Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

Südkorea: Nicht alles ist fermentiertes Gemüse

08.02.2018 | 09:19 |  von Franz Lerchenmüller (Die Presse)

Ab Freitag blickt die Sportwelt nach Fernost zu den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang. Wenn man in Seoul landet, lässt sich die Küche des Landes erkunden.

Schmecken oft besser, als man es erwartet: Spezialitäten aus Koreas Küche. / Bild: (c) Markus Kirchgessner 

Die Reise in Koreas Küche beginnt mit einem Paukenschlag, gefolgt von einem Trommelgewitter der heftigsten Art. Es findet auf der Bühne des Nanta-Theaters statt, wo vier Köche gerade gewaltig unter Zeitdruck geraten. In einer Stunde sollen zehn Hochzeitsmenüs stehen – und die vier haben noch nicht einmal mit Vorbereitungen angefangen. Denn immer wieder kommt ihnen etwas dazwischen: ein heißer Flirt, ein tumber Küchenjunge, vor allem aber die Lust an der möglichst lauten Zweckentfremdung unschuldigen Küchengeräts. Dann hacken Messer gnadenlose Rhythmen auf die Schneidbretter, der Kimchi-Topf donnert Bässe, es regnet Chinakohl ins Publikum, und ihr Arbeitsplatz verwandelt sich schließlich in den größten Saustall, den ein Chef je zu Gesicht bekommen hat.

Das berühmte Nanta-Theater ist genau die passende Begleitung für eine Exkursion in die Küche der Zehn-Millionen-Metropole Seoul. Jener Stadt, in der handgemalte Werbetafeln sich neben lastwagenbreiten Videowänden behaupten und kleine Ziegelbauten sich in den Schatten der verspiegelten Hochhäuser ducken. Noch existiert Alt neben Brandneu in Seoul – auch in der kulinarischen Landschaft.

 

(c) Markus Kirchgessner / Bild: (c) Markus Kirchgessner 

+ Bild vergrößern

Süß, scharf, vor allem sauer

Harmonie ist seit Urzeiten das oberste Gebot in der Küche Koreas: Immer sollen alle Geschmacksrichtungen in einem Essen versammelt sein. Deshalb gruppieren sich bei jeder Mahlzeit verschiedene Schüsselchen um das Hauptgericht: Chilipasta, Sesamöl, gepickelte Fischchen. Und deshalb verfügt auch fast jedes Gericht über eine süße Note und eine gewisse Schärfe.

Die für Koreaner wichtigste Farbe in der Geschmackspalette ist allerdings „sauer“. Eine Mahlzeit ohne Kimchi, fermentiertes Gemüse, ist aus koreanischer Sicht nicht komplett. Auf dem Gwangjang-Markt kann man zwischen Geschäften mit Reiskochern und Sportschuhen die verschiedenen Zubereitungen kennenlernen. 16 Varianten präsentiert Kimchi-Halme, die Kimchi-Oma, in ihren Cromargan-Schüsseln: Chinakohl, Rettich, Gurke, Löwenzahn, Rüben, Lotuswurzel . . . Der angeblichen Leib- und Nationalspeise ist sogar ein eigenes Museum gewidmet. Schon Konfuzius, erfährt man, wusste in Salz eingelegtes Gemüse zu schätzen. Denn erst durch die Kunst des Fermentierens konnte man Kohl und Konsorten als Vitaminquelle für den Winter erhalten.

Für den Besucher hat Seoul zu jedem Anlass das passende Essen parat. Den Tag, an dem er den „Schrein der königlichen Ahnen“ und das „Tor der erhabenen Zeremonie“ besichtigt, schließt ein Essen im Korea-Haus am stilvollsten ab. In einem im traditionellen Stil erbauten Haus servieren Damen in Tracht ein klassisches Menü: Ripperln mit Kastanien, Aal auf Wasserkresse und Sesamblattsuppe mit Thunfisch. Der Raum ist nüchtern, der Ablauf wirkt formell. Aber genauso vermittelt er vermutlich einen Eindruck der früheren strengen Etikette in besseren Häusern.

