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Patagonien abseits der populären Hotspots

11.04.2018 | 13:38 |  MARGIT ATZLER (Die Presse)

Chile einmal anders: Entlang der Carretera Austral, einer Schotterstraße durchs Nirgendwo. 4000 Jahre alte Bäume. Spektakuläre Flusslandschaften. Und im Glas Gletschereis.

Carretera Austral / Bild: Reuters 

Im Süden Chiles entleeren sich die Wolken, bevor sie über die Anden aufsteigen und nach Argentinien weiterziehen können. Dadurch gibt es im chilenischen Teil Patagoniens dichte Urwälder und reißende Flüsse, die aufgrund ihrer Abgeschiedenheit bis heute bestehen.

Meterhoch streckt sich der mächtige Baumriese in den Himmel. Allein die Rinde seines Stammes erzählt Geschichten. Rotbraun, weich und trotzdem robust, übersät mit Moos und kleinen Farnen. 50 bis 60 Meter kann ein Alerce-Baum (Fitzroya cupressoides) hoch und 3000 bis 4000 Jahre alt werden, sein Stamm einen Durchmesser von bis zu fünf Metern erreichen. Aufgrund des harten, dabei gleichzeitig leichten Holzes wurde der Großteil des Alerce-Bestands in Chile gefällt. Heute stehen diese Bäume unter Schutz.

Wo genau Patagonien beginnt und endet, ist nicht genau definiert. Ungefähr ab dem Río Bío Bío südwärts. Patagonien beschreibt ein Lebensgefühl, einen Mythos über eine fast vergessene Lebensart. Das Leben in Patagonien ist rau. Nur der nördliche und südliche Teil – auf argentinischer wie auf chilenischer Seite – inklusive Feuerland waren vor der spanischen Eroberung durch Ureinwohner bewohnt. Dazwischen machten dichte Urwälder sowie das nord- und das südpatagonische Eisfeld die ständige Besiedelung durch Menschen unmöglich.

Imago stock&people Wanderungen in Patagonien sollte man nicht unterschätzen. Man ist in der Wildnis unterwegs.Wanderungen in Patagonien sollte man nicht unterschätzen. Man ist in der Wildnis unterwegs. / Bild: Imago stock&people 

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Die Nachfahren der Pioniere

Um die Erschließung des Südens zu fördern, erlaubte die Regierung jedem, sich so viel Land anzueignen, wie er bewirtschaften konnte. Brandrodung war den Pionieren das einfachste Mittel, gegen die dicht bewachsenen Wälder vorzugehen. Die heutigen Bauern Patagoniens sind großteils Nachfahren dieser Pioniere. Manche müssen mehrere Tagesmärsche oder -ritte auf sich nehmen, um ins nächste Dorf zu gelangen. Die Wege sind nur selten gekennzeichnet. Je nach Niederschlag ähneln die zu überquerenden Flüsse sanften Bächen oder einem reißenden Strom. Ein Stock hilft, sich gegen die starke Strömung zu stellen, nasse Füße gehören dazu. Man gewöhnt sich daran – an den knietiefen Schlamm wohl oder übel auch. Handyempfang gibt es vielerorts keinen.

Almandina, Mitte 80, lebt mit ihrem Mann in einem kleinen Haus am Lago Vidal Gormaz – im Nirgendwo zwischen dem Kletterparadies Cochamó-Tal und der Ortschaft Río Puelo. Sie geht langsamen, aber festen Schrittes, immer leicht gebückt. Alle heiligen Zeiten passieren vom Regen durchnässte Wanderer das Grundstück. Ihnen bietet sie einen Platz im Ziegenstall und macht in der Mitte ein Feuer. Die alte Frau kniet auf einem Schaffell und schlichtet die Holzscheite über dem kleinen Ascheberg aufeinander. Almandina verbringt viel Zeit allein in ihrem Haus. Ihr Mann hilft in der entfernten Nachbarschaft mit, wenn er gebraucht wird: Zäune reparieren, Vieh zusammentreiben, Holz fällen. Almandinas Haus, Stall und Schuppen befinden sich inmitten sanfter Wiesen. Charakteristisch sind die grauen, verkohlten Baumstämme, die immer wieder kreuz und quer liegen und Zeugnis der Brandrodungen geben. Der karge Boden und das raue Klima machen Ackerbau so gut wie unmöglich. Viehzucht ist die Hauptbeschäftigung der patagonischen Bauern. Die Stämme wegzuschaffen war nie notwendig.

