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Sitges: Paradies vor der Haustür

07.02.2013 | 16:56 |  von Renée Lugschitz (Die Presse - Schaufenster)

Im katalanischen Küstenstädtchen Sitges werden Lebensfreude und Liberalität seit jeher großgeschrieben. Daran kann auch keine Krise etwas ändern.

Wenn die Sardine zu Grabe getragen wird, ist das Schlimmste vorüber: eine Woche Karneval in Sitges. Dreihunderttausend Narren, das macht etwa zehn für jeden Einwohner, sprengen hier jedes Jahr die Grenzen der katalanischen Küstenstadt, räumliche wie sittliche. „Todo vale“, alles ist erlaubt, heißt das Motto bis zur traditionellen Fischeinäscherung am Aschermittwoch. Farbenprächtige, grelle Umzüge mit Dutzenden Karnevalskarossen und tausenden steilen Drag-Queens, aufreizenden Hexen und frivolen Faschingsprinzen ziehen durch die Altstadt und über die Uferpromenade, bevor die ausgelassenen Massen Bars und Disco-Pubs stürmen. An Schlaf, zumindest nachts, ist nicht zu denken. Und dieser Spaß ist weltberühmt: Sogar aus Hongkong reiste 2012 ein TV-Team an.

Das Motto Grenzenlosigkeit gilt leider auch für die Zimmerpreise. „Das sind total verrückte Tage. Kommen Sie besser ein anderes Mal“, empfiehlt der Rezeptionist erbleichten Touristen nach der Preisangabe fürs wirklich allerletzte Zimmer im Stadthotel. Der Mann hat recht: Um die Schönheit von Sitges zu erleben, ist jeder andere Zeitpunkt besser.

Stadtleben. In Sitges herrscht, im Gegensatz zu anderen Touristenorten in Nordspanien, das ganze Jahr über Leben. Nur 30 Autominuten von Barcelona entfernt, zwischen die Weingärten des Penédes und das Mittelmeer gezwängt, ist das alte Küstenstädtchen mit seinen vier Kilometern Sandstrand, seiner modernistischen Altstadt, den zahlreichen Galerien und den eleganten Geschäften Wochenendziel der Großstädter, Urlaubsort für Familien aus aller Welt und seit vielen Jahrzehnten eine europäische „Gay Capital“. Letzteres fällt auch nicht Eingeweihten sofort auf: Dessous-Geschäfte für Männer, Gay-Lokale und gleichgeschlechtliches Händchenhalten gehören zum Stadtleben. „Jeder hier hat einen Freund, einen Bekannten oder Verwandten, der homosexuell ist“, sagt die 25-jährige Studentin Elena ausländischen Freunden mit einem Selbstverständnis, das jede mögliche anzügliche Bemerkung peinlich erschienen ließe.

Sitges präsentiert sich gern als eine Stadt mit Freigeist. Damit passt es gut in die katalanische Tradition des Strebens nach Unabhängigkeit, vor allem vom ungeliebten Mutterland Kastilien. Doch Sitges hat nicht diesen Hautgout von nationalistischem Separatismus. Jedenfalls ist dieser Umstand auch den zahlreichen hetero- und homosexuellen Zuwanderern aus anderen Teilen Spaniens und der ganzen Welt zu verdanken. Schuld an der Popularität von Sitges ist Santiago Rusiñol. 1884 kam der Maler und Dichter erstmals nach Sitges, ein früher Tourist mit nicht viel mehr als Pinsel und Palette im Gepäck. So wie die Schmetterlinge zum Licht sei er nach Sitges gekommen, beschrieb der Künstler die Anziehungskraft, die das Fischerdorf auf ihn ausübte. Der Wein, die Küste, das Meer – einfach malerisch. Rusiñol kaufte zwei Häuser, ließ sie für sich und seine Kunstsammlung in den 1890er-Jahren zusammenlegen und umbauen. Mit der Cau Ferrat, heute ein Museum, begründete er nicht nur den Ruf von Sitges als Stadt der Künstler und des Modernismus, sondern auch als Hotspot des Eventtourismus. Dafür holte er sich einen alten Kollegen zu Hilfe, den Wahlspanier El Greco.

