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Kunst am Wegesrand: Mit "Exposure" auf "Wolke 7"

12.04.2018 | 14:16 |  Madeleine Napetschnig (Die Presse - Schaufenster)

Schön, wenn der Spazierwanderer weiß und versteht, was er da sieht. Aber es geht auch anders: Skulpturenparks, Land-Art, Kunst im öffentlichen Raum.

Antony Gormleys Figur „Exposure“ hockt in der Nähe von Lelystad / Bild: NBTC 

Je nach Blickwinkel interpretiert der Spaziergänger die Hockstellung von Antony Gormleys Figur ein wenig anders: versunken, dynamisch oder schlicht beschäftigt. Auch für Gormley, der mit seinen Menschendarstellungen immer wieder über die Maßstäblichkeit hinaus oder in Serie (etwa „Horizon Fields“ im Bergenzerwald, 2010–2012) agiert, hat der Riese am Wasser eine beachtliche Dimension: Der Kerl misst 25 Meter und wiegt 60 Tonnen. Sein Fleisch und Blut sind Tausende Metallstäbe und komplex berechnete Verbindungen, eine Matrix auf Basis eines physischen und digitalen Modells. Dazu die frische Meeresluft, die die Figur behaucht. Weithin sichtbar hat ihr Schöpfer sie auf einen schmalen Streifen Land gesetzt und sie nach 18-monatigem Wachstum „Exposure“ getauft.

Observatorium und Spirale

Der Standort unweit des niederländischen Lelystad ist ein Kunstort in doppeltem Sinne: Vor 100 Jahren (heuer feiert man Jubiläum) trotzten die Niederländer der Zuidersee, die weit ins Land hineinschnitt, viele Quadratkilometer Boden ab. Durch einen großen Deich wurde ihr Wasser vom Meer abgeriegelt, per Gesetz. Polder für Polder, Deich für Deich wurde angelegt, Siedlungen, Städte, Landwirtschaften errichtet. Das Ingenieurskunstwerk rund um Flevoland fällt dem Betrachter nicht so sehr ins Auge, denn dazu fehlt ihm buchstäblich die Größe (oder die Drohne). Die in die Landschaft eingestreuten Kunstwerke verfehlen ihre Wirkung jedoch nicht. Seit Beginn der 1970er-Jahre entstanden hier in großen Abständen Arbeiten von Weltrang (etwa von Richard Serra und Daniel Libeskind).

Skulpturenparks: Objekte im Freien

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Bildhauer und Konzeptkünstler Robert Morris hob als Erster einen Trichter aus, errichtete nach Vorbild von Stonehenge ein „Observatorium“, mit dem das Stedelijk-Museum aktuelle Entwicklungen in der bildenden Kunst zeigen wollte: Die hatte sich vom Tafelbild verabschiedet und experimentellen Freiformen zugeneigt. Baute der Amerikaner in der dem Wasser abgetrotzten Erde eine archaische Zeiterfassungsanlage, schich­tete Robert Smithson, ebenfalls ein Minimalist, mit Steinen und Schotter im Großen Salzsee in Utah einen Damm auf: Die spiralförmige Mole, „Spiral Jetty“, wirkt noch mehr aus der Zeit gefallen und zugleich so sichtbar aus der Natur heraus entwickelt. Dieses Werk der Land-Art von 1970 existiert noch immer – meist von Wasser überspült, nur aus der Luft sichtbar, mitten im Nichts.

Frei von Zwängen des tradierten Materials oder Dramaturgie, abgehoben von der Zweidimensionalität, entstanden Kunstwerke mitten in der Natur, mitten im öffentlichen Raum. Nicht im privilegierten Sinne einer aristokratischen Gartenkunst, die Kunstwerke zwecks Repräsentation, Erbauung oder schlicht des Dekors wegen als Teil der Landschaftsarrangements sah. Hier wird das Objekt im Freien demokratisch, vermittelt unterschiedslos: Seht mich an, befühlt, besetzt, betretet mich.

Letzteres gilt für einige Figuren im „Giardino dei Tarocchi“ im toskanischen Capalbio tatsächlich. Niki de Saint Phalles Figuren aus kleinteilig verfliestem Spritzbeton sind mitunter so groß, dass der Besucher sie von innen betrachten kann (die Künstlerin hatte in den 1960er-Jahren einmal eine ihrer Riesenfrauen bewohnt). Ihr Gartenkunstwerk ist ein Kind der 1970er-Jahre: Ein originelles Ensemble aus kuriosen, freundlichen Figuren zwischen üppigen Pflanzen, jede einer Tarotkarte zugeordnet. Ungeachtet dessen, ob man den Geist der Ära mitdenkt oder nicht, wirkt das Ensemble einnehmend bis berauschend ob seiner Skurrilität, seines Humors und seiner Lebendigkeit. De Saint Phalle dachte hier gesamtkunstwerkhafte Ideen weiter, steht in der Tradition von Gaudis Parc Güell genauso wie in jener des grotesken historischen Gartens Sacro Bosco.

