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Botswana: Wasserstraßennetz mit tierischem Verkehr

29.03.2018 | 20:50 |  GÜNTER SPREITZHOFER (Die Presse)

Das größte Binnendelta der Welt ist ein Paradies für Tiere. Und Menschen, die bisweilen mit Einbäumen und Buschfliegern in die archaischen Wasserwelten eintauchen. Nur gut, dass Krokos und Hippos meist satt und zufrieden sind.

Das Feuchtgebiet ruft viele Tiere auf den Plan – und diese wiederum Safariuraluber nach Botswana. / Bild: (c) imago/blickwinkel (McPHOTO/J. Bitzer) 

Die Kalahari ist eigentlich eines der größten Trockengebiete der Erde. Im günstigsten Fall semiarid und ganzjährig höchst niederschlagsarm, bildet das Flusssystem des versiegenden Okavango eines der größten und tierreichsten Feuchtgebiete Afrikas. 20.000 Quadratkilometer groß, würde es etwa ein Viertel der österreichischen Staatsfläche unter Wasser setzen.

Das Okavango-Delta liegt im Nordwesten Botswanas. Im Süden wird es durch die Kunyere- und Thamalakane-Spalten bei Maun begrenzt, die als hydrologische Barrieren quer zum Okavango verlaufen und eine südliche Fortsetzung des Afrikanischen Grabenbruchs (Rift Valley) darstellen. Dort fächert sich der Okavango daher auf, verdunstet oder versickert im Kalahari-Becken an der Grenze zu Simbabwe und Südafrika.

Ein Fluss verdunstet

Eigentlich gibt es nicht nur ein Delta, sondern eine Reihe ökologisch unterschiedlicher Teilbereiche. Da ist einmal der Panhandle („Pfannenstiel“), in dem der Okavango-Fluss über Hunderte Kilometer die Grenzzone zwischen Angola und Namibia bildet, bevor er sich in Botswana zu teilen beginnt. Hier verläuft der legendäre Caprivi-Streifen, mit Bilderbuch-Afrika in pittoresken Rundhütten, ein koloniales Erbe des einstigen Deutsch-Südwestafrika. Tiere gibt's genug, vor allem Herden von Kühen, Ziegen und Eseln, die den asphaltierten Highway Richtung Victoria-Fälle so gelassen bevölkern, als hätte es hier nie wirklich wilde Tiere gegeben. „Auf der Straße fühlen sie sich sicher“, meint Johann, der Viehtransporter – voll beladen mit Rindern in zwei Etagen – Richtung Windhoek steuert. „Erst außerhalb des Wildzauns am Straßenrand sollten sie sich nicht blicken lassen. Ihr übrigens auch nicht.“

(c) imago/blickwinkel (McPHOTO/J. Bitzer) Anders als die meisten Flüsse mündet der Okavango nach 1700 Kilometern nicht ins Meer oder einen See, sondern zerfasert sich in einem Binnendelta.Anders als die meisten Flüsse mündet der Okavango nach 1700 Kilometern nicht ins Meer oder einen See, sondern zerfasert sich in einem Binnendelta. / Bild: (c) imago/blickwinkel (McPHOTO/J. Bitzer) 

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Johann ist hager und schütter blond, namibischer Staatsbürger und spricht sächsisch Deutsch wie sein Uropa. Er hat eine Pistole neben sich liegen, mag deftige Springbock-Steaks lieber als Geschnetzeltes vom Zebra und hält nicht viel von den Nachbarstaaten: „Man weiß nie, was hinter der nächsten Kurve los ist.“ In Botswana war er noch nie, denn Tiere bevorzugt er gebraten oder gegrillt, was soll er also dort. Die Felsmalereien in den Tsodilo-Hills, Unesco-Weltkulturerbe im staubigen Nichts gleich hinter der Grenze und nur für ausgefuchste Allradfahrer mit guten GPS-Kenntnissen zu empfehlen, interessieren ihn nicht die Bohne. Die einzige Nord-Süd-Transversale Botswanas, die weit westlich des Okavango über 400 Kilometer bis in die Deltametropole Maun verläuft, würde er überhaupt nicht mögen. Denn der schmale Highway A35 ist ab Divundo, kurz vor der Grenze, ein Sammelsurium erstaunlicher Schlaglöcher rund um tiefe Spurrillen im brüchigen Asphalt.

