wunderbar zu sehen, blitzblauer Herbsthimmel, Bilderbuchsonnenuntergang, das Lichtermeer geht an, und dann das Knattern, die Hubschrauber. Kommen sie jeden Tag? Das könne er nicht sagen, lächelt der nette Hotelmanager. Im Hotel hört er sie nicht. Sie werden schon wissen, was sie tun.

Und dann erzählt er doch. Von seinem Militärdienst, vor 15 Jahren. Alle jungen Männer müssen das, erklärt er in verschwörerischem Tonfall. Damals erfuhr er vieles, was er vorher nicht wusste. Was er gar nicht wissen wollte. Bloß reden dürfe er nicht darüber. Nur mal hypothetisch, fragt man, angenommen, es kommt zu einem Angriff, weiß die Zivilbevölkerung, was sie zu tun hat? In den Straßen sind viele offene Plätze als „Shelter“ gekennzeichnet, als Schutzplätze für den Erdbebenfall. Unterirdisch windet sich eine Parallelstadt aus U-Bahn-Schächten und Einkaufslabyrinthen. Es wäre naheliegend, dorthin zu flüchten. Weiß denn jeder, wo er hinsoll?

Der Hotelmanager schaut verständnislos. „Look“, sagt er dann ganz sanft. Wenn einer der beiden Präsidenten auf den Knopf drückt, ist alles vorbei. Ganz schnell. Dann brauchen wir keine Bunker mehr. Und der Rest der Welt auch nicht. Und genau deswegen wird nichts passieren, lächelt er jetzt wieder. Weil es noch nie passiert ist. Sei ganz beruhigt.

Tipps

Hin und retour: Bestangebot mit Finnair ab 722 Euro, Flugzeit je ca. 14 Stunden.

Orientierung: Verirren ist im Zentrum von Seoul fast unmöglich. Es erfreut mit einer übersichtlichen West-Ost-Lage und Hauptstraßen mit hohem Wiedererkennungswert. Im Westen begrenzt es die riesige Seoul Plaza, im Osten die futuristische Dongdaemun Design Plaza gestaltet von der 2016 verstorbenen Stararchitektin Zaha Hadid. Die Hochhäuser rund um Letztere sind ein Paradies für Mode- und Shoppinginteressierte. Zwischen diesen beiden Plätzen laufen parallel die wichtigsten Verbindungsstraßen.

Highlight: Das Flüsschen Cheonggyecheon-ro, vor wenigen Jahren aus seinem unterirdischen Bett befreit, mausert sich zur stillen Spaziermeile mitten in der lauten Metropole.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2017)

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