Freilichtmuseum und Skulpturenpark

Der Anspruch, nicht ein einzelnes Objekt an der Frischluft zu inszenieren, sondern sein Umfeld in einen gestalterischen Zusammenhang zu stellen, ist ein hehrer. Ein nahes Beispiel sind die Objekte, die sich bei längerer Wanderschaft durch den Schlosspark von Grafenegg entdecken lassen, Installationen auf Sichtachsen oder versteckt zwischen Blättern, dazu Architektur, die sich skulpturhaft einfügt, der „Wolkenturm“ und der kleine Pavillon „Wolke 7“. Schloss, Park, Konzertkulisse: alles über viele Jahre gewachsen.

Ein umfassendes Konzept erlebt der Kulturreisende in Japan: Auf Naoshima und weiteren kleinen Inseln wurden Museen errichtet, Kunstwerke und experimentelle Bauten in die Landschaft gepflanzt. Am Kai begrüßt ein Kürbis von Yayoi Kusama den Gast, ansteuern wird dieser das von Tadao Ando in den Boden versenkte Chichu-Museum auf dem höchsten Punkt der früheren Fischerinsel Naoshima. Man braucht Tage hier, um alles zu sehen.

Komprimierter erlebt der Besucher Plastisches im Österreichischen Skulpturenpark südlich von Graz. Auf dem Gelände der früheren Gartenschau und einer noch früheren Deponie verteilen sich an die 70 gewichtige Arbeiten: Kreuze von Yoko Ono („Painting to Hammer a Nail in/Cross Version“), ein Betonboot von Michael Schuster, ein fettes Auto von Erwin Wurm. Arbeiten, die die Leistungen vor allem des österreichischen Kunstbetriebs abbilden, von Boeck bis Zobernig. Die Objekte ordnen sich der Landschaftsarchitektur unter: Wäldchen, Lotos, Rosen komplettieren das Setting, das kein Indoor-Pendant braucht.

Und das in der Tradition vieler Skulpturenparks und Kunstpfade steht, die seit der Nachkriegsmoderne auf Brachen, Ufern, in urbanen Zwischenräumen, im Umkreis von Institutionen oder mitten im Gelände entstanden sind. Vor allem die botanische Ausstattung macht die Areale reizvoll: Das Spiel mit dem Gewachsenen, in das die Hand des Künstlers manchmal radikal eingreift, wie etwa Charles Jencks im großartigen Jupiter Artland nahe Edinborough. Oder die Erweiterung der Objekte durch einen bedeutenden Kulturbetrieb: Museen wie das Louisiana im dänischen Humlebæk verfügen über größere Skulpturengärten (siehe oben).

Begegnung

Ganz frei zugänglich wird Kunst oft im Stadtraum. In Wien ist es die Institution KÖR (Kunst im öffentlichen Raum), die Kunstwerke oft auch an kunstfernen Orten ermöglicht und Passanten Themen, Geschichten, Ideen mit auf den Weg gibt. Manche dieser über ganz Wien verstreuten Arbeiten sind temporär, manche bleibend. Vor allem dann, wenn das Kunstwerk seinen Ort erklärt und inhaltlich erweitert. Wer also heute durch den Aufgang der U2 in die Leopoldstadt geht, wird folgerichtig mit der Geschichte der früheren jüdischen Bewohner konfrontiert (Seite 34). Man kann weitergehen. Aber auch stehen bleiben, schauen, nachdenken. Kunstbetrachtung im öffentlichen Raum und an der frischen Luft steht jedem frei.

Im Freien

Land Art Flevoland: Von Weltrang. www.landartflevoland.nl

"Spiral Jetty": Land-Art-Ikone in Utah. Verwaltet von der Dia Art Foundation. www.diaart.org

Giardino dei Tarocchi: Niki de Saint Phalles Figurengarten. ilgiardinodeitarocchi.it/de

Naoshima: Kunst-Landschaft auf mehreren japanischen Inseln. benesse-artsite.jp/en

Österreichischer Skulpturenpark: bei Graz. www.museum-joanneum.at

Louisiana Museum of Modern Art: 35 Kilometer von Kopenhagen. www.louisiana.dk

KÖR: Kunst im öffentlichen Raum in Wien. www.koer.or.at

Grafenegg: Park, Schloss, Konzertgelände. www.grafenegg.com

Kunstpad an der Uni Ulm: www.uni-ulm.d

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