Künstlerzentrum. Wer heute neben dem Sandstrand über den Paseo Ribera von Sitges flaniert, könnte meinen, El Greco sei schon vor Rusiñol dort gewesen. Direkt an der Uferpromenade, inmitten von modernistischen Villen, liegt das Restaurant El Greco, eines der traditionsreichsten und noch immer eines der besten Häuser am Platz. Ein paar Minuten weiter Richtung Kirche blickt der griechische Maler aus dem 16./17. Jahrhundert von einem steinernen Sockel, eine viel auffälligere Figur als der bronzene Rusiñol, der unweit im Schatten seines Vorbilds steht. Doch der alte Meister war nie persönlich in Sitges. Es war Rusiñol, der ihn posthum hierher brachte und ihm zu neuer Popularität verhalf.

Santiago Rusiñol war um 1900 eine führende Figur in der jungen Bewegung des Modernismus. Kollegen wie Miguel Utrillo, Ignacio Zuloaga oder Ramón Casas folgten ihm nach Sitges. Die Cau Ferrat wurde zu einem Künstlerzentrum, die legendären Fiestas Modernistas rüttelten das Dorf aus seinem jahrhundertelangen Schlaf. Mit der dritten Fiesta Modernista hielt dann El Greco triumphal Einzug. Rusiñol hatte in Paris zwei Bilder des 1614 verstorbenen Malers erstanden.  In einer aufsehenerregenden Künstlerprozession brachten Rusiñol und Kollegen die Werke des Meisters vom Bahnhof in die Cau Ferrat. Doch der Modernist wollte seinem Idol auch ein öffentliches Denkmal setzen. Da es an Geld fehlte, startete der charismatische Rusiñol eine Sammelaktion unterm Volk, das bis dahin kaum etwas von El Greco gewusst hatte. Erfolgreich: 1897 erteilte die Bevölkerung von Sitges dem Bildhauer Josep Reynés den Auftrag für ihren El Greco, jenes Denkmal, das bis heute über die Uferpromenade wacht. Seit damals ist Sitges spezialisiert auf Spektakuläres. Aus der Provinz wurde Avantgarde, aus armen Fischern wurden wohlhabende Gastgeber. Man widmete sich den schönen Seiten des Lebens. Die Nähe zu Barcelona war dabei immer ein Vorteil. 1933, als in Spanien Arbeiteraufstände blutig niedergeschlagen wurden, empfing Sitges die schönsten „Misses“ aus ganz Europa und präsentierte stolz das moderne Stadtbad. Als zu Francos Zeiten der Karneval noch streng verboten war, genoss Sitges schon Narrenfreiheit. Der des Humors völlig unverdächtige Diktator ließ sich für die Stadt eine der wenigen Ausnahmegenehmigungen abringen. Und 1959 erfand die Stadt im verarmten Franco-Land die Oldtimer-Rallye Sitges-Barcelona, um das flaue Wintergeschäft zu beleben. Bis heute erfreut sich das Rennen großer Beliebtheit.

Symbiose. In Spanien wird ja generall an Festen nicht gespart. Selbst jetzt, in Krisenzeiten, wird jeder Heilige mit einem Feuerwerk bedacht, dass sparefrohen Europäern angst und bange wird. Und Sitges hat schon immer noch eines draufgesetzt. Mit seinen 28.000 Einwohnern hat die Stadt einen Festkalender, der auch einer Metropole gut anstehen würde. In Sitges, und eben nicht in Barcelona, findet etwa jedes Jahr das renommierteste Filmfestival Kataloniens statt. Zum 19. Mal steht heuer Mitte Juli das älteste Tangofestival Europas auf dem Sommerkalender. Kurz davor, von 5. bis 9. Juli, zieht die Gay-Parade durch die Straßen und ist für die Stadt eines der wichtigsten Events des Jahres.

