Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren

Athen: Moderne Antike

30.03.2017 | 15:41 |  Martin Swoboda (Die Presse - Schaufenster)

Zeitgenössische Kunst und neue Museen verdichten den Fahrplan eines vorösterlichen Citytrips nach Athen.

Bild: (c) Homolka 

Am 8. April ist es so weit, die Kunstwelt blickt nach Hellas, die Documenta-Stadt Kassel nach Athen. Diesmal wollen die Deutschen aber nicht sicherstellen, dass die Griechen ihre Hausaufgaben machen, wie es immer wieder heißt, sondern der künstlerische Austausch erfolgt unter dem Titel "Learning from Athens". Neugier soll also an die Stelle von Belehrungen treten. Da trifft sich es gut, dass gleichzeitig das Osterfest ins Haus steht und ganz Griechenland sein soziales Leben wieder nach draußen verlegt. Selbst in Athen wird das Osterlamm gern im Freien gegrillt, durchaus gleich vor der Haustür auf dem Trottoir. Besorgt wird es stets beim befreundeten Chasapis, dem Schlachter. Etliche von denen bieten ihre Ware lautstark in der Kreatagora feil, dem Fleischmarkt in der historischen Markthalle an der Athinasstraße, die vom zentralen Omonia-Platz nach Monastiraki führt, den Blick stets auf die Akropolis gerichtet. Seit der Antike wurde genau hier Handel getrieben, noch heute bilden Geschäfte mit ähnlichen Angeboten Cluster. In einer Seitengasse quellen bunte Plastik- und Blechgefäße aus den Portalen, in der nächsten findet man alles, was zur Elektrifizierung des trauten Heims nötig erscheint, die Gewürzgasse findet man mit geschlossenen Augen. Und in Psirri, dem nach den dort angeblich allgegenwärtig gewesenen Läusen benannten Schneidereibezirk, hört man die letzten Nähmaschinen rattern.

Die Kreativen ziehen um die Ecke. Längst hat sich Psirri zum Ausgehviertel gewandelt, erst bezogen Kreative die einstigen Lofts, Tavernen und Bars folgten. Das Nachtgeschäft ist auch schon länger in der Gegend zu Hause, Generationen von jungen Griechen wurden hier zu Männern. Die steigenden Mieten haben Ateliers den Garaus gemacht, kein Problem, einen Steinwurf weiter wartete Kerameikos, die nächste heruntergekommene Ecke, die es zu beleben galt. An der Piräus-Straße, die seit zweieinhalb Jahrtausenden die Stadt mit dem Hafen verbindet, hat man Mitte des 19. Jahrhunderts das städtische Gaswerk errichtet, die Speicher sind weithin sichtbar. Heutzutage weisen sie den Weg nach Technopolis, einem lebendigen kommunalen Kulturzentrum, das die Gebäude für Konzerte und Ausstellungen nutzt.

Hat man das Gaswerk seinerzeit am Stadtrand angesiedelt, liegt es heute quasi mitten in der Stadt. Steht man davor, blickt man auf die nahe Akropolis, die Propyläen erheben sich über den Areopag, eine anlässlich der Olympischen Spiele 2004 angelegte Fußgängerzone führt direkt zur Agora. Man könnte aber auch rechts hinunter die Piräus-Straße spazieren, zum modernen Ableger des Benaki-Museums, dem Kentro Athinon oder ins Pantheon-Theater. Oder links hinauf, sich im Bios einen Drink und eine Performance gönnen und weiter am Nationaltheater vorbei über den Omonia-Platz zum Archäologischen Nationalmuseum pilgern. Dort erweist man Exponaten ersten europäischen Kulturschaffens seine Reverenz, bevor man nebenan das Polytechneion in Augenschein nimmt, jene Hochschule, welcher Griechen ebenfalls gern historische Bedeutung zubilligen. Hierher hatten sich am 17. November 1973 Demonstranten gegen die Militärdiktatur geflüchtet, bei der Erstürmung kamen mindestens 23 Menschen ums Leben. Was wenigstens das Ende der Junta und wieder einmal den Beginn eines freien Griechenland einläutete.

(c) Stephie Grapes Kontemporär. Das EMST ist der Ort für modernde Kunst. Die Antike bleibt immer im Blickfeld.(c) Stephie Grapes Kontemporär. Das EMST ist der Ort für modernde Kunst. Die Antike bleibt immer im Blickfeld.

