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Prag, ein Mysterium

29.06.2017 | 08:54 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Die Stadt mit Millionen Legenden lebt von der Moldau, und man könnte nachzählen, wie viele Kaiser dort begraben liegen.

Wasserweg. Die Moldau: Bedřich Smetanas musikalisches Denkmal. / Bild: (c) Prague City Tourism_www.prague.eu 

Am Grunde der Moldau wandern die Steine“, dichtete Bertolt Brecht, „es liegen drei Kaiser begraben in Prag.“ Aber auch auf der Oberfläche der Moldau (tschechisch „Vltava“ mit der etymologischen Bedeutung „wildes Wasser“) tut sich im Abendlicht etwas. Hunderte weiße Schwäne haben sich unter der Mánesův Most, der Manes-Brücke, versammelt. Sie bilden einen Schwarm in einer Form, wie man ihn von Zugvögeln kennt. Niemand auf der Brücke kann sich der zauberhaften Bewegung Hunderter weißer Riesen entziehen. Der Schwanenzug, das ist eines der Mysterien Prags. Gebannt starren die Menschen in die kalte Feuchtigkeit. Aus dem großen Dreieck von Schwänen löst sich ein Teil, bis zwei getrennte Schwärme majestätisch in unterschiedliche Richtungen ziehen – mag sein zum Abendessen, Spekacky-Würste oder Svickova, böhmischer Rindslendenbraten?

„Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine“, setzte Brecht das Lied mit unüberhörbarem Bezug zur NS-Besatzung fort, „die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“ Hinter dem Schwäneschwarm liegt das Ufer im gelben Rauch. Da beginnt die Josefstadt, jüdisches Viertel, im 19. Jahrhundert niedergerissen und rings um den Alten Jüdischen Friedhof in Jugendstil neu errichtet. In Schichten sollen da bis zu 200.000 Menschen liegen, unter ihnen Rabbi Löw, der laut Legende den Golem auf dem Dachboden versteckt haben soll, sein menschenähnliches Lehmwesen.

(c) Prague City Tourism_www.prague.eu Schaustrecke. Tipp: Antizyklisch über die Karlsbrücke, um den  Touristenmassen auszuweichen. Schaustrecke. Tipp: Antizyklisch über die Karlsbrücke, um den Touristenmassen auszuweichen. / Bild: (c) Prague City Tourism_www.prague.eu 

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Zwei Lokalmatadore. Vor dem Rudolfinum steht eine dunkelbronzene Statue von drei Metern Höhe: ein Politikum? Die Werke von Antonín Dvořák (1841–1904) wurden gegenüber uraufgeführt. 1949 war ihm ein Denkmal erbaut worden, es wurde aber erst nach über 50-jähriger Wegperrung enthüllt, im Juni 2000. Wettbewerbsnachteil: Dvořák hatte sich drei Jahre lang als Direktor des National Conservatory of Music in New York beim zukünftigen Klassenfeind aufgehalten.

Der unter kommunistischen Herrschern beliebtere Bierbrauersohn Bedřich Smetana (1824–1884), der lediglich in Göteborg dirigiert hatte, sitzt als Statue derweil seit über 30 Jahren am Novotný-Steg. Im Sommer überwuchert ihn eine Trauerweide, was Regimekritiker mit Schmunzeln registrierten. Im Winter hat der Smetana freien Blick auf den Fluss, den er in der sinfonischen Dichtung „Die Moldau“ im wahrsten Sinn des Wortes bespielt hat. Die junge Kapitänin des Ausflugsschiffs legt zur Untermalung ein paar Takte auf. „Was gefällt Ihnen persönlich mehr, Frau Kapitän, Smetana oder Dvořák?“ Gleich beginnen ihre Augen zu glänzen: „Smetana, of course!“ (Heißt jetzt aber nicht, dass die Kommunisten wieder regieren.) Sie hält sein Foto aus dem Jahr 1898 in die Höhe, darauf eine rings um die Karlsbrücke eingefrorene Moldau. Heute unterschreitet das Wasser durch den Dammbau niemals vier Grad, im Sommer ist der Fluss dafür unbequem kalt. Die Eisbrecher stehen eislos vor den Brückenpfeilern.

Zuerst hieß die sie Stein-, dann Prager Brücke. Der Gründer, der allgegenwärtige Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Karl IV. (1316–1378), setzte sich erst vor 150 Jahren als Namenspatron durch. Erbaut war die Karlsbrücke aus Sandsteinblöcken mit 16 Pfeilern, und sie ersetzte, als ihr Bau 45 Jahre nach Grundsteinlegung 1357 abgeschlossen war, die durch das epochale Magdalenenhochwasser wenig später zerstörte Judithbrücke. Die Jesuiten förderten später den Skulpturenbau, dreißig von ihnen mit 58 Statuen (heute aus Sicherheitsgründen meist Kopien) recken sich in den Himmel, welche den katholischen Glauben im protestantischen Böhmen stärken sollten.

