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Südkorea: Seespinnen, Aale, Kraken – und eine Stelze zwischendurch

24.01.2018 | 14:40 |  VON FRANZ LERCHENMÜLLER (Die Presse)

Der Jagalchi-Fischmarkt ist die größte Sehenswürdigkeit von Busan, der zweitgrößten Stadt des Landes, in dem in Kürze die Olympischen Winterspiele stattfinden.

Skyline von Busan / Bild: Imago 

Aale, armdick und bleistiftdünn, verknoten sich in Wasserbecken. Getrocknete Rochen scheinen aus wütenden Augen auf Kunden zu starren. Die langen Leiber der Degenfische schimmern wie blankes Silber, Krakenarme erinnern an blasses Porzellan. Es ist Morgen auf dem Jagalchi-Markt von Busan. Der größte Fischmarkt Südkoreas ist einer der wichtigsten in Asien und zugleich die bedeutendeste Sehenswürdigkeit dieser Fast-vier-Millionen-Stadt. Alles, was durch die Wellen des Östlichen Meeres schwänzelt, auf seinem Grund wächst und wuchert oder sich in Strömungen wiegt, scheint hier vertreten: Seespinnen, Snapper, Mondfische, Makrelen. Muscheln haben Semmelgröße, Tintenfische türmen sich in durchbrochenen Plastikkörben – eigentlich, denkt man, müsste die See längst leergefischt sein.

Noch ist es ziemlich früh, noch sind die Verkäuferinnen mit dem Aufbau ihrer Ware beschäftigt. Eifrig häufen sie Podeste aus Eis auf, schuppen Fische, streuen Salz. Aber schon taxieren ihre wachen Augen aufmerksam die Vorbeigehenden: potenzielle Kunden oder doch nicht? Es riecht gut, nach Meer und Tang und frischem Fisch, an den Ständen wie in den Zwischengängen ist es picobello sauber.

Als die Sonne steigt, spannen die Frauen in den Gummischürzen gelb-rote Sonnenschirme auf. Am Stand des Messerschleifers sprühen Funken, bei der Verkäuferin von Schweinsstelzen decken sich die Fischer ein, die nach Abwechslung im Speiseplan gieren. Immer mehr Kunden sind jetzt unterwegs. Sie schnuppern an den Sardellen, drücken die Zebrafische, kosten die Krabben. Sie tadeln, loben, handeln, kaufen. Ein Mann ohne Beine schiebt sich auf einem Rollbrett zwischen den Reihen hindurch, sorgt mit Schnulzen aus seinem Lautsprecher für akustische Untermalung und kassiert immer wieder ein paar Münzen.

Test für westliche Geschmacksmuster

Im Gebäude daneben treffen die ersten Feinschmecker ein. Sorgfältig mustern sie das Angebot in den Becken, durch die dauernd frisches Wasser strömt. Soll es heute einmal Hummer sein? Ein gegrillter Plattfisch? Oder doch lieber frische Meeresfrüchte? Diese kommen mit Salat-, Kohl- und Sesamblättern auf den Plastiktisch, dazu Sojasauce, Chilipaste und ein Schälchen mit Kimchi, dem fermentierten Gemüse – das Nationalgericht Koreas.

Ganz neue Geschmackswelten tun sich auf: Rohe Scheiben von der Seescheide, einem Meeresbodenbewohner, der an einen warzigen, orangefarbenen Pilz erinnert, schmecken wie, wie . . . ja vielleicht wie eine bittere Auster – wie so oft in Asien ist es schwierig, vergleichbare westliche Geschmacksnoten zu finden. Etwas knorplig sind sie allerdings – wie auch rohe Meeresschnecken, Abalonen (Seeohren) und Seegurken. Besucher aus dem Westen tun sich damit eher schwer, die Koreaner hingegen lieben es, darauf herumzukauen.

Ein Stockwerk höher wird auf dem Fischmarkt von Busan nur Trockenware verkauft. Anchovis rascheln in Kartons, Tintenfische sind in Zellophan verpackt wie Blumensträuße, gepresster „Lederfisch“ erinnert an Tiffany-Glas. Tang gibt es als haarfeine, schwarze Stränge, als grünliche Blätter, schwarzgrüne Rollen und schwarze Blöcke. Auch hier riecht es fast gar nicht. Denn Jagalchi ist ein hochmoderner, hygienischer Handelsplatz für alles erdenklich Essbare, das die See hergibt. Romantik kommt erst bei einem Blick aus dem Fenster auf: Kaum fünfzig Meter entfernt dümpelt im Hafen die Fangflotte mit ihren verrosteten Scherbrettern vor sich hin.