Anarchia als Folklore. Das Datum wird jährlich gewürdigt, teils feierlich, teils aktionistisch-revolutionär. Exarchia, die Gegend hinter der Uni, ist immer noch studentisch dominiert, die Analogie zur Anarchia wird geradezu folkloristisch gelebt. Und als anlässlich der gegen Griechenland verhängten Austeritätspolitik die Fernsehsender aus aller Welt spektakuläre Bilder benötigten, besann man sich alter Seilschaften, rasch brannten Mülleimer und Bankfassaden, die gewünschten Negativschlagzeilen waren geliefert. Schlendert man allerdings unvoreingenommen durch die engen Gassen unterhalb des Strefi-Hügels, bietet sich ein überraschend anderes Bild. Hinter von bunten Graffiti geschmückten Mauern lauern hauptsächlich kleine Boutiquen, Kunstgewerbeshops, Galerien, Bars und Tavernen. Angst muss man nur davor haben, ihnen bis in die frühen Morgenstunden zum Opfer zu fallen. Tritt man dann beispielsweise Samstagfrüh hinaus ins grelle Tageslicht, kommt man gar nicht umhin, lautem Geschrei auf den Grund zu gehen. Reife Tomaten und frischer Fisch werden auf dem Laiko angepriesen auf dem Wochenmarkt auf der Kallidrommiou-Straße zeigt sich Athen charmant dörflich.

Nur, um ein paar Häuserblocks weiter gleich ganz andere Saiten aufzuziehen: Willkommen in Kolonaki, dem bürgerlichen Herzen von Athen, wo die echten Einheimischen wohnen! Ihrem Selbstverständnis nach handelt es sich dabei nur um ein paar Zehntausend Alteingesessene, die restlichen drei bis vier Millionen sind ja im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts eingewandert, von den Inseln oder aus Kleinasien. Ein Abstecher auf den Lykavettos mit seinem Rundumblick auf die Stadt lässt erahnen, dass die nicht alle hier geboren worden sein können. Von hoch oben kann man die Unterschiede der sozialen Struktur Athens erkennen, den ganzen Nuancenreichtum der Stadt kann man sich aber nur erwandern. Ist es in Exarchia die Mischung von ordentlichem Kleinbürgertum und anarchistischer Studentesca, die friedlich nebeneinander lebt, stechen in Kolonaki exklusive Kraftfahrzeuge, repräsentative Wohnhäuser und edle Boutiquen ins Auge, Paris ist auch nicht eleganter.

Aber bei Weitem nicht so hügelig! Um Athen wirklich zu ergehen, ist gutes Schuhwerk angeraten, wer keines im Gepäck hat, muss nicht verzweifeln. Durchaus seriösen Statistiken zufolge weist die Stadt die höchste Dichte an einschlägigen Geschäften auf. In der zentralen Einkaufsstraße Ermou sowieso, aber auch rund um die Plateia Kolonakiou herrscht kein Mangel. Die Plateia, der Platz, ist übrigens das Zentrum jedes der unzähligen Viertel Athens, die vor hundert Jahren noch eigenständige Dörfer waren. Bis heute hat Athen quasi drei Dutzend Bürgermeister, dementsprechend wichtig sind die Plateias, auf denen sich das Volk trifft, diskutiert, politisiert und Geschäfte macht. Mit Vorliebe bei einem Kaffee, muss kein griechischer sein, auch ein Cappuccino geht, am besten als Freddo, kalt und köstlich, besonders wenn es endlich wieder nicht mehr kalt wir würden wohl sagen: richtig heiß ist. Dann suchen die Athener den Schatten, in ihrem Lieblingscaf oder -Kafeneion, auch auf der Plateia Kolonakiou gibt es deren einige, jede Gesinnungsgenossenschaft hat ihr Stammlokal. Samstagmorgen schaut auch schon einmal der Herr Minister persönlich nach dem Rechten, ein Schauspiel wie damals unter Perikles sollte man sich nicht entgehen lassen.

Genau so wenig wie ein paar der Museen, die man von hier leicht erreicht, quasi im Vorübergehen, sogar in den neuen Schuhen es geht ja nur mehr bergab. Na gut, fast, zum Akropolis-Museum muss man doch noch einmal hinauf, die restlichen sind über die Kalliroi-Straße zu erreichen, und die macht ihrem Namen alle Ehre. Die mythologische Kallirrho war, je nach Überlieferung, die Tochter einer Reihe von Flussgöttern, darunter Mäander, ihr Name bedeutet die Schönfließende, und also folgen wir ihr passenderweise zum EMST. Das nun endlich operative Museum Zeitgenössischer Kunst hat seine Heimstatt in der alten Fix-Brauerei gefunden, nach der Eröffnung der permanenten Ausstellungsfläche im Souterrain folgen heuer auch die restlichen Etagen, sie werden standesgemäß von der Documenta für Ausstellungen und Symposien genutzt.