Wo Almandina wohnt, gibt es kaum Alerce-Bäume. Der nahe Hornopirén und der Alerce-Andino-Nationalpark sind für ihre Bestände bekannt und von der kleinen Industriestadt Puerto Montt sowie ihrer ansehnlicheren Nachbarstadt Puerto Varas am Llannquihue-See gut zu erreichen. Es lohnt sich, mit einem Wanderführer aufzubrechen oder zumindest vorab nach dem genauen Standort der Bäume zu fragen. Wanderungen in Patagonien sollten nicht unterschätzt werden: Man ist in der Wildnis unterwegs. Doch selbst hier gibt es Ausnahmen: Im Pumalín-Park, der im Süden direkt an den Hornopirén-Nationalpark grenzt, führen gut ausgeschnittene, gepflegte Wege vorbei an mächtigen Exemplaren.

Caleta Gonzalo heißt die Fähranlegestelle mit dem malerischen Restaurant und den kleinen Hütten (Cabañas). Wer von Puerto Montt aus mit dem Auto weiter in den Süden fahren will, kommt hier vorbei. Der Pumalín-Park mit seinem Alercebestand, den Wanderwegen, den gepflegten Campingplätzen und dem Restaurant neben den hübschen Cabañas ist Teil des Vermächtnisses von Douglas Tompkins. Der US-Amerikaner war Gründer der Bekleidungsfirmen Esprit und North Face. Er verkaufte seine Firmenanteile und widmete sich fortan dem Erhalt der Natur, vorwiegend in Argentinien und Chile, wo der begeisterte Naturbursche schon als Jugendlicher prägende Erinnerungen gesammelt hatte.

Zusammen mit seiner Frau, Kristine, kaufte Doug viele Hektar Land. Die Spuren menschlicher Eingriffe Schritt für Schritt zu beseitigen und die Natur sich erholen zu lassen war sein großes Bestreben. Nach und nach werden diese Gebiete den Staaten Chile und Argentinien geschenkt, um als Nationalparks der Bevölkerung die Natur zugänglich zu machen. Doug Tompkins verstarb im November 2015 bei einem Kajakunfall. Kris Tompkins macht weiter. Mit ihrem Engagement machte sich das Paar nicht nur Freunde, stand es doch immer wieder unternehmerischen Bestrebungen zur wirtschaftlichen Nutzung Patagoniens im Weg.

Schotterpiste und Wasser

Für manche Einheimische ist Caleta Gonzalo nicht mehr als ein Durchzugsort an der Carretera Austral, der Straße in den Süden, die sich als Hauptverkehrsader von Puerto Montt bis nach Caleta Tortel zieht. Bis heute sind nur Teile der Strecke asphaltiert. Das Fahrtempo verringert sich ganz von selbst, da immer wieder Schlaglöcher umfahren werden müssen. Die Carretera Austral schlängelt sich nach den ersten Unterbrechungen durch Überfahrten mit der Fähre durch den Pumalín-Park und vorbei an dem kleinen Städtchen Chaitén, das 2008 durch den Ausbruch des gleichnamigen Vulkans unter meterhoher Asche vergraben wurde. Chaitén ist wieder zu Leben erwacht, hauptsächlich durch die Eigeninitiative seiner Bewohner, die ihre Häuser eigenhändig ausgegraben und wieder aufgebaut haben.