Goseong: Südkoreas Geister-Ski-Resort

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Fürs Foto posieren im Kulturdorf

Mittags bietet sich ein Ausflug mit der Metro und dem Bus in das „Kulturdorf“ Gamcheon an, es gilt als das „Santorini von Korea“. Vertriebene aus Nordkorea hatten nach dem Krieg ihre Häuser sorgfältig schräg übereinander an die Hänge eines Kessels gebaut, blaue Dächer dominieren bis ganz oben. Die Kultur des Dorfs manifestiert sich in Wandmalereien, Skulpturen und Galerien.

Viel wichtiger als die Kunst scheinen für die durchströmenden Massen allerdings die „photo zones“. Koreanerinnen und Koreaner lieben es offensichtlich, sich gegenseitig zu fotografieren: Mit Engelsflügeln, im Leuchtturm, vor aufgemalten Landschaften. An der Figur des Kleinen Prinzen mit seinem Fuchs warten junge Menschen geduldig in einer nie abreißenden Schlange. Und immer fahren, als wäre es genetisch verankert, die Arme der Fotografierten aus, das Lächeln wird breit, die Finger bilden das V-Zeichen.



Kurioses und Romantisches

Ray Jo, ein 46-jähriger Logistikmanager, hat vor Kurzem das Grand Budapest Doll-Museum eröffnet. In einem verwinkelten Häuschen mit engen Treppen hat er Dutzende von Puppen, die er über die Jahre für seine Tochter gesammelt hat, auf eine sehr persönliche Weise zu Gruppen arrangiert. Hochbeinige Puppenmodels in Abendrobe stehen da neben der amerikanischen Mini-Combo Little Jammer Pro, die Songs aus den 1950er-Jahren zum Besten gibt. Englische Ladys und Schweizer Trachtenfrauen in Puppenformat mustern sich unbewegt.

Und unter dem Dach sitzen Dutzende von Plastikmädchen im Glitzerlicht einer kleinen Discokugel zusammen. Nebenan versucht ein Comic-Held, ein Plastikboot hochzuziehen. Diese eigenwillige Installation, sagt Ray Jo, soll an das Fährunglück vom 16. April 2011 erinnern, bei dem 304 Menschen ums Leben kamen. Von dieser Katastrophe zu sprechen, sei von Südkoreas Regierung allerdings nicht allzu gern gesehen, erzählt Ray Jo.

Am Abend geht es noch einmal zurück ans Meer. Am Strand von Gwangalli, dem schönsten der Millionenstadt, suchen Boy- und Girlgroups den neuen koreanischen Superstar. Liebespaare warten auf den Stufen, dass die Sonne versinkt. Als es dann so weit ist, gehen in der Bucht die Lichter an. Wie weißgelbe Ketten funkeln sie in der Dunkelheit, Ketten, die der „Diamantbrücke“ draußen umgehängt wurden. Es wird kühler. Zeit für ein paar gegrillte Abalonen, Seegurken, Sardellen, etwas gebratenen Schweinebauch, ein Gläschen Reisschnaps zum koreanischen Bier ...

Tipp

Anreise: Nach Seoul ab Wien etwa mit Korean. Seoul–Busan bequem mit dem Zug in 2,5 Stunden.

Übernachten: Ibis Ambassador Busan City Centre

Hotel: Typisches Geschäftshotel, zentral in Bahnhofsnähe, www.accorhotels.com

Citadines: Direkt von der U-Bahn-Station Haeundae führen ein Eingang und der Lift in das Hotel in den oberen Stockwerken eines Hochhauses. Die berühmten Strände von Haeundae sind gut zu Fuß zu erreichen. www.citadines.com

Unterwegs: Die U-Bahn ist sehr gut ausgebaut, man muss aber Zeit einkalkulieren.

Essen und Trinken: An Restaurants herrscht nirgendwo Mangel. In Haeundae findet sich in der Gebratener-Aal-Straße ein Lokal neben dem anderen. Fast überall gibt es Seafood, das noch in den Aquarien plätschert. Oft wird das Angebot mit Fotos vorgestellt. Natürlich ist die Ware nirgendwo frischer als auf dem Jagalchi-Markt direkt.

Gern grillen Koreaner auch auf dem Tisch: In die Mitte ist ein Grill eingelassen, auf den ein Kellner einen glühenden Holzkohleblock legt. Zum Zubereiten bieten die Restaurants unterschiedliche Kombipakete aus Fisch und Fleisch, etwa ab 20 Euro. Koreanisches Bier ist sehr akzeptabel.

Infos: www.gamcheon.or.kr (leider nur Koreanisch) Koreanische Zentrale für Tourismus, Baseler Str. 35–37, 60329 Frankfurt a. M., www.visitkorea.or.kr, www.koreafans.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.1.2018)

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