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Kärnten: Kasnudl, selbstgekrendelt

von Georg Weindl (Die Presse)

Nicht nur zuschauen und essen. Beim weltweit ersten Slow-Food-Travel-Angebot im Lesachtal und Gailtal rührt und kocht der Gast mit.

Die Kärtner Kasnudel / Bild: WOLFGANG HUMMER 

Sie könnten ganz entspannt in der Sonne liegen und die Gipfel der Gailtaler Alpen anschauen, sich auf ein Bankerl in der Sonne setzen oder über die steilen Almwiesen wandern. Was man eben so macht als Urlauber im Lesachtal, ganz im Westen von Kärnten. Aber jetzt stehen die Gäste mit der Bäuerin in der Kuchl, rühren die Milch, falten, nein: krendln die Kasnudeln und lassen sich einführen die Technik des Buttermachens. „24 Liter Milch brauch' ma für an Kilo Butter“, sagt die Bäuerin Elfriede Unterweger und hebt routiniert das fertige Produkt hinüber zum Tisch, wobei sie von den staunenden Blicken der Stadtmenschen begleitet wird. Der Jörgishof steht an einem besonders steilen Hang auf der Nordseite des Lesachtals auf 1350 Meter Höhe.

Von Liesing schraubt sich eine schmale Straße mit einigen engen Kurven hinauf nach Tscheltsch. So mag man sich den Urlaub beim Bergbauern vorstellen. Neun Kühe und zwei Schweinderl im Stall und eine Bäuerin, die den Überschuss an Bioheumilch flink zu Butter und Käse verarbeitet. Der Topfen wird mit Schnittlauch, Petersilie und Porree (Lauch) angerührt, Kräuter und Pfeffer dazugegeben, und dann landet er in Einmachgläser, fertig zum Verkauf. Heute hat Unterweger fleißige Helfer, die sichtlich motiviert sind. Mehr als sechs Leute passen nicht in die enge Kuchl. Aber das verleiht der Arbeit einen etwas privateren Charakter. Das Mitarbeiten gehört eigentlich nicht zum Repertoire der Urlaubsgäste. Aber heuer haben sie am Jörgishof ein neues Angebot im Programm. Eines, das sogar weltweit exklusiv ist.

Kulinarische Exkursionen

Als erste Region bieten das Lesach- und das Gailtal Slow Food Travel an. Gastronomische und kulinarische Exkursionen unter dem Titel der berühmten italienischen Genussinitiative, die sich seit Jahrzehnten als Gegenbewegung zum Fast Food weltweit etabliert hat. Das Neue an diesen Slow-Food-Reisen beziehungsweise -Exkursionen ist nun, dass der interessierte Feinspitz die Hersteller traditioneller und authentischer Lebensmittel besuchen und nicht nur verkosten, sondern auch aktiv mitmachen kann. Das ist die Idee von Slow Food Travel Alpe Adria Kärnten, wie es offiziell heißt. Dahinter steht eine Kooperation von Slow Food International und Kärnten. Gebucht werden können die Angebote über das Tourismusmarketing der Region Nassfeld, Lesachtal, Weissensee. Ein gutes Dutzend Produzenten hat sich zusammengefunden und bietet dabei Betriebsführungen, Kochkurse und die Mitarbeit bei der Herstellung an. Damit Teilnehmer das Besondere an traditionellen Lebensmitteln eigenhändig erfahren. Dass dabei das eine oder andere auch verkostet wird, versteht sich von selbst.

WOLFGANG HUMMER Brotbacken mit Rosa LenenrBrotbacken mit Rosa Lenenr / Bild: WOLFGANG HUMMER 

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Sepp Brandstätter aus Würmlach bei Kötschach-Mauthen liefert mit dem vor Kurzem fast ausgestorbenen Gailtaler Weißen Landmais einen wichtigen Rohstoff. Dieser landet dann in der Küche von Ingeborg und Gudrun Daberer im Gasthof Grünwald an der Hauptstraße in St. Daniel. Die beiden Schwestern sind die Nudelkoryphäen im Tal und versorgen die Gäste in einem dreistündigen Nudelworkshop mit vielen Informationen und Kalorien. Das Nudelpotenzial würde auch für einen Wochenkurs reichen. Die klassischen Kärntner Kasnudln sind logischerweise dabei, daneben Erdäpfelnudln, Kürbis-Almkäsnudln, Linsen-Specknudln und zum Dessert dann Marille-Safrannudln oder Kastanien-Orangennudln. Derart gestärkt, könnte der Slow Food Traveller dann einen längeren Spaziergang machen – etwa nach Dellach, wo Herbert Zwischenbrugger am Waldrand hinter dem Sportplatz seine Bienenvölker stationiert hat.