(c) Prague City Tourism_www.prague.eu Wahrzeichen. Die Teynkirche am Altstädter Ring, eines der bekanntesten Gebäude Prags.Wahrzeichen. Die Teynkirche am Altstädter Ring, eines der bekanntesten Gebäude Prags. / Bild: (c) Prague City Tourism_www.prague.eu 

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Nebelschwaden. Die Karlsbrücke soll man in den Morgenstunden aufsuchen, sagen zumindest gelernte Prager, wenn manchmal noch Nebelschwaden aus dem Fluss aufsteigen, wenn sie auf ihren 516 Metern mystisch wirkt und ruhig. Allerdings verpasst man die Öffnungszeiten des Karlsbrücken-Museums, durch das Lucie Turnerová mit Esprit führt, Karl IV. erklärend. Dieser entschlossene Kaiser, dem eine Ehefrau nach der anderen wegstarb, nahm persönlich an Kämpfen teil, verschwand zweimal nach schweren Verwundungen monatelang von der Bildfläche, doch ließ er sich 64 Jahre lang nicht unterkriegen. Als Statue vor seinem Museum blickt Karl drein wie immer: nicht besonders begeistert. Vielleicht denkt er an seine glücklosen Söhne. Aus der dritten von vier Ehen stammte der alkoholaffine Wenzel IV. Der bemühte sich nie um die Kaiserkrone, als böhmischer König unbeliebt, wurde er mehrfach verhaftet oder festgesetzt. Auch verantwortete er die Tötung des späteren Märtyrers Generalvikar Johannes Nepomuk durch mutmaßliche Folterüberschreitung. Laut Legende gab dieser Kleriker die Beichtgeheimnisse von Wenzels Gattin nicht preis, in Wahrheit wurde er Opfer einer politischen Intrige zwischen Kirche und Staat.

Der Ertrunkene laborierte sogleich an fünf glitzernden Sternen um den Kopf, „eines der benötigten Wunder“, so Lucie Turnerová, „die zur Heiligsprechung führten“, über 350 Jahre später. Man brauchte damals, um den Zulauf zu Jan Hus (1370–1415) einzudämmen, dringend katholische Helden. Die Strahlkraft Johannes Nepomuks ließ die Prager nie mehr los, seine Figur war auch die erste auf der Brücke. Gegenwärtig finden sich jährlich am 15. Mai zur Navalisfest-Regatta (Svatojánské navalis) zur Ehre von Johannes Nepomuk sogar die venezianischen Gondoliere ein und singen Arien aus Barockbooten.

Wenzel gehörte nicht zu den drei begrabenen Kaisern, von denen Brecht sprach. Tatsächlich sind jedoch sogar vier in Prag begraben: außer Karl IV. noch Ferdinand I., sein Sohn Maximilian II. und dessen Sohn Rudolf II.Irgendeiner der drei Letzterwähnten wurde vom Dichter übergangen.

(c) Prague City Tourism_www.prague.eu Geländeform. Vom Vyšehrad blickt man ins Nusle-Tal mit seiner dominanten Brücke.Geländeform. Vom Vyšehrad blickt man ins Nusle-Tal mit seiner dominanten Brücke. / Bild: (c) Prague City Tourism_www.prague.eu 

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Im Vergleich zum danebenliegenden Hradschin ist die Malá Strana, die Kleinseite, unterbesucht, besonders ein Schlängelgässchen am Rand der Burg, wo noch vor einem halben Jahrhundert das Wohnen so günstig war, dass sich arme Künstler prägentrifizierte Buden leisteten. Die Neue Welt, Nový Svět, sieht heute, einige Holzhausbrände später, völlig anders aus als im späten Mittelalter. Der semidörflichen Anziehungskraft der Kopfsteinpflastergegend samt Biedermeier-Architektur können sich Besucher schwer widersetzen, am wenigsten bei brennenden Gaslichterimitationen.

Die Häuser heißen nach Symbolen, die über der Tür befestigt oder gemalt sind, von der Krabbe bis zum Hochrad ergibt das breit gefächerte Möglichkeiten. Die Goldene Birne im Barockhaus auf Nummer drei ­
war früher ein bodenständiges Beisl, im Goldenen Pflug lebte der Geigenvirtuose František Ondříček, später Leiter des Neuen Wiener Konservatoriums. Kepler schrieb hier seine „Astronomia Nova“, und sein Lehrer Tycho Brahe wohnte gar auf Nummer eins.

Auf der Kleinseite befindet sich aber auch Kampa, die Halbinsel, früher eine Insel – direkt unter der Karlsbrücke. Der Teufelsbach (Čertovka) mit seinem Mühlrad gilt als romantisch. Kurioserweise hält die Mühle heute nicht das Wasser, sondern Elektrizität in Betrieb.

