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Millstätter See: Ein Haus beim Schilf, am Strand allein

14.07.2017 | 14:20 |  von Madeleine Napetschnig (Die Presse)

Rückzug und Reduktion statt Überangebot und Luxusausstattung: In „Biwaks unter Sternen“ nächtigt man in Logenplätzen am Wasser, auf einer Waldlichtung oder am Berg. Man könnte in dem Idyll durchaus Wurzeln schlagen.

Ganz neu, reduziert designt: „Biwak unter Sternen“. / Bild: Nina Hader 

Der Picknickkorb mit dem Abendessen steht auf der Terrasse. Der freundliche Hotelchef, der ihn gebracht hat, ist wieder weg. Plötzlich wähnt sich der Gast allein auf dem großen privaten Strandareal. Nicht ganz – er ist zu zweit, um in dem neuen „Biwak unter Sternen“ halb im Schilf Quartier zu beziehen. Einem von sieben kleinen Holzhäuschen, die heuer rund um den Millstätter See an besonders stimmigen Orten aufgestellt werden. Kajaks, Stand-up-Paddler und Enten gleiten vorbei, kein röhrendes Motorboot zerschneidet den lauschigen Abend hier in Döbriach, am Ostende des Sees. Im Schein der untergehenden Sonne werden die beiden Eames Chairs und das leichte runde Tischchen vom Biwak auf die Terrasse gestellt, dann wird die Sektflasche geköpft, die Jause ausgepackt: Antipasti, Aufstriche, Eingelegtes. Lang sitzt man draußen auf der biwakeigenen Holzterrasse und geht im Idyll auf. Das anlandende Wasser plätschert an den Steg, Wind streicht über das hüfthohe Schilf vor der Brüstung, die Bäume im Hintergrund rascheln leise. Naturgeräusche aus der Sommerfrischekindheit machen den Städter mit so einer plötzlichen Alleinlage vertraut.

Später, im Bett, gehen die Augen durchs große Dachfenster den Himmel ab, Sterne schauen, Blätter zählen, mit dem Kopf im Buch hinüberdämmern . . . Nach acht Stunden kommen die Weckgeräusche aus der Natur, nicht vom Handy, das in einer extra Lade verstaut ruht: zwei Schwäne, die auf Konfrontation gehen. Weiter draußen die leichten Ruderschläge eines Fischers. Von hier aus wirkt der Millstätter See wie aus der Zeit gefallen: An diesem Teil des hügeligen Südufers steht kein einziges Haus. Dass sich hinter dem dichten Baumsaum der Radweg verbirgt, man ahnte es kaum.

Noch dazu ist der See in der Früh spiegelglatt. Daher ist man versucht, so sachte wie möglich herumzuschwimmen, um nur keine Wellen zu schlagen. Langsam wachen die Beine, die Arme, der Kopf auf. Glatt geht sich eine weitere Runde durch das tiefe, glitzernde Wasser des Millstätter Sees aus, bis der große Frühstückskorb angeliefert wird. Bei Kaffee, Eiern, Wurst und Gemüse werden Pläne für den weiteren Tagesverlauf besprochen, aber wieder überdacht: Es ist zu idyllisch und gemütlich hier, also entscheidet man sich wie vermutlich einige, die die neuen Quartiere ausprobieren konnten: beim Biwak abhängen, baden, weiterabhängen, erst dann wandern, rudern, strandpromenieren.

Franz Gerdl Stark nachgefragt: Dinner for two mitten im Millstätter See. Stark nachgefragt: Dinner for two mitten im Millstätter See. / Bild: Franz Gerdl 

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Von Szenografie zum Objekt

Als Maria Wilhelm, Geschäftsführerin der Millstätter Tourismusgesellschaft, die Idee zu den Biwaks vorstellte, war die Resonanz groß. Auch vonseiten der Beherberger, von denen sich manche gleich mit einem Standort einbrachten. So stehen beziehungsweise entstehen heuer sieben Biwaks jeweils auf Grundstücken von Hoteliers, Campingplatzbetreibern oder Bauern, andernfalls wären die Planung, Abwicklung und die Servicierung der kleinen Häuschen zu kompliziert. Der „Biwak unter Sternen/ Rifugio sotto le stelle“ läuft im Betrieb mit, als neues Angebotshighlight. Und mancher Urlauber, der sich für eine Woche im Hotel einquartiert hat, verbringt auch eine Nacht in der idyllischen Hütte an einem besonderen Platz in der Natur. Sei sie direkt am See, sei sie am Berg (wie etwa auf dem Goldeck) oder auf einer Waldlichtung (beim Stanahof in Fresach).

