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Bukarest: Kleine Hahnhoden und Bärenfleisch

14.07.2017 | 13:41 |  Von Robert Quitta (Die Presse)

Jugendstil- und Art-déco-Villen, picobello restaurierte Kirchen und zahlreiche Sights laden zu urbanen Expeditionen ein. Bukarest hat sich zum veritablen Städtereiseziel gemausert.

Parlamentspalast in Bukarest / Bild: Imago 

Bukarest hat nicht den Ruf einer schönen Stadt. Und doch hat sich ein italienischer Journalist vor Enthusiasmus unlängst fast überschlagen: „Schon auf dem Weg vom Flughafen ist man von den prächtigen Palästen aus dem 19. Jahrhundert überrascht, im Zentrum dann von den faszinierenden Cafés, Restaurants, kleinen orthodoxen Kirchen, Jugendstil- und Art-déco-Villen. Die Menschen sind freundlich und entgegenkommend. Die Parkanlagen sind großzügig angelegt und hervorragend gepflegt, selbst bei hohen Temperaturen im Sommer. Die Verkehrsteilnehmer verhalten sich so zivilisiert, und die Straßen sind so sauber (keine Müllberge! Nicht einmal ein Stück Papier!), dass man sich nach der Rückkehr nach Rom wie in der tiefsten Dritten Welt vorkommt.“

Nun, vielleicht übertreibt unser italienischer Freund da ein wenig, aber im Prinzip hat er recht: Die rumänische Hauptstadt hat sich in den vergangenen fünf Jahren vom hässlichen Entlein wenn schon nicht zum Schwan, so dann doch zu einem beachtlichen Vogel gemausert, dem man durchaus einen Besuch abstatten kann. Zwar hatte sich schon unmittelbar nach dem Sturz Ceauşescus viel Erbauliches getan: Häuser wurden renoviert, Lokale wurden eröffnet. Aber irgendwie blieb dieser Prozess dann lange stecken. Man stolperte mitten in der Innenstadt immer noch in tiefste Schlaglöcher, die offenbar eher als Geldwaschanlagen getarnten Cafés wechselten erstaunlich schnell Aussehen und Besitzer. Seit Kurzem verspürt man, vielleicht auch dank der von der EU unterstützten Antikorruptionsbehörde, eine andere Atmosphäre. Die ins Zentrum führende Hauptstraße, die Cala Victoriei, die man früher nicht ohne Gefahr für Gesundheit und Leben frequentieren konnte, weist nunmehr nicht nur einen breiten Gehsteig auf, sondern –zum Zorn der Taxifahrer – auch einen breiten Fahrradstreifen. Selbst die gastronomischen Einrichtungen erwecken den Eindruck, nunmehr ihrem eigentlichen Zweck zu dienen. Ein paar Tage in Bukarest also.

Nach dem Pflichtprogramm – Palast des Volkes, das nur zweitgrößte, aber unbestritten hässlichste Gebäude der Welt, die Kathedrale auf dem Patriarchenhügel oder die im ehemaligen Königspalast untergebrachte Nationalgalerie – sollte man sich Zeit nehmen für Bukarests verborgenere Schätze. Zum Beispiel fürs Museum der Kunstsammlungen, in dem die vom kommunistischen Regime enteigneten kostbaren Privatsammlungen zwangszusammengeführt wurden. Die Bilder sind toll, was einen Besuch unbedingt nahelegt, zumal man dort meistens fast allein, Auge in Auge mit den Malern ist.

Superb renovierte Villen

Schöner ist es nur noch, den wenigen ihrem Kunstgulag-Schicksal entkommenen Privatkollektionen in ihrem natürlichen Habitat, in den mittlerweile auch superb renovierten Villen ihrer ehemaligen Besitzer die Reverenz zu erweisen: dem Aman-, dem Pallady-, dem Storck- und dem Zambaccian-Museum. Allerliebst sind auch die vielen kleinen orthodoxen Kirchen. Sie sind picobello renoviert und äußerst gut besucht. Mit Glück gerät man in immer samstags anberaumte Totengedenkzeremonien, bei denen auch Fremde willkommen sind, oder in eine Hochzeit, bei der die Brautleute goldene Krönchen tragen.

Das kulturelle Angebot in Bukarest ist überreichlich. Die Nation ist theaternarrisch und füllt die Spielstätten meist bis zum letzten Platz. Das schönste Theater ist das Odeon, ein klassizistisches Gebäude mittlerer Größe, sehr anheimelnd. Wenn es irgendwie geht, sollte man auch einen Abend im Ateneul einplanen, einem der ältesten und seltsamsten (Rundform, Schlachtengemälde an der Decke) Konzertsäle Europas. Die Akustik ist so toll, dass sich die berühmtesten Dirigenten der Welt hier regelmäßig nicht nur vor dem Publikum, sondern auch vor dem Saal und seinen Eigenschaften selbst zu verneigen pflegen.

Die rumänische Küche ist ja nicht für ihre Leichtigkeit und Raffinesse berühmt. Vegetarier werden sich schwertun, etwas zu finden außer das Nationalgericht Mamaliga, eine stocksteife Polenta ohne Eigengeschmack. Aber es gibt doch nette Gerichte, etwa die Ciorba-Suppe, die Mici (rumänische Cevapcici), Muraturi (eingelegtes Gemüse), Vinete (marinierte Melanzani), Sarmale (Krautrouladen), Zacusca (eine Art Letscho) oder auch die ziemlich kleinen Hahnhoden. Lokale, die auf typisch rumänische Gerichte spezialisiert sind, findet man zuhauf in der ein wenig überrenovierten ehemaligen Altstadt Lipscani, und wenn einem das einheimische Essen auf die Dauer doch zu streng sein sollte, kann man auf die aus unerfindlichen Gründen hier extrem stark vertretenen libanesischen Restaurants ausweichen. Punkto Sehenswürdigkeiten ist seit Kurzem eine neue, der Frühlingspalast, hinzugekommen, das private, 80 Zimmer umfassende Wohnquartier der Familie Ceauşescu. Angesichts der Vergoldung einzelner Räume wird man unweigerlich an das Penthouse Donald Trumps erinnert. Autokraten dürften alle ein ähnliches Geschmacklosigkeitsgen besitzen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 8.7.2017)

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