Weltstadt der Astronomie. Die Weltführung Prags in der Astronomie setzte sich auch nach Brahe/Kepler fort. Brennpunkt: ein Jesuitenkolleg an der Brücke. Ferdinand, einer der begrabenen Kaiser, hatte die Jesuiten 1556 zur Stärkung der Gegenreformation ins protestantische Prag eingeladen. Hundert Jahre später hatten sie ihr Werk vollbracht und das Klementinum geschaffen, einen vielfältigen Gebäudekomplex mit einer Barockbibliothek und heute der Nationalbibliothek.

(c) Prague City Tourism_www.prague.eu Ruheraum. Prag ist eine durchaus grüne Stadt: Hier der Grébovka-Park in Vinohrady.Ruheraum. Prag ist eine durchaus grüne Stadt: Hier der Grébovka-Park in Vinohrady. / Bild: (c) Prague City Tourism_www.prague.eu 

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Dass nach weiteren hundert Jahren in Prag die weltweit ersten durchgehenden meteorologischen Messungen begannen, lag auch an den idealen Arbeitsbedingungen. Der Astronomische Turm (erbaut 1722) hätte theoretisch zwar einen Lift, der ist aber außer Betrieb. Die Schilder wirken so professionell, dass einem der Gedanke kommt, die Aufzuglosigkeit gehöre zum Originalerleben des Turms. Wie einst die Astronomen ziehen sich Besucher auf der Wendeltreppe Richtung Sternenhimmel einen Bandwurm zu. Die obersten Treppen sind aus Holz und ähneln Leitern. Ladislaus Weinek, einst Direktor der Universitätssternwarte, brachte neues Leben in den Turm. Er publizierte den ersten fotografischen „Mond-Atlas“, und Albert Einstein, 1911/12 sechzehn Monate lang als Lehrender an der Franzensuniversität beschäftigt, soll daraufhin gesagt haben, der Weg zum Mond führe „über die Karlsbrücke, dann beim Kleinseitener Brückenturm nach links abbiegen“. Irgendwann nach Einsteins Lektorat kam der Verkehr. 1950 überquerte sie die letzte Tramway, 1961 (offiziell) das letzte Auto, die Risse im Fundament sind mittlerweile unter Kontrolle.

Das Hin und Her zwischen den Moldauseiten lässt einen immer wieder nach den Schwänen Ausschau halten. Untertags geben sie es billiger. Gerade ballen sie sich zusammen, ein Arbeiter schüttet eine blaue Plastiktonne unklaren Inhalts in den Fluss. Beißend, schnatternd und ganz unmystisch kämpfen die Individuen um ihren Anteil. „Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne / der Mächtigen kommen am Ende zum Halt“, dichtete Brecht, „und gehn sie einher auch wie blutige Hähne / Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.“

Infos

Anreisen: ÖBB und tschechische Bahn bieten eine Railjet-Verbindung zwischen den beiden größten Städten Österreichs und Tschechiens an. Wien-Brünn, 94 Minuten, Graz-Prag sieben Stunden; Tipp: Sparschiene-Tickets.

Übernachten: Angelo by Vienna House Prag in Prag 5, modernes Hotel in guter Einkaufsgegend, zentrumsnah bei Tram- way, Zimmer und Suiten mit Pragblick, Packages
u. a. mit Ticket für Mol- dauschifffahrt und Öffis. www.viennahouse.com/de/angelo-prague

Essen & Trinken: King Solomon, das „original kosher resraurant since 5760“, im einstigen Ghetto, wirbt mit Gästen wie Susan Sarandon oder Harvey Keitel.
(„I will recommend to Quentin“), www.kosher.cz

Lehká hlava, verstecktes, originelles, vegetarisches Lokal, wird von einer Miniküche aus betrieben, Boršov 280, Prag 1
Krčma, klassische böhmische Hausmannskost, www.krcma.cz

Café Louvre, seit 1902, tolles Art-nouveau-Stiegenhaus, wirbt mit Kafka, aber der war überall, www.cafelouvre.cz

Anschauen, Herumschippern: Klementinum, www.klementinum.com Karlsbrücke-Museum mit einem Café, wo man das furchtbare, aber einzigartige Begrüßungselixier des heiligen Jan Nepo- muk trinken kann; interessante Führungen; www.muzeumkarlovamostu.cz

Direkt dahinter: Pražké Benátky, Schifffahrt durch das Prager Venedig (erweiterte Moldau-Überquerung mit Befahrung eines Minikanals in historisierenden Holzbooten), www.prazskebenatky.cz

Škoda-Museum, gleich neben dem Werk in Mladá Boleslav, 60 km von Prag, Vorreservierung nötig. http://museum.skoda-auto.com

Museum of Communism, private Kuriositätensammlung aus der Nachkriegszeit, www.muzeumkomunismu.cz

KGB-Museum, private Memorabiliensammlung, es führen Zeitgenossen, kgbmuseum.com

Lesen: Umberto Eco: „Der Friedhof von Prag“.
Infos: CzechTourism, www.czechtourism.com/de

Die Reise wurde von CzechTourism, ÖBB und Vienna House unterstützt.

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