(c) Nicholas Mastoras Illuminiert. Das Onassis Cultural Center spielt fast alles: Theater, Tanz, Musik, Design.(c) Nicholas Mastoras Illuminiert. Das Onassis Cultural Center spielt fast alles: Theater, Tanz, Musik, Design.

Kunst hinter Akronymen. Auch das Dach wird wieder bespielt, schon vergangenen Sommer war es der Platz, an dem man sich dem Kunstgenuss hingeben musste, im Sonnenuntergang, die Akropolis unmittelbar vor der Nase. Abgehoben zwischen zwei der hektischsten Verkehrsarterien der Stadt kann man sich dem überwältigenden Panorama hingeben, alle Klassiker sieht man von hier ganz deutlich, versteht, warum genau hier der Nabel der Welt lag. Von drei einst bewaldeten Gebirgszügen geschützt gegen Einfälle vom Land, offen zum Meer an der vierten Seite mit der festungsartigen Halbinsel von Piräus als Brückenkopf. Entlang des Syngrou-Boulevards, den man von hier hinunterblickt, ist in den vergangenen Jahren eine veritable Kulturmeile entstanden. Neben dem EMST sind es vor allem das STEGI im Onassis Center und das gerade erst fertiggestellte SNFCC, die Athen zum Must für Kunstinteressierte machen.

Letzteres Akronym steht für Stavros Niarchos Foundation Cultural Center, es wird neben der Nationalbibliothek auch die Griechische Staatsoper beherbergen, das von Renzo Piano entworfene Gebäude ist nicht nur schon von Weitem unübersehbar, es bringt die Stadt auch erstmals seit Ewigkeiten wieder direkt ans Meer. Vom Caf in gut 30 Metern Höhe hat man einen fantastischen Ausblick auf den Saronischen Golf, von fern grüßen die Gipfel des Peloponnes, die Inseln dazwischen scheinen im Meer zu treiben. Schiffe jeden Kalibers streben ihnen hektisch zu, kein Wunder, denn um Ostern treibt es die Athener geradezu magisch aus der Stadt. Aufs Meer, in die Dörfer, auf die Inseln, das Wunder der Auferstehung lässt sich dort halt doch viel schöner nachvollziehen. Und die Stadt bleibt dem Besucher.

Info

1 & 2. Anis, der typische Geschmack: Mastix im Drink, Ouzo im Zuckerl

Hinkommen. Mit Aegean ab Wien, ab 64 €, www.aegeanair.com

Schlafen. New Hotel: raffiniertes Design am Fuß der Akropolis, Zimmer ab 131 €, www.yeshotels.gr/hotel/new-hotel

Wyndham Grande: hinter Kerameikos, nah der In- Szene, DZ ab 108 €, www.wyndhamgrandathens.com

Hotel Orion: Hoch auf dem Streffi-Hügel, Traumblick, ab 50 € die Nacht, www.orion-dryades.com

Anschauen. Stavros Niarchos Foundation Cultural Center, www.snfcc.org

National Museum of Contemporary Arts, www.emst.gr

Akropolis-Museum, www.theacropolismuseum.gr

Onassis Cultural Center, www.sgt.gr

Documenta 14, www.documenta14.de

Essen. Atlantikos, kreative Fischtaverne, unglaublich frisch und günstig; Avliton 7, Psirri Sushimou: unter den Top-100- Restaurants der Welt, Skoufon 6, Syntagma Barbaiannis: typisches Beisel am Eck, attischer Braten! 94 Em. Benaki, Exarcheia

 

 

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Artikel drucken Artikel versenden Artikel kommentieren Facebook Twitter Pinterest
Meistgelesen
    Als Gast kommentieren

    ...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

    *... Pflichtfelder

    Sicherheitscode

    >>>
    Schwer lesbar? Neuen Code generieren

    Verbleibende Zeichen

    Lesen Sie mehr

    • Norwegen: Im Weißraum

      Skandinavische Winter sind sportlich. Dazu reicht schon ein kleineres Skigebiet: Hovden, das größte im Süden Norwegens.
    • Amanshausers Album: Meeresluft

      34 - Fischmenü neu? Früher standen Aquarien in Lokalen. Heute stehen bereits Lokale in Aquarien.
    • Amsterdam: Himmelsschaukel für zwei

      Die Hauptstadt ist witzig und heiter, kreativ und offen für Neues. Amsterdam macht gute Laune.