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Korallenriffe: Spaziertauchgang zu Blumentieren

07.02.2018 | 15:19 |  CAROLYN MARTIN (Die Presse)

Die Ozeane sind Heimat farbenprächtiger Korallenriffe. Anemonen, Seefedern, Weich- und Steinkorallen machen die Meere lebendig. Damit das so bleibt, wurde 2018 zum Internationalen Jahr des Riffs ernannt.

Wesen und Formationen wie nicht von dieser Welt: Korallen sind sehr sensible Wesen und reagieren auf negative Umwelteinflüsse. / Bild: Martin Schmutzer  

Zwei Tage auf hoher See. Die Spirit of Freedom durchpflügt die Wellenkämme mit kräftigen elf Knoten. Der hochseetaugliche 250-Tonner ist eines von Australiens größten Lifeaboard-Schiffen. Cairns, der Heimathafen, liegt bereits einen Tag, eine Nacht und einen Morgen zurück. Wir sind weit fernab vom australischen Festland im Pazifik unterwegs – in der Coral Sea, ebenso legendär wie weitgehend unerforscht. Die Korallensee, ein Nebenmeer des Pazifischen Ozeans, schließt östlich am Great Barrier Reef an, zieht hinüber bis nach Vanuatu und Neukaledonien und grenzt nördlich an die Salomonensee.

Als die Sonne am höchsten steht, geht die Spirit of Freedom vor North Horne, einem Teil des Osprey Reef, vor Anker. South 13 Grad 53 East 146 Grad 33, sagt das GPS. Von hier ist es nicht mehr weit nach Papua-Neuguinea. Wir machen uns klar zum Tauchgang. Kaum unter Wasser breitet sich eine atemraubende Szenerie aus: Farbenprächtig erstreckt sich das Riff, bewachsen mit gigantischen Hornkorallen und eineinhalb Meter hohen Weichkorallen. Im Blau stehen sonnengelbe und orangerote märchenhafte Gebilde, die zu den achtstrahligen Blumentieren gehören. Sie wachsen baumförmig, fingerförmig oder verzweigen sich wie blühende Büsche in einem Garten. Clownfische, Riffbarsche und Papageienfische umschwirren die Korallen. Wir tauchen weiter. Am Ende des Riffs stehen die Korallenpfeiler, die mitunter groß wie Häuser sind. Gigantisch! Dahinter fallen Steilwände ins Blau ab; sie ziehen hier hinab bis in Tiefen von weit über eintausend Metern.

Die Coral Sea steht für Korallen und Fischschwärme in großen Dimensionen; Großfische wie Haie und Riesenzackenbarsche gibt es sowieso. Hier liegen einige der weltbesten Tauchspots, neben dem Osprey Reef auch das Flinders und das Holmes Reef. Einige ragen bei Niedrigwasser aus dem Meer, andere sind ständig überflutet. Und alle bieten einer riesigen Artenvielfalt Lebensraum.

Martin Schmutzer  / Bild: Martin Schmutzer  

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Koloniebildende Wesen

Auch der Tauchgang am nächsten Riff zeigt die volle Pracht der Korallensee: Hier am Bougainville Reef gedeihen purpurfarbene Hornkorallen und weiße Weichkorallen, auch diese teilweise an die zwei Meter hoch. Das Riff mit dem Namen der bekannten Wunderblumenpflanze trägt diesen ganz zu Recht. An der Riffkante stehen Schwarze Korallen – eine Seltenheit. Denn meist leben diese koloniebildenden Wesen in weit über einhundert Metern Tiefe. Vor Hawaii wurden lebende Exemplare der Gattung Leiopathes entdeckt, deren Alter die Forscher mit 4265 Jahren bestimmt haben. Begehrt für teure Schmuckstücke gilt die Schwarze Koralle inzwischen als bedroht.

Genauso wie das Great Barrier Reef – mit 2500 Einzelriffen und einer Ausdehnung von gut 2300 Kilometern die Nummer eins der Korallenriffe. Das größte Korallenriff der Welt ist die größte von Lebewesen geschaffene Struktur auf der Erde, erbaut von einigen der kleinsten Tierchen des Planeten, riffbildenden Nesseltieren. Baumeister sind vor allem Stein-, aber auch Feuerkorallen oder Blaue Korallen. Das riesige Weltnaturerbe, das sich vom 10. bis zum 24. südlichen Breitengrad erstreckt, bildet einen Lebensraum für über 350 Steinkorallenarten, einhundert verschiedene Weichkorallen und über 1500 Fischarten. Durch die globale Erwärmung, die Ozeanversauerung, die Überfischung und die Verschmutzung der Meere reduzierte sich die Korallenbedeckung bereits immens. Um auf die ökologische Bedeutung aller Riffe weltweit aufmerksam zu machen, ernannte die International Coral Reef Initiative 2018 zum Internationalen Jahr des Riffs.

Die ICRI, eine Partnerschaft von Länderregierungen, internationalen Organisationen und NGOs, wurde in Verbindung mit der UN-Agenda 21 und der UN-Konvention zur biologischen Vielfalt ins Leben gerufen. Weltweit entstehen immer mehr Initiativen zum Schutz und quasi zur Wiederaufforstung der Unterwassergärten. So wurden Reefballs aus Beton zu neuen künstlichen Riffen aufgebaut, werden Metallstränge unter Gleichstrom gesetzt, um das Wachstum neuer Korallen anzuregen, und implantiert man Korallenästchen auf Gerüste – wie auf den Malediven, Inselparadies im Indischen Ozean.

