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Schweiz: Viersprachig in Millionen Umdrehungen

16.06.2017 | 15:58 |  von Martin Swoboda (Die Presse)

Die Grand Tour of Switzerland ganz oder in Etappen: Die Autobahn bleibt meist außen vor, es geht auf die Landstraße, den Passübergang und die Alternative auf Schienen.

Ein Road Trip, bei dem man fast die ganze Schweiz entdeckt. / Bild: Reuters 

Die Schweiz mag ja ein kleines Land sein, flächenmäßig, verdient aber auf jeden Fall die Bezeichnung Grand Tour für das spektakulärste Angebot der Eidgenössischen Tourismusorganisation. Es ist tatsächlich eine große Tour, einmal rund ums ganze Land, immer innen an den malerischsten Bergketten entlang, über Berg und Tal, meist aber eher Berg. Und jeden Tag antworten die Menschen, die man nach dem Weg fragt, in anderen Idiomen – manchmal durchaus verständlich, schließlich verstehen viele Reisende Italienisch oder Französisch, beim Rätoromanischen tun sich oft schon Mitmenschen aus dem nächsten Tal mit dem Dialekt hinter der Passhöhe schwer. Besonders interessant wird es beim Schweizerdeutsch. Dem Österreicher, so er noch vor der Zeit der vereinheitlichten Synchronsprache sozialisiert wurde, sollten die kleinen Eigenarten eigentlich keine Probleme bereiten. Im Gegenteil, man lernt immer wieder neue Verben kennen, mit denen man seinen eigenen Wortschatz bereichern kann. Eines der Souvenirs übrigens, die nicht nur werthaltig, sondern darüber hinaus sogar noch gratis sind.

Pinots unter Steilwänden

Immer wieder kann man ein neues Wort mitbringen, auch abseits der üblichen Verdächtigen, Chääs und Schoggi. „Währschaft“ heißt eines, hat aber gar nichts mit der Neutralität oder Schweizer Garden zu tun, viel jedoch mit den kulinarischen Genüssen, mit denen etwa das Appenzellerland aufwarten kann. Und diese sind, nein, nicht etwa reichhaltig oder schwer, sondern eben „währschaft“. So wie der Doppelkanton aus Innerrhoden und Ausserrhoden selbst übrigens auch, wenn man den Begriff nach ausgedehnterer Fasson verwendet.

Versucht man sich vom Rheintal aus den Appenzellern zu nähern, etwa vom Schloss Brandis kommend, wo im Schatten hoher Steinwände in Maienfeld fantastische Pinots gedeihen, versperrt erst einmal ein Bergmassiv den Zugang. Hat man das erste Hindernis überwunden und ist in die Heimat des Überskifliegers Simon Amann vorgedrungen, ist man noch lange nicht am Ziel: Wie durch einen Siphon geht es um den Säntis, den Huusberg der Appenzeller und Sankt Galler.

Fast wie im Freilichtmuseum

Hat man die Schwägalp überwunden, breitet sich eine hügelige Wiesenlandschaft aus, bis fast zum Bodensee hinunter – ein augenscheinliches Paradies für alpines Braunvieh, zufrieden wiederkäuend schmückt es die Landschaft. Wenn der Euter voll und der Abend nahe ist, kommt der Bauer, bringt die Milch in der Kühle der Nacht zum Senner. Der daraus resultierende Appenzeller unterliegt einem strengen Reglement, bringt dafür aber auch verlässlich Franken ins Haus. Was man den Bauernhäusern ansieht, eines schöner als das nächste – vielleicht heben sie hier auch eine lachhaft hohe Steuer auf Plastikfenster und Verputz in Leuchtfarben ein, in Österreich schaut so bestenfalls ein Freiluftmuseum aus. Und auf den Wiesen blüht nicht nur mehr Löwenzahn, weil die Milchkuh auf ausgewogene Ernährung steht. Der Senner erst recht, denn nur so funktioniert die Käswerdung ohne Gärung – also hält man sich beim Düngen zurück, was die Kräutervielfalt begünstigt und ein unvergleichliches Geschmackserlebnis ergibt.

Das üppige Grün ist natürlich auch der Nordstaulage geschuldet – ein Begriff der jenen Glücklichen, die die Grand Tour sinnvollerweise auf zwei Rädern in Angriff genommen haben, schon einmal Sorgenfalten in die Stirn schreiben kann. Sollte man das schlimme Wort aber morgens in den Nachrichten hören, muss man sich in der Schweiz aber auch nicht grämen: Die Alternative heißt sputen, am Besten gleich quer durch den Alpenhauptkamm. So ist man in etwa einer Stunde von Chur aus auf der anderen Seite der Berge, an denen sich die Wolken stauen. Je nach Wetterlage zielt man etwa weiter nach Süden ins mediterrane Tessin oder rechts hinunter gen Westen zu den Wallisern, die es an den Hängen des Tals des Rottens blendend verstehen, so ziemlich alles gedeihen zu lassen, was man mitten im Hochgebirge eher nicht erwarten würde. So versorgt der fruchtbare Talboden die Eidgenossen mit Äpfeln. Oben an den Hängen gedeihen auf teilweise abenteuerlich ausgesetzten Rieden immer noch alte Rebsorten wie Amigne, Humagne und Resi, tun sich aber zusehends schwer gegen leichter zu vermarktende Sorten.

Ein Problem, über das die Einwohnern des kleinen Ortes Mund 500 Meter über dem Fluss am Nordhang des Lötschbergs nur schmunzeln können, ihre Jahresproduktion von eineinhalb bis zwei Kilo wird ihnen aus den Händen gerissen, dementsprechend stabil sind auch die erzielbaren Preise. Das funktioniert natürlich nur mit dem richtigen Produkt: Die mühsam aus den Blüten des Crocus sativus gezupften Griffel bringen in guten Jahren durchaus 18 Euro, wenn die Qualität stimmt, pro Gramm, wohlgemerkt!