Dafür sind die Rastplätze ausgiebig beschildert, auch wenn es sich nur um Ausweichen mit vollen Mülltonnen handelt, die nebenbei allerlei bunte Vögel interessieren: Manche sind auf zwei Beinen unterwegs und hüten Ziegen. Andere auf struppigen Pferden – die Cowboys der Savanne. Der Rest kann wirklich fliegen und hält lautlos Ausschau nach fetter Beute, wie die schwarz-weißen Fischadler oben in den Wipfeln.

Nach dem Knick Richtung Süden verlaufen die Okavango-Flussbetten auf botswanischem Territorium noch eine Zeit lang nahe beisammen und führen ganzjährig Wasser. Erst nach Nxamasili beginnt die deltaförmige Auffächerung, und die Arme des Stroms verschwinden aus dem Blickfeld. Ein paar strohgedeckte Rundhütten in Flussnähe. Strahlend weiße Termitentürme, die drei Meter und höher über dürre Weiten aus staubigen Büschen und geduckten Bäumen ragen, wo Webervögel ihre gewaltigen Gemeinschaftsnester errichtet haben.

In den Büschen am Straßenrand hängen handbeschriftete löchrige Wasserkanister und kaputte Reifen, die die Abzweigung zu Bushaltestellen und verborgenen kleinen Siedlungen anzeigen – diese sind oft nur mehr über enge Pisten durch Dornenstrauchland erreichbar, aus Sand oder Schlamm. Tankstellen sind so selten wie Gegenverkehr: Gut, dass die Geländewagen hier Doppeltanks mit 145 Liter Fassungsvermögen und oft auch Seilwinden zum Herausziehen haben.

(C) Die Presse /Günter Spreitzhofer / Bild: (C) Die Presse /Günter Spreitzhofer 

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Der Höhenunterschied zwischen dem eigentlichen Beginn des Panhandle und dem Fuß des Deltas bei Maun beträgt lediglich 60 Meter, trotz einer Distanz von knapp 300 Kilometern. Trockenbereiche und Inseln erheben sich allerhöchstens drei Meter über die Umgebung – diese sind zwischen ein paar Quadratmetern und etlichen Quadratkilometern groß wie etwa Chief's Island. Ihr Ursprung soll auf Kanalsysteme, Aktivitäten von Termiten und auch geologische Strukturen zurückzuführen sein. Aber genau weiß das nicht einmal Kain, der angeblich Hydrologie studiert hat und am Straßenrand Dörrfisch aus seinem Fishing Shelter bei Etsha vertreibt.

Es dauert, bis das Wasser kommt

Mit dem Wasser kommen noch mehr Tiere. Und noch mehr Touristen. Wenn es hier regnet, dann von Dezember bis April. Oben am Panhandle, bei den Popa-Wasserfällen, hat der Okavango bereits im März seinen Höchststand erreicht, nach den Winterregen oben in Angola, im Quellbereich des Stroms. Es dauert dann rund vier Monate, bis die trägen Wassermassen den Thamalakane bei Maun, am Südende des Deltas, erreichen. Die Wasserfläche wächst nunmehr auf 12.000 Quadratkilometer, etwa die Größe von Tirol. Manchmal sogar mehr. Und so drängt die Tierwelt vor allem dann ins Delta, wenn zugleich der Höhepunkt der Trockenzeit erreicht ist.