 

(c) Markus Kirchgessner Die Millionenstadt hat durchaus ihre grünen, sportlichen Seiten. Die Millionenstadt hat durchaus ihre grünen, sportlichen Seiten. / Bild: (c) Markus Kirchgessner 

+ Bild vergrößern

Partygänger in Neonnächten

Genau das Gegenteil davon ist das quirlige Leben im Stadtteil Hongdae. Hier tobt das junge, feierwütige Seoul durch die Neonnächte und feiert Emjuganu, die Einheit von Tanzen, Trinken und Singen. Aufgestylte Studentinnen himmeln Boy-Groups an, die im Park auftreten, und auf den Straßen huldigt man den allerletzten kulinarischen Trends: Lange Schlangen stehen vor den Ständen mit Tiramisu-Eis und spanischen Churros. Kein Platz findet sich in den Chimaek-Restaurants – die Kombination von Bier und Hendl zieht das Feiervolk magisch an. Der derzeit größte Hit aber ist die kalte Nudelsuppe, die aus Nordkorea kam. Stundenlang streiten Kenner, ob die Variante aus Buchweizen mit Birne und Rindfleisch der Renner ist. Oder doch eher die bissfestere Version aus Süßkartoffeln, mit Gurke, Ei und Schweinsbraten.

Märkte zu besuchen, ist eines der größten Vergnügen in einem fremden Land. In den Jungbu-Markt verirren sich nur selten Ausländer. Hier decken sich Einzelhändler und Restaurantchefs mit Trockenfisch, Algen und eingelegten Meeresfrüchten ein. Gedorrte Anchovis rascheln in den Körben, geordnet nach einem halben Dutzend Größen, kleine Rochenmumien blicken den Kunden vorwurfsvoll an. Alles, was am Grund des Östlichen Meeres heranwächst, wird eingelegt oder zu Pasten verarbeitet: Taschenkrebse, Seedatteln, Muscheln, Aale. Stolz präsentieren die Verkäufer Gulpi – getrocknete, barschähnliche Fische, die mit Bast zu pittoresken Ketten verknüpft sind. Früher, erzählen sie lachend, hatte jeder Geizkragen einen Gulpi an der Wand hängen: Zu jedem Bissen Reis gönnte er sich einen appetitanregenden Blick auf den Fisch – angerührt und verspeist wurde er allerdings nie.

 

(c) Markus Kirchgessner / Bild: (c) Markus Kirchgessner 

+ Bild vergrößern

Kulinarischer Trost

Ganz in der Nähe des Markts verläuft die berühmte Straße der Tteokbokki-Restaurants. Grand- ma Ma Bok Rim betrieb hier vor mehr als 30 Jahren einen kleinen Imbiss, der so gut lief, dass heute die ganze Nachbarschaft das gleiche Gericht anbietet. Auf den Gasherd, der in der Mitte eines jeden Tischs eingelassen ist, kommt ein Topf mit Zwiebeln, Nudeln und Lauch sowie Reiskuchen- und Fischkuchenstücken. Langsam beginnt die scharfe, rote Brühe zu brodeln, Abzugsstutzen hängen über jedem Tisch von der Decke wie kupferne Rüssel.

Essen ist für die meisten Koreaner ein enorm wichtiger Teil des Alltags, für manche gar der halbe Lebensinhalt. Selbst auf der 1400 Meter langen Mapodaegyo-Brücke, die als Absprungsort für Selbstmörder verschrien ist, finden sich kulinarische Hinweise. Zwischen einem Sorgentelefon und tröstender Lyrik finden sich Fotos von geröstetem Schweinebauch und einem bunten Meeresfrüchteeintopf. „Schmeckt es nicht köstlich?“ steht daneben. Zumindest die Feinschmecker unter den Seoulern sind überzeugt, dass die Aussicht auf einen erlesenen Abendimbiss auch noch den entschlossensten Selbstmörder vom Sturz in die Tiefe abhalten müsste.