Die Straße führt weiter vorbei an kleinen Bauernhöfen, schlängelt sich steil bergauf durch dicht bewachsene Waldabschnitte. Alle paar Stunden entfernt voneinander liegen kleine Dörfer, oft nicht mehr als eine Ansammlung von Wellblechhütten. Es lohnt sich, die Nächte auf den Campingplätzen entlang der Strecke zu verbringen. Die erste Nacht in einem Zelt beim ungewohnten Gesang fremder Vogelarten mag noch unheimlich sein. Doch spätestens wenn der Nebel hereinzieht und das Lagerfeuer erloschen ist, erliegt man der Kraft der Wildnis.

Wer sich den ganzen Tag von der Schotterpiste durchrütteln lassen möchte, schafft es an nur einem Tag von Chaitén nach Coyhaique, der Hauptstadt der Provinz Aysén, mit 50.000 Einwohnern schon eine richtige Metropole für patagonische Verhältnisse. In Coyhaique kann man sich mit Vorräten und Campingausrüstung eindecken. Weiter südlich schwinden diese Möglichkeiten. Nach Villa Cerro Castillo, einem möglichen Einstiegsort zum gleichnamigen Nationalpark mit dem Berg, der mit seinen spitzen Zinnen an eine Burg erinnert, ist die asphaltierte Carretera Austral wieder Schotterpiste. Auf einmal wird der Blick auf einen blitzblauen See frei: den Lago General Carrera.

Der Lago General Carrera speist sich aus dem Schmelzwasser der umliegenden Gletscher. Aus dem Lago General Carrera wird im Süden der Lago Bertrand, und der wiederum wird bei Puerto Bertrand zum Río Baker. Der Río Baker ist der wasserreichste Fluss Chiles. Pato und Cristian bieten Raftingtouren am „nacimiento“ (Ursprung) des Río Baker an. Die Fahrt beginnt recht unspektakulär am Lago Bertrand. Allmählich wird die Sogkraft des Flusses stärker, die Stromschnellen heftiger. Die ersten Spritzer des Gletscherwassers treffen die nicht vom Neoprenanzug bedeckte Haut und lassen aufjauchzen. Das Schlauchboot bewegt sich wild auf und ab.

Von hinten ruft Pato seine Kommandos: „Links rudern! Rechts rudern! Beide!“ Noch bevor man das Gefühl hat, das Boot gerate außer Kontrolle, ist es auch schon wieder vorbei. Der Fluss wird breiter und ruhiger. Das Boot schwimmt ans Ufer. Die Insassen sind aufgekratzt und begeistert. Einige haben von dem Geheimtipp etwa zwölf Kilometer weiter südlich gehört: dem Confluencia. Der Zusammenfluss von Río Nef und Río Baker an einem breiten Wasserfall ist spektakulär. Die Gischt des Eiswassers tanzt im Licht der Sonne, oder sie spielt mit den Nebelschwaden. Im Hintergrund glänzt bei wolkenfreiem Himmel ein Gletscher am Horizont. Die Gegend ist aufgrund jahrelanger, außer Kontrolle geratener Brandrodungen in den 1940er-Jahren braun und steppenähnlich. Dafür übernimmt das Wasser von nun an die Hauptrolle.

Aufgrund seines Wasserreichtums ist Patagonien attraktiv für Wasserkraftprojekte. Jahrelang wurde gestritten, ob zwei Kraftwerke den Río Baker dämmen sollten. Die Firma Hidroaysén wurde von Bürgerbewegungen bekämpft. Hidroaysén sollte die Energie liefern, die so dringend im Norden benötigt wird. Tausende Kilometer entfernt. Die umstrittenen Wasserrechte wurden noch zur Zeit der Pinochet-Diktatur vergeben. Das Projekt in der eingereichten Form war nach Meinung der Kritiker technisch völlig veraltet. Im November2017 legte Hidroaysén seine Wasserrechte zurück. Die Freunde des Río Baker feierten.