Manche sind immer da: 71 Fischarten, 33 Amphibienarten, 64 verschiedene Reptilienarten, 444 Vogelarten und 122 Säugetierarten – Wikipedia weiß es wie üblich genau. Andere kommen nur zur Trockenzeit rundum, wenn sich das Delta mit Wasser füllt: Elefanten etwa, Kaffernbüffel und Streifen-gnus. Das lockt natürlich auch allerlei Raubgetier – nicht nur Löwen und Leoparden, sondern auch Wildhunde und Hyänen feiern wilde Partys, was für durstige Wasserböcke und Spießböcke nur bedingt amüsant ist. Manchmal werden sie sogar gefilmt dabei. „Die lustige Welt der Tiere“, ein Tierfilm des Regisseurs Jamie Uys mit Drehort Okavango, wurde 1975 mit einem Golden Globe als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet: Maulbrüter bringen dort ihren Nachwuchs bei Gefahr im schützenden Maul unter, Nashornvogelweibchen lassen sich zur Aufzucht der Brut in einer Baumhöhle einmauern. Und der Genuss gärender Früchte des Marula-Baums berauscht Elefanten und andere Tiere, die dann plötzlich torkeln, gackern und hoppeln.

Menschen haben andere Methoden dafür, nicht nur in den Luxusresorts im Delta, die oft nur mit Kleinflugzeugen erreichbar sind. Zumindest die Piloten dorthin sollten den Marula-Likör meiden, denn die Landepisten sind ohnedies holprig genug.

Das Wasser im Delta ist erstaunlich klar und hat sogar Trinkwasserqualität, was afrikanische Gewässer nicht häufig auszeichnet. Das ist erstaunlich, bringt doch der Okavango jährlich 500.000 Tonnen gelöste Salze ein. Zugleich verdunsten 95 Prozent des Wassers, womit eine massive Versalzung naheliegend wäre. „Das liegt an der Verdunstung durch Pflanzen, salzig ist es vor allem entlang der paar Inseln“, erklärt ein Ranger im Maun Environmental Education Centre.

Leberwurstbaum und Büffelzaun

Seit 2014 hat das Gebiet den Status eines Unesco-Welterbes. Eine Erweiterung auf einen grenzübergreifenden Supernationalpark stromaufwärts, nach Namibia und Angola, wird politisch heiß diskutiert. Teil des grenzüberschreitenden Schutzgebiets Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area ist die Gegend jetzt schon.

Maun ist die Hauptstadt von Botswanas North West District und der wichtigste Startpunkt für Safaris in das Okavangobecken. Rund um Riley's Hotel & Garage hat sich eine boomende Streusiedlung mit rund 50.000 Einwohnern gebildet, die noch 1939 nicht mehr als ein britischer Patrouillenstützpunkt gegen deutsch-namibische Ambitionen war. Ein buntes Volk aus Buschpiloten und Campern, Tourveranstaltern und einigen schäbigen Hotels in der Nähe des – mittlerweile internationalen – kleinen Flughafens lebt vom und für den Tourismus. Dort starten Kleinflugzeuge zu Rundflügen aller Art, mit etwas Glück auch für Walk-in-Fluggäste. Flughöhe 150 Meter, da tun sich grandiose Blicke auf Elefantenherden und Hippos in den hüfthohen Tümpeln und Kanälen auf, Giraffen und Wasserböcke auf den Trockenflächen dazwischen. Ein Netz aus Termitenhügeln erstreckt sich über die Weiten da unten, wo der Wirbel des Propellerflugzeugs die einzige Lärmquelle weit und breit ist.

Menschen oder Dörfer sind im eigentlichen Delta selbst keine zu sehen. Das war nicht immer so, denn Wasser ist Mangelware im subtropischen Afrika. Doch wo Wasser ist, da blüht das Leben: Steinzeitliche Funde deuten auf menschliche Besiedlung vor über 100.000 Jahren hin. Das Okavango-Delta gilt als Ursprung der Sesshaftigkeit von Menschen und Ausgangspunkt der Viehzucht. Im 17. Jahrhundert wurde von mysteriösen „Fluss-Buschleuten“ gemunkelt, etliche Jahrzehnte später wurden die Deltarandzonen zumindest spärlich besiedelt – zu viel Malaria rundum, dazu Tsetsefliegen und die Schlafkrankheit: Eine boomende Siedlung wie Maun wäre hier ohne Tourismus nie entstanden.