Martin Schmutzer  / Bild: Martin Schmutzer  

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Korallen implantieren

Im Baa-Atoll, nicht einmal eine Flugstunde von der Hauptstadt Male entfernt, beheimaten ausgedehnte Korallenriffe eine beeindruckende Vielfalt einzigartiger Flora und Fauna, von Schwärmen der majestätischen Manta-Rochen bis zur raren Rosa Filigrankoralle. Das Atoll, zum ersten und bislang einzigen Unesco World Biosphere Reserve der Malediven ausgerufen, steht seit 2011 unter zahlreichen Schutzregularien. Auf der Baa-Insel Landaa Giravaaru ist jeder Reisende eingeladen, sich im Projekt der Reefscapers zu engagieren.

Korallen implantieren ist ganz einfach: Die Meeresbiologen bringen eine Schüssel mit vor Ort eingesammelten Korallenfragmenten, Handschuhe und ein Metallgerüst, angefertigt von der lokalen Initiative auf der Nachbarinsel – und ein Bündel Kabelbinder. Die kleinen Korallenästchen werden am Gerüst platziert und befestigt und der ganze Aufbau anschließend beim Tauchgang in der Lagune versenkt. Das planktonreiche Wasser sorgt für alles Weitere, und die Urlaubsgäste können als Paten ihrer Korallenstöcke später online das Wachstum von Jahr zu Jahr verfolgen. Über 5000 Gerüste wurden schon versenkt. Inzwischen zeigt sich das Hausriff der Insel als farbenfroher Unterwassergarten mit reichlich Fischleben. Die Reefscapers-Initiative gilt als eines der erfolgreichsten Projekte der Malediven.

Martin Schmutzer  / Bild: Martin Schmutzer  

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Rifftourismus

Die Korallenriffe in den Ozeanen zu besuchen gehört zu den faszinierendsten Naturbegegnungen auf diesem Planeten. Auch die Nummer zwei, das Belize Barrier Reef in der Karibik, das längste Barriereriff der nördlichen Hemisphäre, wird jedes Jahr von Millionen besucht, von Tauchern, Schwimmern mit Flossen, Maske und Schnorchel oder von Touristen im Glasbodenboot.

Noch mehr Tourismus zieht das drittgrößte Korallenriff der Welt an, das sich vor den Florida Keys erstreckt. Viele schwärmen auch vom Abtauchen im Korallendreieck zwischen den Philippinen, Osttimors und Indonesien. Aber auch Europa kennt einige Korallenspots – wie etwa vor Ischia: Bei Sant'Angelo taucht man zwischen gelben Schwämmen ab und zwischen weißen und roten Gorgonien hindurch, die dichter und größer werden, je tiefer man kommt. Am Ende der Steilwand stehen sogar seltene rote Edelkorallen mit dem schönen Namen Corallium rubrum.

Umschwärmt von Fischen

Rot ist auch die Farbe, die einem ganzen Meer den Namen gab: Mare Rubrum, das Rote Meer, das sich vom Golf von Aden bis hinauf zum Golf von Aqaba erstreckt. 2000 Kilometer Korallengärten machen das Meer zu einem der schönsten Korallenparadiese der Erde. Hier ziehen sich farbenprächtige Saumriffe bis auf wenige Meter an die Küste. Fleckriffe wie vor Safaga, die Brother Islands, das Daedalus-Riff vor Marsa Alam und die Riffe von El Quseir sind geflügelte Namen für alle Taucher. Vor Port Ghalib streckt sich das sechshundert Meter lange Elphinstone Reef aus Hunderten Metern Tiefe empor, die Längsseiten fast vollständig mit Weichkorallen bewachsen. Seine imposanten Fächergorgonien sind ein oft fotografiertes Motiv von Unterwasserfotografen.

Als legendär wird auch die Straße von Tiran an der Südspitze des Sinai beschrieben: Im Ras-Mohammed-Nationalpark liegen vier fotogene Korallenriffe: Jackson, Woodhouse, Thomas und Gordon. Die allein von der Natur geschaffenen Bauwerke wurden nach den vier britischen Kartografen des 19. Jahrhunderts benannt. Atemraubend schön – wenn der Mensch sie lässt, zeitlos umschwärmt von Thunfischen und Barrakudas.

BUCHTIPPS

Zum Eintauchen und Mitschwärmen:

„Das Meer“ in seiner unendlichen Weite zeigen faszinierende Fotografien des BBC Wildlife Photographer of the Year, Frank Krahmer, der alle Nuancen von Blau in spektakuläre Lichtstimmungen über dem Wasser setzt, Großformat. Weingarten Verlag, 49 Euro.

Kunstvoll, farbenprächtig und von unbeschreiblicher Schönheit scheinen die Wesen im Meer. Mit spezieller Aufnahmetechnik zeigt der Amerikaner Mark Laita, der in Galerien in den USA und Europa ausstellt, im Bildband „WasserFarben“ Geschöpfe des Meeres wie aus einer anderen Welt. 200 Seiten mit 94 Fotos, Verlag Terra magica, 25,70 Euro, www.herbig.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2018)

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