Dieses aufgeschlossene Seite-an-Seite hat in der Stadt schon eine lange Tradition: Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließen wohlhabende Bürger Barcelonas ihre „irregeleiteten“ Söhne lieber in der Sommervilla im kleinen Sitges, wo es weit liberaler zuging als in der Großstadt und das auch genug Luxus bot, um den Ansprüchen der Bourgeoisie zu genügen. Zur Boheme war nämlich noch der Reichtum gestoßen: Ende des 19. Jahrhunderts waren viele Indianos nach Sitges zurückgekehrt. So hießen die Einwohner, die ausgewandert waren, um in Übersee, vor allem in der spanischen Kolonie Kuba, ihr Glück zu machen.
Der neue Reichtum, oft aus dem Sklavenhandel, musste zur Schau gestellt werden: Viele angesehene  Architekten dieser Epoche verwirklichten sich im Eklektizismus und tobten sich mit klassizistischen Türmchen, neogotischen Bögen, arabischer Dekoration und den typisch modernistischen Geländern aus. Und so ist es auch heute noch ein Vergnügen, auf Stilsuche durch die Stadt zu wandern, vom Uhrenhaus Casa Bartomeu Carbonell i Mussons, über das Hospital mit Kuppel bis zur Casa Isabel Ferret Martorell mit ihren neugotischen Fenstern an der Uferpromenade.

Freiheitsliebe. Für Generationen von katalanischen Jugendlichen des 20. Jahrhunderts war dieses lockere Städtchen „das nächstgelegene Paradies“, wie der Journalist Josep M. Sòria der Tageszeitung La Vanguardia aus eigener Erfahrung beschreibt. An der Freiheitsliebe von Sitges scheiterten nicht nur Diktator Franco und seine lebensfeindliche Politik, sondern auch unzählige konservative Eltern, deren Vorstellungen von eiserner Disziplin vom lauen Sommerlüftchen davongetragen wurden. Hier sei es für Heranwachsende auch schon vor Jahrzehnten möglich gewesen, so Journalist Sòria, Baden mit Flanieren nachmittags und Fiestas der Nacht zu verbinden. Ein Symbol für den besonderen Geist von Sitges ist heute das Hotel Liberty. Das eben renovierte, modernistische Haus mitten in der Stadt richtet sein Angebot vor allem an männliche Paare. Die Adresse: Calle Illa de Cuba.

Die Freiheit, die Sitges meint, ist vor allem jene, selbst über sich bestimmen zu können. So nimmt es auch nicht Wunder, dass eine Auswandererfamilie aus Sitges eine große Rolle im kubanischen Unabhängigkeitskampf spielte, weniger auf dem Schlachtfeld als, ihrer Herkunft treu, bei der Feier danach. Die Familie Bacardí schuf nicht nur den bekanntesten Rum, sondern auch den Drink dazu, den Cuba Libre. Vor wenigen Jahren sind die Bacardís in die Heimat zurückgekehrt und erzählen von Rum und Ruhm in der Casa Bacardí, Verkostung inbegriffen.

TIPPS
Schlafen: Zahlreiche gute Hotels jeder Kategorie. Auf der Strandpromenade liegt das renommierte Hotel Calípolis, Zimmer mit Meerblick empfehlenswert. Das neue, cool designte Hotel Alenti mit seiner Tapas-Bar liegt im Zentrum.
www.hotelcalipolis.com
www.hotelalenti.com


Museu Cau Ferrat: Calle Fonollar, s/n. Zurzeit wegen Renovierung geschlossen. Eine Auswahl der wichtigsten Werke der Cau Ferrat ist während der Schließzeit im in derselben Straße gelegenen Edifio Miramar zu besichtigen. Ausstellung: L’art modern. Obres mestres. (Moderne Kunst. Meisterwerke.)
www.museusdesitges.com

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