Agroindustrie ist unbekannt, trotz über 1300 Pflanzenarten im Delta: Gewaltige Papyrus-Bestände sprießen entlang der Kanäle, die fast immer Wasser führen. Draußen ein Mosaik aus offenen Wasserflächen und schwimmenden Inseln. Salzkrusten auf den paar dauerhaften Inseln mittendrin. Je trockener das Gebiet, desto mehr Vegetation: Kigelia africana etwa, besser bekannt als Leberwurstbaum, aus dem die Einbäume der San und anderer heimischer Volksgruppen geschnitzt wurden.

Heute gibt es fast zu wenig davon, Bäume nämlich. Denn ganze Dörfer außerhalb der eigentlichen Schutzzone leben mittlerweile nicht schlecht damit, täglich Tourgruppen mit Mokoros (Einbäumen) stunden- und tagelang durch das blaue Grün zu staksen. Für diese Einbäume benötigt man intakte Stämme eines ausgewachsenen Baums, und die reichen schon lang nicht mehr. Also gibt es längst die Modelle aus Hartplastik, die weniger Arbeitsaufwand in der Herstellung bedeuten und größeren Sitzkomfort bieten. Campingplätze rund um Maun bieten auch bequemere Tagestouren (Moremi Game Reserve, Inner Delta) im Motorboot mit Sonnendach an: Zunächst geht es meist den Thamalakane ein Stündchen flussaufwärts bis zum Nationalparkeingang am legendären Buffalo Fence, der Wildtiere vom Weideland rund um Maun abhalten sollte, und dann erst wirklich hinein in die Wildnis.

Die Luftblasen eines Nilpferds

Dort ist Zahlstation für Okavango Permits, dort warten ganze Busladungen von Naturfreunden darauf, jeweils zu zweit in einen Einbaum gesetzt und dann im Konvoi durch die Schilfstraßen bewegt zu werden. Das mag recht nachhaltig sein, ist jedoch für unruhige Geister denkbar ungeeignet – Aufstehen oder gar Aussteigen sind tabu, auch wenn das Wasser nicht tief ist.

„Seht ihr die Luftblasen? Da vorn taucht ein Nilpferd.“ Die Mokoro-Piloten staksen, stehen – und sehen besser, was die Tierwelt hinter den Schilfgassen zu bieten hat. Zum Beispiel dösende Krokodile auf Sandbänken. Elefantenbullen, die seelenruhig bis zum Bauch im Wasser stehen, prusten und sich weiter nicht stören lassen. Ab und zu ein versunkener Lastwagen, dessen Fahrer in der Trockenzeit allzu mutig war und die Furtung der Deltakanäle unterschätzt hat. Keine Gegend für Trucker offenbar. Johann hat jedenfalls recht behalten. Und Springbock schmeckt wirklich gut.

BOTSWANA-INFO

Ausgangspunkt für das Okavango-Delta ist Maun, eine 50.000-Einwohnerstadt im nördlichen Teil Botswanas. Anreise erfolgt meist über Flug von Johannesburg (Südafrika).

Reisezeit: Botswana lässt sich zu jeder Zeit bereisen, die Trockenzeit dauert von Ende April bis Ende August. Während der Regenzeit sind einige der Camps im Okavango-Delta geschlossen.

Unterwegs: Mit einem Veranstalter in kleinen geführten Gruppen oder individuell im Rahmen ei- ner Selbstfahrersafari. Die Wasserwege und -stellen sind vor allem vom Flugzeug aus ein Erlebnis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2018)

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