Die Idee zu den 15 Quadratmeter großen Refugien wurde vom Wirtschaftsministerium als Leuchtturmprojekt ausgezeichnet und über die Investitionsmillion mit rund 190.000 Euro gefördert. Konzipiert wurde dieser Prototyp eines Rückzugsorts in der Natur vom Schweizer Szenografen Roger Aeschbach. Umgesetzt wird sie von heimischen Betrieben wie Ralf Moser Holzbau und der Tischerlei Paul Warum. Die Kubatur wirkt archaisch, quasi eine Holzbox mit Steildach. Die Front ist verglast, seitlich öffnen sich Fensterbänder, dazu eine große Fensteröffnung am Dach. Die Häuschen sind gerade so dimensioniert, dass sie auf einem Anhänger transportiert werden können. Funktioniert ein spezieller Ort, ein spezielles Setting nicht, wär's kein Problem, Alternativen zu finden.

Kein Kitsch, kein Flatscreen

Unterscheiden sich die landschaftlichen Umgebungen und Atmosphären ganz bewusst, sind die Biwaks alle gleich designt: reduziert, mit viel heimischem Holz. Mit einem fast raumfüllenden Bett, unter dem sich Ablageflächen finden. Dazu zwei Vitra-Stühle, ein kleiner Tisch. Dahinter eine schmale Tür zum winzigen Badezimmer. Nasszelle beschreibt's nicht richtig, denn hier gibt's ein Waschbecken mit Wasserkrug, den man aus einem Hahn direkt neben dem Biwak auffüllt. Das WC ist eine Campingtoilette. Duschen kann man sich, wie etwa beim Schilf-Biwak am Strand des Döbriacher Hotels Post, im Sanitärhäuschen des privaten Bades. Sind nur ein paar Meter über die Liegewiese.

Dass eine groß angelegte touristische Strategie, die schon seit einigen Jahren auf „Zeit zu zweit“ am Millstätter See abzielt, frei von viel Kitsch und Gefühlsduselei sein muss, ist klar. Emotionen lassen sich nur durch Authentisches schüren, Romantik vielleicht etwas inszenieren, aber nicht verordnen. Speziell, wenn es dann um ein konkretes Quartier geht. Das heißt in der Biwak-Praxis: keine Herzerln, keine verstreuten Rosenblätter, keine zu Schwänen geknebelten Handtücher. Aber auch nicht das Gegenteil – kein Flatscreen und buntes Prospektmaterial. Die Dekoration besteht aus zwei Solarleuchten, Schaffellen für die Stühle und einem Spruch von Rainer Maria Rilke, der groß über einem der Fenster steht. Reicht doch.

Franz Gerdl GranattorGranattor / Bild: Franz Gerdl 

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Einbindung der Landschaft

Die Biwak-Idee ist gleichzeitig logische Folge wie Ergänzung vorangegangener Initiativen. Einige Angebote sind bis heute sehr stark nachgefragt, wie beispielsweise das Dinner for two, bei dem die Gäste auf einem Floß mitten im Millstätter sitzen und per Boot mehrere Gänge serviert bekommen. Auch das Buchtenwandern hat sich von einem touristischen Produkt zu einer beliebten Aktivität entwickelt. Wie anno dazumal nimmt man die Ruder in die Hand und schippert den baumüberhangenen kleinen Buchten am unverbauten Südufer entlang. Mit an Bord: ein Picknickkorb. Und am Ufer: Bänke zum Rasten und zum Jausnen.

Überhaupt wurde durch Landschaftsmöbel und dezente szenografische Ideen manchem Urlauber die Natur nähergebracht: etwa einem „Sternenbalkon“ mit einer traumhaften Aussicht auf den See. Oder dem Granattor als Wanderziel auf der Millstätter Alpe – weil dort tatsächlich immer wieder Granate gefunden wurden. Nun könnte man auch auf dem von Szenograf Aeschbach erdachten „Weg der Liebe“ von der Alexanderhütte bis eben zu diesem Tor wandern, bei sieben Bankerln stehenbleiben und Fragen nach dem Wesen der Liebe beantworten. Die dann ein Buch füllen – mit ganz erstaunlichen Antworten.

AM WASSER

Übernachten: im „Biwak unter Sternen“ (Rifugio sotto le stelle), ein Koopera- tionsprojekt, bei dem sich unter der Regie der Millstätter See Tourismus sieben Unternehmer zusammengeschlossen haben. Die Biwaks haben je nach Location bestimmte Namen (z. B. Schilf, Quelle, Lichtung). Buchbar unter: www.biwaks.millstaettersee.com

Am See: Buchtenwandern mit Ruderboot und Picknickkorb.

Essen: Dinner for two, dinieren auf einem Floß im See bei Koller's Hotel. Motorboottransfer, Aperitif, Menü mit sieben Gängen, 370 Euro. Reinankenwirte: Fisch aus dem See beim Hotel Die Forelle, Hotel Posthof, Familienhotel Post, Seefischerei Brugger, www.reinankenwirte.com

Infos: www.millstaettersee.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.7.2017)

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