Auch Lilli feierte. Mit ihrem Mann, Rossendo, und den beiden Kindern lebt die aus dem Allgäu stammende Wahlpatagonierin auf einer kleinen Farm am Río Baker. Sie hat sich den Ort aus einem ganz bestimmten Grund ausgesucht: wegen des San-Carlos-Passes am Saltón. Es sind knapp zehn Kilometer von ihrem Haus bis zu der Stelle, wo sich der breite Fluss auf einmal zwischen enge Felswände quetschen muss. Die Wassermassen landen schließlich in einem breiten Becken am Fuß einer Felswand. Rossendo führt die Besucher bei einem Ausritt direkt ans steinerne Ufer. Danach geht es hinauf auf einen schmalen Pfad in der gegenüberliegenden Felswand, den die Pioniere angelegt haben. Damals war der Paso San Carlos die Hauptverbindung in den Süden. Hier lässt sich erahnen, von welchem Kaliber dieser Menschenschlag gewesen sein muss, um in der Wildnis eine Zukunft zu suchen.

Ein Ort auf Stelzen

Bei Caleta Tortel mündet der Río Baker ins Meer. Das Besondere an Tortel ist, dass der Ort auf Stelzen aus Zypressenholz gebaut wurde. Autos müssen draußen bleiben. Noel bietet Bootstouren zum Delta des Río Baker und zu den Gletschern an, die in den Fjorden ins Meer fließen. Das kleine Boot schiebt sich langsam zwischen den Eisbergen durch. Ziemlich nah kommt es an den Gletscher heran. Das Eis wird dichter, doch Noel fährt langsam weiter. Ein Blick zurück wirft Fragen auf. Wie kommen wir hier wieder heraus? Mit einem Pisco, dem bei Chilenen beliebten Weinbrand, der zum zerkleinerten Gletschereis ins Glas geschüttet wird, verfliegt die Sorge. Auf einmal ist das Boot wieder am offenen Meer. Viel zu schnell geht es zurück nach Tortel. Zum Glück gibt es in der Lodge, die Noels Frau, Maria, betreibt, zum Dessert ein Mousse aus Calafate-Beeren. Es heißt, wer von den Beeren isst, der kommt wieder nach Patagonien.

Durch die Wildnis Patagoniens

Planen. Im Dezember begrub eine Schlammlawine Santa Lucia inklusive der Carretera Austral. Über 15 Personen starben, einige sind noch vermisst. Die Carretera Austral ist für diese Saison unterbrochen, auch die Abzweigung über Futaleufu nach Argentinien. Für 2019 abklären, wie weit geräumt ist!

Anreise. Flug Santiago–Puerto Montt oder gleich weiter nach Coyhaique bzw. mit dem Nachtbus über Valdivia nach Puerto Montt oder Puerto Varas. Mietautos in Puerto Montt und Coyhaique abhol-/rückgebbar. Vorher ist zu vereinbaren, dass es auch über Argentinien gehen soll. Fähren z.T. online bzw. über örtliche Veranstalter buchbar. Puffertage einplanen!

Wandern. Cochamó-Tal: Mehrtägig von Puerto Montt oder Puerto Varas aus. Ideal, wenn keine Zeit für ausgiebige Erkundung der Carretera Austral ist. Reservierung! www.reservasvallecochamo.org

Geführt. Entdeckerreise mit Weltenwanderer Gregor Sieböck (2.–23.3.19), Zauberroute der Nationalparks (5.–26.4.19), Oliva Reisen, www.olivareisen.at.

Unterkunft. Entre Hielos Lodge, Caleta Tortel, gediegen, mitten im Ort. Besitzerin Maria Paz ist Architektin und hat das Haus selbst entworfen. Sehr gute Küche. Höchster Standard für diese Ecke Patagoniens. Organisierte Ausflüge, www.entrehielos.cl. Cabañas in Caleta Tortel: Hütten dringend vorreservieren! reservas@parquepumalin.cl

>> Einer der höchstgelegenen Seen, die spektakulärsten Geysire oder eine der trockensten Wüsten der Erde: Der Norden Chiles.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2018)

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