Walser Siedlungsraum

Die Einwohner des malerischen Dorfes, dessen Name auf das frankoprovenzalische Munt, also Berg, zurückgeht, nennen den Fluss zu ihren Füßen übrigens auch bei seinem walserdeutschen Namen Rottu. Weiter unten, wo man sich relativ problemlos auf Französisch verständigt, heißt er dann endlich le Rhône, den kennt man ja. Was die Sprachen anbelangt, haben sich hier, wo sich alle Kulturen nahekommen, einige interessante Inseln gebildet. Wobei als Insulaner durchwegs Deutschsprachige auftreten, zumeist der Subspecies Homo Walser, der sich offensichtlich dem unwegsamen Gebirgsgelände besonders gut angepasst hat. Sieht man sich eine Karte über die Ausbreitung dieser alemannischen Volksgruppe anlässlich ihrer Einwanderung vor 1000 Jahren an, könnte man meinen, sie wären allesamt als Seilbahnmonteure eingewandert, so sehr überlappen sich Walser Siedlungsraum und die Gegenden intensiver Skiwirtschaft. Naheliegender ist natürlich die Viehwirtschaft – es sieht ganz so aus, als hätten die Walser Mittel und Wege gefunden, ihre Herden auch dort noch über die Runden zu bringen, wo sich die romanischen Feinde nicht hinwagten.

Viertausender im Blick

Wohl deshalb trägt auch das Monte-Rosa-Massiv einen italienischen Namen, jeder einzelne Gipfel hingegen einen deutschen. Dementsprechend heißt jene Straße, die vom italienischen Alagna in die Berge führt, dann auch Walser Stross, und man gelangt, wenn man ihr folgt, tatsächlich ins Wallis, sollte allerdings gut zu Fuß und schwindelfrei sein. Die Dufourspitze dient als Orientierung, dahinter, in Zermatt, dürfte man sein Motorrad ohnehin nicht nutzen. Gerade in der Schweiz muss man das auch nicht unbedingt, mindestens genau so malerisch wie die Passstraßen verlaufen die Bahntrassen: Der Glacier-Express verbindet ganz kommod Zermatt unter dem Matterhorn mit Sankt Moritz, Blick auf den Rhonegletscher und die Furkaunterquerung inklusive.

Man spricht Rätoromanisch

Unter Dreitausendern hindurch geht es, wenn man in Andermatt Richtung italienische Schweiz umsteigt. Aber nicht ganz: Weit hinten in einem schwer zugänglichen Bergtal hat sich ein Rest höchstalemannischer Zivilisation eingenistet. Und zwar im 13. Jahrhundert auf Einladung der lombardischen Herrscher, um die Alp ad Buschum zu besiedeln, denn den Südländern war's da oben nicht ganz geheuer. Keine hundert Jahre später hatten die fleißigen Walser das Land beinahe zur Gänze käuflich erstanden und lebten de facto unabhängig, wenn auch nicht auf großem Fuß.
Bis in die 1970er-Jahre lag der Anteil der Deutschsprachigen bei 90 Prozent, mittlerweile stellen sie nur mehr knapp die Hälfte, dafür ist der Anteil der Rätoromanisch Sprechenden mit zehn Prozent der höchste außerhalb Graubündens. In absoluten Zahlen sind das dann sieben Personen, also dreimal so viele, wie sich als reformierte Christen deklarieren: Die Mehrheit geht in die den Heiligen Jakob und Christoph geweihte katholische Kirche im höchst gelegenen Dorf des Tessins. 700 Jahre gibt es sie schon, genau so lange wie die Walser hier sind, während das Italienische sich eher weiter unten durchgesetzt hat.

Wie etwa am Lago Maggiore, verständlich, das passt viel besser zu bella vita. Und nach Italien kann man mit dem Schiff reisen. Wird man im Zuge der Grand Tour vielleicht auch machen, aber erst, nachdem man den Blick auf den See vom Balkon des Hotel Belvedere ausreichend genossen hat, die Schweiz im Rücken, die Sonne im Gesicht. Wobei: wozu eigentlich? Bei der Vielfalt der Eidgenossen erübrigt sich ein Grenzübertritt eigentlich.

Grand Tour of Switzerland

Ein Road Trip, bei dem man fast die ganze Schweiz entdeckt. Über 1600 Kilometer führt die spektakuläre Route über fünf berühmte Alpenpässe, entlang 22 malerischer Seen, durch alle vier Sprach- und Kulturräume, zu allen zwölf Unesco Welterbestätten und durch zwei Unesco Biosphären.

Alle Infos, Roadbook, Hoteltipps (auch die vom Autor genossenen Hotels Sorell Tamina, Bellevedere Locarno, Hotel Gruyère und Schweizer Hof Luzern). MySwitzerland.com/grandtour

Unterwegs: Wer nicht mit dem eigenen Motorrad fahren will: Partner der Grand Tour ist Harley-Davidson Schweiz, hat spezielle Mietangebote und organisierte Touren: www.harley-davidson.com

Auch Edelweiss Bike Travel bietet sich an, der österreichische Anbieter hat sogar das Road Book entwickelt, East wie West Loop dauern acht Tage, www.edelweissbike.com

Anreise: Üer Flug oder Bahn, swiss.com, oebb.at und im Land sbb.ch, mit dem Swiss Travel System gibt es zudem die Möglichkeit, nur Teilstrecken mit dem Bike oder verschneite Pässe zu unterfahren. Mehr auf: www.swiss-pass.ch
 

Compliance-Hinweis: Die Reise wurde von Schweiz Tourismus unterstützt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.6.2017)

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