Von Kimchi bis Kastanie, von Ripperl bis Rochen

Anreise: Von Wien aus fliegt Korean Air, www.koreanair.com. Über Frankfurt verschiedene Airlines wie z. B. Asiana Air.


Übernachten: Neben den üblichen Por- talen bietet auch die Website der Koreanischen Tourismuszentrale Hotels an. Die Häuser der Hotelkette Benikea wurden angeblich von ihr überprüft und gelten als erprobt und preiswert. Wer bei einer Familie übernachten will: http://english.visitkorea.or.kr

Essen und Trinken: An Restaurants aller Stilrichtungen und Nationalitäten, an Garküchen und Märkten herrscht kein Mangel. Einzelne Straßen sind berühmt für bestimmte Spezialitäten: Eungam-dong Gamja Guk für Kartoffeleintopf, Majang-dong's Gogi Alley für Rindfleisch, Sillim-dong für eine Wurst aus Innereien, Jokbal Alley für Schweinshaxen und Ojang-dong Hamheung-naengmyeon für kalte Nudelsuppe aus Nordkorea.

Gastrotourseoul bietet verschiedene kulinarische Rundgänge und Kochkurse: www.gastrotourseoul.com

Im Kimchi-Museum erfährt man alles über die Lieblingsbeilage der Koreaner: Museum Kimchikan, 35-4, Insa-dong, Jongno-gu, www.kimchikan.com

Das Kulinarische Zentrum zeigt eine Kimchi-Ausstellung und veranstaltet Kochkurse: K-Style-Hub, 40, Cheong-gyecheon-ro, Jung-gu, T.: 82 27 72 99 27. Klassische koreanische Küche mit Tanzaufführung findet man im Korea House, 10, Toegye-ro 36-gil, Jung-gu, www.koreahouse.or.kr

Nanta Cookin': Es gibt in Seoul gleich drei verschiedene Spielstätten der verrückten Köche. www.nanta.co.kr.

Auf www.hansik.org finden sich viele Infos zur koreanischen Küche.

Michelin hat 2017 erstmals einen Guide zu Seoul herausgebracht: https://guide.michelin.co.kr

Veranstalter: Pauschalreisen nach Südkorea bieten etwa www.diamir.de, www.hauser-exkursionen.de, Kultur- und Studienreisen u. a. bei Ruefa www.ruefa.at/reisen/kulturreisen-studienreisen/korea/


Reiseführer: Klaus A. Dietsch, „Seoul“, Trescher Verlag, 14.50, www.trescher-verlag.de


Infos: www.visitseoul.net
Korea Tourism Organisation (Frankfurt), T.: +49/(0)69/23 32 26, kntoff@euko.de, www.german.visitkorea.or.kr, www.kimchikan.com, www.nanta.co.krwww.koreahouse.or.kr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2018)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Meistgelesen
    Als Gast kommentieren

    ...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

    *... Pflichtfelder

    Sicherheitscode

    >>>
    Schwer lesbar? Neuen Code generieren

    Verbleibende Zeichen

    Lesen Sie mehr

    • Urlaub bei Familie Trapp in Vermont

      Fotograf Scott Noble verrät uns seine Lieblingsplätze in der heutigen Heimat der Trapp-Familie, im zutiefst amerikanisch gebliebenen Skiresort Stowe in Vermont.
    • Lipno: Skizauber am Südböhmischen Meer

      Der kleine Ort Lipno eine Stunde nördlich von Linz nahe der Grenze hat ein überraschend vergnügliches, preislich moderates Familienskigebiet.
    • Amanshausers Album: Zwischenfall

      41 - Immer stärkere Stürme wüten in den Alpen. Bisher halten moderne Sessellifte das aus.