Gute 40 Völker mit 20 Millionen Bienen seien da zu Hause, erzählt er und führt seine Besucher auf einem Bienenlehrpfad durch seine Welt. Die Gruppe schreitet respektvoll und behutsam hinter Zwischenbrugger her, während etliche Bienen durch die Luft schwirren, woran sich die Gäste nur allmählich gewöhnen. „Wenn du jetzt keine hektischen Bewegungen machst, kann dir nix passieren“, sagt er, und es ist dann auch keiner gestochen worden. Im Hauptberuf ist der Bienenexperte Krankenpfleger, er war früher ein exzellenter Eishockeyspieler und widmet sich heute in der Freizeit ganz seinen Bienenvölkern.

WOLFGANG HUMMER Gailtaler SpeckGailtaler Speck / Bild: WOLFGANG HUMMER 

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Bier fürs Brot

Rund um Kötschach-Mauthen liegen etliche Slow-Food-Travel-Stationen, sodass man sich fast schon zu Fuß oder mit dem Rad auf den Weg machen könnte. Den Slow-Food-Tag beginnt man zum Beispiel beim Stiefelbäck in Kötschach. Der Bäckermeister Thomas Matitz bäckt hier das Natursauerteigbrot, wie es vor über 100 Jahren sein Urgroßvater gemacht hat. Hier kann man beim Vorbereiten der Teige die Teiglinge formen und beim Backen mitmachen, es gibt ein spezielles Slow-Food-Frühstück mit üppigem Sortiment an regionalen Zutaten, vom Butter über den Käse bis zum Speck, und dazu ein Baguette vom Gailtaler Weißen Landmais.
Eine andere Spezialität ist das Loncium-Baguette, das mit Braumalz gebacken wird, das ganz in der Nähe entsteht: Im Zentrum von Mauthen versteckt sich in einer alten Wirtshaus die Biermanufaktur Loncium, deren Kreationen mittlerweile in den Gasthöfen und Restaurants und den Geschäften im Tal gut etabliert sind. Zwölf Sorten haben die Gründer Klaus Feistritzer und Alois Planner im Angebot. Schwere Kost wie die Schwarze Gams, ein dunkles Bockbier, oder das Indian Pale Ale, aber auch Handsameres wie die Gailtaler Weisse oder das naturtrübe Helle.

Von der Brauerei geht man ein paar Schritte schräg über die Straße zu einem großen gelben Landhaus, in dem die bekannteste Protagonistin der Slow-Food-Travel-Initiative residiert. Die Haubenköchin Sissy Sonnleitner lädt zum halbtägigen Kochseminar, bei dem vieles aus dem Slow-Food-Sortiment in die Töpfe und Pfannen wandert und gemeinsam zu einem fünfgängigen Menü verarbeitet wird. Da wird dann Gemüse geputzt und geschnitten, wird der Fisch filetiert, das Fleisch portioniert und gebraten, das Dessert angerührt, und wenn die Teilnehmer nicht mehr weiter wissen oder das Timing arg in Bedrängnis gerät, dann ist die Köchin zur Stelle und bügelt die Fehler der Slow-Food-Gäste wieder aus. Ein paar Stunden später sitzen alle im Restaurant, wo die eigenen Werke aufgetischt werden. So schlecht waren wir ja gar nicht, ist dann die erlösende Erkenntnis. Der Weg zum Meisterkoch hat ja auch was von Slow Food. Vor allem slow.

Lebensmittelhandwerksreise

Slow Food Travel: Ausflüge zu Bauern, Köchen, Bäckern und Kräuterexperten, die gemeinsam mit ihren Besuchern den Ursprung wertvoller Lebensmittel wiederentdecken. Das Lesach- und Gailtal sind die weltweit erste „Slow Food Travel-Destination“. Es gibt 19 Erlebnisstationen (Butter, Honig. Speck, Erdäpfel, Bier...), zum Mittun. Prinzipien von Slow Food Travel sind Regionalität, Fairness, Nachhaltigkeit.

Infos & Buchung: www.slowfood.travel, T 04282/3131-0

Gebiet: Das Lesachtal und das Gailtal sind große, stille Wanderreviere. Im Süden lassen sich die Etappen des Karnischen Höhenwegs als ganzes oder einzeln absolvieren. Im Norden gilt das gleiche für den Gailtaler Höhenweg. Das Gebiet ist auch geologisch hoch interessant (Geopark Karnische Alpen).

Mehr zur Region: www.nlw.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.6.2017)

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